Gelsenkirchen - Auf Schalke ist nicht erst seit Samstag die Unkonstanz eine Konstante. Doch warum ist das so? SPORT1 sucht nach Antworten.

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Aus Gelsenkirchen berichtet Andreas Reiners

Es kommen wieder positive Töne in diesen Tagen von Schalke 04.

Erst der 4:1-Sieg am Samstag gegen den FSV Mainz 05. Nun die Signale von Manager Horst Heldt, dass sich eine Vertragsverlängerung von Top-Stürmer Klaas-Jan Huntelaar andeutet.

Wie stabil dieses Zwischenhoch ist, muss sich allerdings zeigen.

Denn die Frage ist: Warum ist auf Schalke die einzige Konstante, dass nichts konstant ist? Was sind die Gründe für das ständige Auf und Ab, die andauernden und sich munter abwechselnden Höhen und Tiefen, diese viel zitierte Wundertüte?

"Das ist nicht so einfach. Das ist zum Teil manchmal Kopfsache, zum Teil ist es die hohe Belastung. Die ganzen Gründe kann ich auch nicht finden. Wenn wir sie wüssten, hätten wir gegen Chelsea nicht so verloren", sagte Eric Maxim Choupo-Moting nach dem Sieg gegen Mainz. Und das nur vier Tage nach dem desaströsen 0:5 gegen den englischen Spitzenreiter.

Es sind eine Menge Gründe. Bereits unter Ex-Trainer Jens Keller schwankten die Leistungen im Wochentakt. So folgte beispielweise einem umjubelten Derbysieg gegen den BVB ein völlig ernüchterndes Remis in der Königsklasse gegen Maribor. Überraschend, unerklärlich, teilweise unfassbar.

Unter dem neuen Trainer Roberto Di Matteo setzt sich das Szenario munter fort: Einem offensichtlichen Aufbäumen folgt ein herber Rückschlag, zumeist beantwortet mit einer Trotzreaktion, wiederum gefolgt von einem Rückfall.

Doch warum ist das so? SPORT1 begibt sich auf Spurensuche.

- Verletztenliste

Nein, die Personalprobleme sind nicht von der Hand zu weisen. Gegen Mainz fehlten Di Matteo neben den kurzfristigen Patienten Kevin-Prince Boateng (Infekt und Knöchelverletzung) und Felipe Santana (Oberschenkel) auch Chinedu Obasi (Knochenhautentzündung am Schienbein), Sidney Sam (muskuläre Probleme), Kaan Ayhan (Kniebeschwerden), Julian Draxler (Reha nach Sehnenanriss), Joel Matip (Fußbruch), Leon Goretzka, Fabian Giefer (beide Aufbautraining nach Muskelbündelrissen), Sead Kolasinac (Reha nach Kreuzbandriss) und Jefferson Farfan (Reha nach Knorpelschaden).

Eine durchaus schlagkräftige Bundesliga-Truppe. Auf der Bank nahmen dafür Talente wie Axel Borgmann, Maurice Multhaup oder Marcel Sobottka Platz. Seit Monaten fehlen immer mindestens sieben, acht Spieler.

Bei Niederlagen werden die Personalprobleme gerne als mit ursächlich angeführt, bei Siegen als Symbol für die Schalker Unverwüstlichkeit. Hinzu kommen in dieser Saison aber auch eklatante Fitnessprobleme. Fakt ist, dass all dies kontinuierliche Arbeit nachhaltig stört.

- Der Trainer

Di Matteo ist selbst wohl am meisten überrascht über seine Mannschaft, die ihn mal schmählich im Stich lässt, um dann jedoch umgehend aufkommende Kritik wieder im Keim zu ersticken.

Der 44-Jährige geht diese Mammut-Aufgabe mit einer beneidenswerten Engelsgeduld an. Er wirkt nach außen hin fast schon emotionslos. Eigentlich eine gute Eigenschaft in diesem unruhigen Umfeld. Teilweise ist aber auch er ratlos, was den Charakter seiner Mannschaft angeht.

Doch intern findet er nach einer Findungsphase offenbar die richtigen Worte. "Der Trainer hat uns noch einmal klar gesagt, dass wir Schalke 04 sind, dass wir guten Fußball spielen können und einfach mal wieder Spaß auf dem Platz haben sollen", sagte Choupo-Moting.

"Ich weiß, dass man viel auf das Negative schaut. Ich versuche aber immer, das Glas halbvoll zu sehen und positiv zu sein", erklärte Di Matteo, der zuletzt als Taktik-Tüftler überzeugte.

- Das System

Die Personalprobleme bewogen Di Matteo bereits am vorletzten Spieltag gegen Wolfsburg zu einer Systemumstellung. Ein variables 3-5-2, eine Dreierkette mit zwei offensiv und defensiv intensiv arbeitenden Außen, dazu in Choupo-Moting und Huntelaar zwei Spitzen: Ein System, das zu den Spielern passt und in dem sie sich sichtlich wohl fühlen.

Warum er das System gegen Chelsea nicht einsetzte? "Gute Frage. Er hatte seine Vorstellungen. Das hat nicht funktioniert. Daraus kann man nur lernen", übte Christian Fuchs offene Trainer-Kritik.

Choupo-Moting ergänzte zur generellen Systemumstellung: "Es hat gut funktioniert und Spaß gemacht. Es stimmt, dass wir uns in diesem System viele Chancen erarbeiten und dass das kein Zufall ist." Und damit auch ein triftiger Grund, warum Di Matteo daran festhalten sollte.

- Das Umfeld

Ein weiteres Schalker Phänomen: Bereits in der Vorsaison war die Unruhe stets greifbar. Dieses stets schwierige, durch die Sehnsüchte nach Erfolgen und die eigenen, teilweise erdrückenden Erwartungen bisweilen hyperventilierende Umfeld ist eine Herausforderung.

Die vernichtende Kritik nach der Chelsea-Blamage war der Mannschaft dann zu viel: Sie entschied sich spontan für einen kleinen Presse-Boykott. Auch ein Statement. Ändern wird das allerdings eher nichts.

- Die Leistungsträger

Auch sie sind bisweilen unergründlich. Wenn sie nicht gerade fehlen, enttäuschen sie oft.

Draxler war bis zu seiner Verletzung auf der Suche nach seiner Form, Kapitän Benedikt Höwedes gab bei seiner unverhohlenen Kritik am Fitnesszustand und damit auch an Ex-Coach Keller keine gute Figur ab.

Huntelaar wirkte mal völlig frustriert, um dann wieder zu explodieren.

Kevin-Prince Boateng tauchte zu oft ab. Dem oft verletzten Leader fehlt die Frische. Und womöglich so auch der letzte, unbedingte Wille.

- Die Mentalität

Die Charakterfrage wurde auf Schalke schon oft gestellt, nicht erst unter Di Matteo, sondern praktisch im Wochentakt auch unter Keller. Die Frage, ob in dieser Mannschaft die Mischung möglicherweise eine falsche und damit ein Problem ist. "Wer jetzt noch am Charakter der Mannschaft zweifelt...", sagte Schalke-Boss Clemens Tönnies nach dem Sieg gegen Mainz und ließ den Satz unvollendet.

Doch warum die Mannschaft zumeist immer erst dann Antworten liefert, wenn im Grunde niemand mehr damit rechnet, ist die Gretchenfrage. Der Knackpunkt, der Schlüssel, um Konstanz und auch Ruhe in den Klub zu bekommen. Diese Frage zu beantworten und eine Lösung zu finden, wird die dringlichste Aufgabe für den neuen Trainer sein.

Und das bereits am kommenden Wochenende beim VfB Stuttgart mit Ex-Trainer Huub Stevens. "Wir haben auswärts einen kleinen Anti-Lauf. Es wird Zeit, dass wir den Anti-Lauf stoppen", forderte Fuchs nach nur drei Punkten auf fremden Plätzen. "Da wird uns wieder niemand etwas zutrauen. Umso schöner, wenn wir dann wieder alle überraschen können."

Ist ja letztendlich auch eine Konstante.

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