München und Frankfurt am Main - Erneut stimmen die Bundesliga-Klubs über die Einführung der Torlinientechnik ab. SPORT1 beantwortet vorab die wichtigsten Fragen.

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Schiedsrichter-Torheiten sollen endlich ausgeschlossen, Phantomtore ausgemerzt werden:

Im zweiten Anlauf wollen die Vertreter der Bundesliga-Vereine am Donnerstag in Frankfurt/Main über die Einführung der Torlinientechnik abstimmen.

"Diese Technologie wird den Schiedsrichtern helfen", sagt Hellmut Krug bei SPORT1. "Das wollen die Schiedsrichter seit vielen Jahren."

Doch vor der Versammlung der Klubs ist die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit noch lange nicht sicher.

SPORT1 beantwortet vorab die wichtigsten Fragen.

• Warum wird die Debatte geführt?

Auslöser war das Phantomtor von Bayer Leverkusens Stefan Kießling am 18. Oktober 2013 in der Partie bei 1899 Hoffenheim.

Nach wochenlangem Theater war die Diskussion um die Technik nach der Ablehnung der Einführung im März allerdings zunächst beendet.

Der nicht anerkannte Treffer des Dortmunders Mats Hummels im DFB-Pokalfinale zwischen den Bayern und dem BVB (2:0 n.V.) brachte dann neuen Schwung in das Thema.

Dass die Technologie bei der WM-Endrunde ihren Härtetest bestanden hat, macht den Befürwortern Hoffnung.

• Wer ist dafür?

Der FC Bayern war es, der den Anlass für die neuerliche Entscheidung gegeben haben. Sie haben den Antrag auf Einführung gestellt.

"Ich finde die Torlinientechnik sehr gut. Es macht das Spiel gerechter und hilft den Schiedsrichtern", sagt Nationalstürmer Thomas Müller.

Neben den Münchnern gehören Borussia Dortmund und 1899 Hoffenheim zu den prominentesten Befürwortern, ebenso Christian Heidel, Manager vom FSV Mainz 05, sowie Jörg Schmadtke, Manager des 1. FC Köln.

"Wir dürfen uns den Neuerungen nicht verschließen", sagt Hoffenheims Sportdirektor Alexander Rosen. Und fügt an: "Die Technik verändert nicht den Charakter unseres Sports, sondern regelt im Sinn aller Beteiligten einfach und schnell die elementare Entscheidung über Tor und kein Tor."

Der frühere Welt-Schiedsrichter Markus Merk wünscht sich gar noch mehr als die Torlinientechnik, sieht im Videoschiedsrichter "die Zukunft".

Die Spitze der Deutschen Fußball Liga (DFL) sieht sich ohnehin für eine Einführung gerüstet.

"Wenn ich Klub-Verantwortlicher wäre, würde ich wahrscheinlich dafür stimmen", sagt DFL-Boss Christian Seifert.

• Wer ist dagegen?

Allen voran sperrt sich der FC Schalke 04 - und sieht keinen Grund dafür, seine Position zu ändern.

"Ich habe keine neuen Erkenntnisse gewinnen können", sagt Manager Horst Heldt.

Und ergänzt: "Tendenziell sind wir für den Videobeweis. Torlinientechnik ist Flickschusterei, das kommt 30 Spiele lang überhaupt nicht vor."

Gewisse Bedenken hegt selbst Befürworter Schmadtke: "Wenn man die Tür öffnet, wird es irgendwann Techniken für Abseits und das Seitenaus geben. Der Schiedsrichter ist dann nur noch Erfüllungsgehilfe der Technik."

• Geht es auch um Geld?

Für das System müssten die Klubs selbst aufkommen. Die Kosten sind etwa - je nach System - zwischen 250.000 und 500.000 Euro pro Stadion veranschlagt.

• Welche Abstimmung ist zu erwarten?

Der Ausgang ist offen, aber: Laut einer Umfrage unter den Vereinen werden nur zehn Vereine sicher für die Neuerung votieren - nötig für die erforderliche sind aber zwölf Stimmen.

Bei der zurückliegenden Versammlung im März wurde die Zweidrittel-Mehrheit jedenfalls deutlich verfehlt (9:9).

Da sich fünf Klubs klar gegen das Hilfsmittel ausgesprochen haben, wird es auf die drei Vereine ankommen, die im Vorfeld keine Angaben machen wollten oder sich noch nicht entschieden haben.

• Wie geht es weiter?

Bei einem positiven Votum soll die Technik frühestens zur kommenden Saison und ausschließlich in der Eliteklasse eingeführt werden.

Falls sich die Vereine für die Technik entscheiden, will sich auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) anschließen.

Dann soll das Hilfsmittel im DFB-Pokal ab den Viertelfinals 2016 zum Einsatz kommen.

• Welche Systeme gibt es?

Drei Systeme stehen zur Auswahl. Am Ende wird der Ligavorstand den Vereinen voraussichtlich aber nur ein Modell zur Abstimmung vorlegen.

Das GoalControl-System, das bei der WM 2014 in Brasilien seinen Härtest bestanden hat, basiert auf sieben Hochgeschwindigkeitskameras pro Tor, die am Stadiondach installiert sind.

Über einen Computer werden alle Objekte auf dem Spielfeld verfolgt und Störfaktoren ausgeblendet.

Der Spielball wird kontinuierlich verfolgt und in drei Dimensionen erfasst, sobald der Ball in Tornähe ist. Ist der Ball hinter der Torlinie, empfängt der Schiedsrichter ein Signal auf seiner Armbanduhr.

Das aus dem Tennis bekannte Hawk Eye, das bereits in der englischen Premier League zum Einsatz kommt, basiert auf der Verwendung von sieben Hochgeschwindigkeitskameras pro Tor, die meist am Dach des Stadions angebracht sind.

Diese erfassen den Spielball in Tornähe ständig aus verschiedenen Winkeln, auch wenn nur ein kleiner Teil des Balls zu sehen ist, so dass die exakte Position des Balls berechnet wird.

Ist der Ball hinter der Torlinie sendet das System ein entsprechendes Signal an die Armbanduhr des Schiedsrichters.

Das GoalRef wiederum basiert auf einem Magnetfeld im Tor, das über spezielle Spulen im Spielball registriert wird.

Diese bauen, sobald sie sich im Tormagnetfeld befinden, durch Induktion ein eigenes Feld auf, so dass im Tor eine Magnetfeldänderung registriert wird.

Ein Auswertungssystem errechnet, ob sich der Ball im Tor befindet und sendet ein entsprechendes Signal an die Armbanduhr des Schiedsrichters.

• Was passiert bei einer Ablehnung?

Das Thema ist trotzdem nicht durch. Die nächste fragwürdige Entscheidung kommt bestimmt, der nächste Antrag ist dann nur eine Frage der Zeit.

Zumal die Technik bei den FIFA-Turnieren große Erfolge feierte - auch bei der EURO 2016 ist ein Einsatz nicht ausgeschlossen.

Eine "Never-Ending-Abstimmung", die immer wieder abgeschmettert wird, wäre allerdings recht peinlich für die DFL.

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