Hamburg und München - Beim HSV ist die Euphorie um Joe Zinnbauer verflogen. Der Coach experimentiert erfolglos. Eine Klubikone übt bei SPORT1 Kritik.

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Der Zauber hielt nur kurz.

Bei seiner Amtseinführung Mitte September versprühte Joe Zinnbauer als neuer Trainer des Hamburger SV noch Optimismus. Auch auf dem Platz gelang ihm mit einem Remis gegen den FC Bayern gleich ein Achtungserfolg.

Das Vertrauen des HSV-Vorstands war so groß, dass Zinnbauer Ende Oktober einen Vertrag bis 2016 erhielt ? nach einer trostlosen 0:3-Schlappe gegen Hertha BSC.

Zinnbauer mit ernüchternder Bilanz

Doch nach elf Spielen fällt das Zwischenzeugnis des 44-Jährigen ernüchternd aus: Nur elf Punkte sammelte der HSV. In der Tabelle sind die Hanseaten Vorletzter. Insgesamt 23 Spieler setzte Zinnbauer bislang ein, darunter sechs seiner Zöglinge aus der zweiten Mannschaft. Gebracht hat seine Experimentierfreude wenig.

Entsprechend angespannt ist die Lage beim HSV.

"Hamburg ist ein ganz heißes Pflaster, da gibt es sehr viel Druck schon durch die ganze Tradition, weil der Klub schon immer etwas Besonderes war", erinnert sich Thomas Doll bei SPORT1 an seine Zeit bei den Hanseaten. Doll war Spieler und Trainer beim HSV. Er weiß, wie der Klub tickt.

Umso erstaunlicher, dass das Vertrauen der Verantwortlichen in Zinnbauer grenzenlos zu sein scheint. Auch Mirko Slomka begann seine Mission Klassenerhalt in der Vorsaison als unerschütterlicher Strahlemann, ehe ihn die Erfolgslosigkeit zerrieb.

Seeler kritisiert Jugendwahn

Doll sieht in Zinnbauer dennoch den richtigen Mann: "Joe Zinnbauer macht da einen klasse Job und ist mit Engagement bei der Sache. Sie müssen Step by Step ihre Punkte holen, anders geht es nicht."

Skeptischer ist indes Klub-Ikone Uwe Seeler geworden. Zwar bescheinigte er bei SPORT1 dem Trainer "gute Arbeit", gleichzeitig forderte er von Zinnbauer jedoch ein Umdenken bei der Personalpolitik: "Er wird jetzt selbst erkennen, dass ich zwar junge Leute einbauen muss, aber eben nur in entsprechenden Momenten, nicht von Anfang an."

Bei der Niederlage in Augsburg am vergangenen Wochenende brachte Zinnbauer mit Ronny Marcos, Ashton Götz und Mohamed Gouaida gleich drei Zöglinge aus der zweiten Mannschaft von Beginn an. Gebracht hat es wenig. Götz verursachte den Elfmeter zum 1:3 Endstand.

Leistungsträger tauchen ab

Dabei blieb dem Trainer kaum eine andere Wahl. Potenzielle Leistungsträger wie die Schweizer WM-Fahrer Valon Behrami und Johan Djourou laufen ihrer Form seit Monaten hinterher. Und auch von Rafael van der Vaart kam bislang zu wenig.

"Rafael ist natürlich gefordert als Erfahrenster. Er muss sehen, dass er das in Griff kriegt und das Ganze leitet. Das ist das, was man von seiner Klasse verlangt", nahm Seeler den Niederländer in die Pflicht.

Auch die Neuzugänge Lewis Holtby und Nicolai Müller ließen Zinnbauer bislang im Stich. Doll führt dies auf die Drucksituation beim HSV zurück: "Es ist doch etwas anderes, ob Holtby oder Müller irgendwo bei einem Verein dabei sind und einen Führungsspieler an der Seite haben, oder gleich ins kalte Wasser geworfen werden und sofort funktionieren müssen, weil sie auch eine gewisse Ablöse gekostet haben."

Doll sieht verbesserte Defensive

Selbst aus dem eigenen Team war zuletzt öffentliche Kritik laut geworden. "Wir haben viele gute Spieler, aber manchmal fehlt die Persönlichkeit. So etwas kannst du nicht kaufen, sondern du hast es oder du hast es nicht", polterte Behrami nach der Niederlage in Augsburg.

Baustellen allenthalben also. Dennoch sieht Doll unter Zinnbauer durchaus Fortschritte: "Man sieht schon eine Handschrift, im Defensiv-Bereich sind sie viel kompakter, aber sie machen noch zu leichte Fehler." Fehler, die eine Trendwende bisher verhindert haben.

Konkurrenz kommt ins Rollen

"Man sollte Zinnbauer die nötige Zeit geben", forderte Thomas Doll. Doch die wird beim HSV zusehends knapp. Teams wie der VfB Stuttgart oder Werder Bremen haben ihre Talsohle möglicherweise durchschritten und fangen unter ihren neuen Trainern an zu punkten.

Der Druck auf den HSV wächst. Viele missglückte Experimente sollte sich Zinnbauer nicht mehr erlauben.

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