Dortmund - Dortmund will anders sein als die Bundesliga-Konkurrenz. Auch als Tabellenletzter. Der Verein droht dabei zu zerreißen.

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Von Pierre Winkler und Henning Maid

Eine Woche spielfrei: Für einen Verein wie Borussia Dortmund ist das im Spätherbst purer Luxus. Zeit für Trainer Jürgen Klopp, die zerdepperten Einzelteile des Tabellenletzten aufzusammeln.

Am Montag schüttelte der kalte Wind den Reservisten vom 0:2 bei Eintracht Frankfurt die Knochen durch. Eine Einheit wie Hunderte zuvor, und doch speziell: Zum ersten Mal in der Ära Klopp steht der BVB alleine ganz unten in der Tabelle. Und zum ersten Mal in der Ära Klopp erfahren die Spieler, wie sich so ein ausgestreckter Fan-Mittelfinger anfühlt.

In Frankfurt schleuderten die mitgereisten Anhänger den Profis nach der achten Saisonniederlage wüste Beschimpfungen entgegen. Die Stimmung kippt.

Klopp versteht wütende Fans

Zunächst nur bei den härtesten BVB-Fans, die sich vielleicht sogar noch mehr mit der Borussia beschäftigen als jeder Verantwortliche. "Es gibt momentan wenig Gründe, um uns zu feiern", zeigte Klopp Verständnis. "Wir müssen uns das Vertrauen zurückerarbeiten."

Die Mehrheit glaubt aber weiterhin an die Wende. Daran, dass passiert, was einfach passieren muss. Ein Verein wie Borussia Dortmund kann nicht gegen den Abstieg spielen.

Mit viel Geschick hat der BVB seinen Slogan "Echte Liebe" in die Hirne der Dortmunder penetriert. Es ist der Traum jedes Vermarkters: Die allermeisten Fans haben dieses Image gierig angenommen, verzieren die Stadt freiwillig mit schwarzgelben Herzchen.

Dahinter steht die Idee: Borussia Dortmund ist leidenschaftlicher als alle anderen Bundesligisten, die Fans sind treuer. Und vor allem stehen der Vorstand und die sportlichen Leiter enger zusammen als überall sonst im Fußballland.

Wenn also nun die eigenen, die treuesten Fans doch pöbeln, verbiegen sich alle im Verein. "Die Reaktion nach dem Spiel, da habe ich völliges Verständnis für. Auch wenn es in der Seele so weh tut!", schrieb etwa Kevin Großkreutz bei Instagram.

Großkreutz appelliert an Fans

Andererseits: "Es geht jetzt gerade um den Verein Borussia Dortmund und dafür muss man alles geben! Wir sowieso, aber brauchen euch dafür, ansonsten wird es so wie in manch anderen Vereinen, die auch nie damit gerechnet haben, da unten mal zu stehen und da nicht mehr rauskommen!"

Bei "manch anderen Vereinen" wäre der Trainer längst weg - oder konkret unter Siegzwang.

Klopp dagegen darf selbst entscheiden, wann er geht. Was den Verein sechs Jahre lang so stark gemacht hat, ist jetzt seine größte Schwäche. Die branchenüblichen Mechanismen greifen nicht mehr.

Ansage an Jojic

Seit Wochen sucht Klopp nach dem entscheidenden neuen Reiz für seine verunsicherte Mannschaft. Am Montag redete er etwa minutenlang auf Milos Jojic ein. Der Serbe spielte zuletzt kaum eine Rolle, Klopp quetscht in seinem Kopf jede Option aus.

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Statt wie üblich die Bankdrücker vom Wochenende gegeneinander spielen zu lassen, setzte Klopp eine Trainingspartie gegen Spieler der Drittliga-Mannschaft an. Möglich, dass gegen Hoffenheim einer davon im Kader steht.

Klopp: "Ich stehe nicht im Weg"

Klopp ist zerrissen, wie der ganze Verein. Einerseits arbeitet er mit riesigem Aufwand an der Rettung, andererseits denkt er hörbar über seine eigene Rolle nach: "Ich stehe nicht im Weg, aber ich kann nicht gehen, bevor es eine bessere Lösung gibt. Die Verantwortung ist groß, und der stelle ich mich." Wohl nur Klopp kann demütig und gleichzeitig derart anmaßend sein. Dabei hat er Recht: Im Moment gibt es keine bessere Lösung.

Seine oberste Aufgabe: Er muss den verunsicherten Haufen wieder hinbekommen, der gerade sein Kader ist. Insgesamt kassierte der BVB in dieser Saison fünf Gegentore nach schweren Patzern, kein anderes Team mehr. In Frankfurt legte Matthias Ginter dem Gegner den zweiten Treffer auf. Allein in den letzten acht Partien fing sich Dortmund sechs Tore direkt nach einem Ballverlust.

Innenverteidiger Neven Subotic spielte in Frankfurt 16 Fehlpässe, Henrikh Mkhitaryan schoss in dieser Saison 29-mal aufs Tor, ohne dabei ein einziges Mal zu treffen. Und immer so weiter.

Das Alarmierende: Offensive funktioniert bei Dortmund so wenig wie Defensive, Neuzugänge patzen genau wie erfahrene BVB-Spieler.

Im Verein sind sich trotzdem alle einig: Noch geht es nur mit Klopp. Watzke und Zorc werden ihn nicht feuern, der Schaden für beide wäre zu groß. Nur wenn es gar nicht mehr anders geht, selbst für Dortmunder Verhältnisse, dürfte Klopp von sich aus gehen. Die Frage ist nur: Würde er diesen Moment erkennen? Oder hat er ihn gar schon verpasst?

Trotz des letzten Platzes ist die Tabelle immer noch der Freund des BVB; nur fünf Punkte sind es bis Platz zehn. Für den Klassenerhalt sind aber womöglich radikale Maßnahmen nötig.

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