München und Augsburg - Der Höhenflug des FC Augsburg ist geknüpft an Trainer Markus Weinzierl und Manager Stefan Reuter. SPORT1 analysiert.

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Markus Weinzierl liebt solche sprachlichen Gegensätze.

"Ein Kleiner, der momentan groß spielt", antwortet der Trainer des FC Augsburg bei SPORT1 auf die Frage, wo sein Klub denn nun anzusiedeln sei beim sportlichen Höhenflug.

Sollen sie doch ruhig alle davon reden, dass der FCA als Überraschungs-Tabellenvierter nach der Champions League greift. Oder wenigstens um die internationalen Plätze mitspielt.

Weinzierl spricht nach wie vor nur vom Klassenerhalt, für den man eine gute Ausgangsposition habe.

Also noch mal nachgehakt: Die Königsklasse? "Eine Angelegenheit", sagt Weinzierl, "für die großen Vereine - normalerweise".

"Für die großen Vereine - normalerweise"

Und doch mischt Augsburg mal wieder oben mit. Dank Weinzierl und Stefan Reuter.

Und das nicht erst seit der Vorsaison, als die Schwaben dank Coach und Manager bereits an der Europa League schnupperten.

Ein dritter Konstrukteur des Aufstiegs ist allerdings gerade aus persönlichen Gründen zurückgetreten: Präsident Walter Seinsch, unter dem Augsburg von der Vierten Liga bis in die Bundesliga marschiert ist, wird ab sofort von Stellvertreter Klaus Hofmann abgelöst.

"Es gibt keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, mein Amt niederzulegen. Außerdem muss ich an meine Gesundheit denken", begründete Seinsch seinen Schritt. Ruhe und Kontinuität wird dieser sorgfältig geplante und einvernehmliche Rücktritt kaum stören.

SPORT1 analysiert die zwei wesentlichen Bausteine des Augsburger Erfolgs.

"Der Trainer passt perfekt"

Weinzierl kann vor allem eins: Ruhe bewahren. "Der Trainer passt einfach perfekt zum FC Augsburg", erklärte Reuter im SPORT1-Interview.

Als die Mannschaft nach zwei Spieltagen Letzter war, schlug Augsburg zurück und rollt seither die Tabelle von hinten auf.

Die Initialzündung war sicherlich Weinzierls erste Saison, in der Augsburg nach nur neun Punkten aus der Hinserie und dem scheinbar besiegelten Abstieg zu einer grandiosen Aufholjagd blies. Am Ende rettete sich der Klub am letzten Spieltag auf einen Nicht-Abstiegsplatz.

Unaufgeregt und mit viel Moral

Erfahrungen, die den Nachfolger von Jos Luhukay nur gefestigt haben in seiner unaufgeregten Arbeitsweise - und die abfärben aufs Team.

Die Mannschaft weiß, was sie zu tun hat. "Wir tun dem Gegner weh", sagte Paul Verhaegh gerade erst dem "Kicker", "erste Voraussetzung ist zunächst: laufen, kratzen, beißen."

Der Trainer setzt auf solche Grundtugenden. Entsprechend lobte er nach dem 3:1 über den Hamburger SV "Wille und Moral". Von der Pausenführung des Gegners ließ sich der FCA keineswegs aus dem Tritt bringen. "Die Mannschaft strotzt vor Selbstvertrauen", so Weinzierl.

Altintop und Bobadilla blühen auf

Dem 39-Jährigen gelingt es zudem stets aufs Neue, aus einem scheinbar qualitativ schwach bestückten Kader mehr als das zu erwartende Maximale herauszukitzeln.

Beste Beispiele dafür sind Halil Altintop ("Es macht derzeit einfach viel Spaß") und Raul Bobadilla, bei ihren Ex-Klubs eher Auslaufmodelle und Problemfälle.

In Augsburg zeigen die Offensiv-Neuzugänge von 2013, dass sie noch längst nicht aufs Abstellgleis gehören.

Werner lässt es krachen

Noch mehr blüht unter Weinzierl Tobias Werner auf. Dabei wurde er 2008 als Ergänzungsspieler für die Zweitligamannschaft geholt.

Und: Taktisch gilt Weinzierl als Fuchs, zeigte bereits zu seiner Zeit als Aufstiegstrainer beim SSV Jahn Regensburg, dass er für Höheres berufen ist.

Mit Engagement, Leidenschaft, immer besser greifenden Automatismen und einer gehörigen Portion Kaltschnäuzigkeit, die er seinen Spielern einimpft.

In Augsburg hat er laut Reuter so ein Team geformt, das "eingespielt, stabil und leidenschaftlich" ist.

Reuter strahlt Ruhe aus

Dass die Augsburger in ihrem vierten Bundesliga-Jahr endgültig etabliert sind, ist aber auch Reuters Verdienst.

Anders als sein streitbarer Vorgänger Jürgen Rollmann überzeugt der Weltmeister von 1990 seit Weihnachten 2012 durch Unaufgeregtheit.

Das große Vertrauen spürt Weinzierl auch immer dann, wenn es mal nicht läuft.

Standhaft in Krisenzeiten

Während andernorts nach dem peinlichen Pokalaus bei Viertligist 1. FC Magdeburg womöglich mit einer Trainerentlassung geliebäugelt worden wäre, blieb Reuter erneut standhaft.

"In Panik verfällt bei uns keiner", sagte der 48-Jährige seinerzeit SPORT1.

Und fügte an: "Wir gewinnen und wir verlieren zusammen, machen jetzt keine Personaldiskussion auf."

Gespür für Transfers

Viel Gespür hat Reuter auch dafür, aus einem vergleichsweise kleinen Etat günstige wie durchschlagende Transfers zu realisieren.

Altintop und Stammkeeper Marwin Hitz holte er in der Vorsaison ablösefrei.

Unmittelbar vor dieser Spielzeit bewies Reuter dann erneut ein glückliches Händchen, als er von der SpVgg Greuther Fürth Abdul Rahman Baba loseiste.

Mit Erfolg: Der Linksverteidiger integrierte sich sofort ins Team, bestritt bisher alle 13 Liga-Spiele, und ersetzt den zum Hamburger SV abgewanderten Matthias Ostrzolek übergangslos.

Gleiche Marschroute gegen Köln

Schon gegen den 1. FC Köln wollen die Fuggerstädter wieder die Puppen tanzen lassen - und geben sich unbeirrt.

"Wir schauen uns die Tabelle gerne an, das ist ein sehr gutes Gefühl. Aber wir fahren nach Köln und wollen weiter Punkte im Abstiegskampf sammeln. Wir haben nur neun Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz", sagt Weinzierl.

Auch wenn die Statistik besagt, dass noch nie eine Mannschaft abgestiegen ist, die nach 13 Spieltagen bereits 21 Zähler hatte.

"Klar und konzentriert bleiben"

Reuter mag nach dem fünften Heimsieg in Serie ebenso wenig abheben: "Wir haben einige erfahrene Spieler", sagte er. "Die werden dafür sorgen, dass wir klar und konzentriert bleiben - der Trainer sowieso."

Der Kleine könnte somit einmal mehr groß aufspielen.

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