München - Stevens überzieht Stuttgart mit einer Kuscheloffensive - aus Kalkül. Jetzt trifft er auf Schalke, lässt das nicht an sich heran.

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Die Spieler können sich nur ergeben. Huub Stevens überflauscht Stuttgart mit seinem Charme. Seinen zweiten Job beim VfB geht er deutlich weicher an als noch zu Beginn des Jahres.

Die Idee dahinter: Stevens will so viele Akteure im Verein wie möglich hinter sich bringen. Eine harte Hand könnte den Klub spalten.

"Natürlich nervt es gewaltig, wenn du da unten stehst. Und wenn du Momente der Enttäuschung hast", sagte Stevens. Stuttgart ist keinen Schritt weiter als im März. Damals übernahm er auf Rang 15, aktuell stehen die Schwaben nach Stevens' Auftaktsieg in Freiburg auf Platz 16. Die Enttäuschung ist in Bein und Kopf gekrochen. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

"Genießt jeden Tag!"

Dagegen setzt Stevens vor dem Spiel gegen den FC Schalke 04 (Sa. ab 15 Uhr LIVE im Sportradio SPORT1.fm und im LIVE-TICKER auf SPORT1): "Den Jungs muss klar sein: Das, was wir hier machen, ist das Allerallerschönste, was wir tun können. Ich selbst kann leider nicht mehr spielen, aber ich bin jeden Tag an der frischen Luft, kann mit jungen Leuten arbeiten, das hält einen selbst auch jung. Ich habe den Spielern gesagt: 'Genießt jeden Tag!' Denn es kommt eine Zeit, in der du das nicht mehr hast."

Stevens hat gelernt aus der vergangenen Saison; damals kam er an seine Grenze, "in diesen Tunnel", wie er es nennt. Allein diese Erfahrung hat ihn lockerer gemacht.

Keine Gefühlsduselei bei Stevens

Damit das klar ist: Stevens wird keinesfalls gefühlsduselig deswegen oder wirft alle seine Knurrer-Qualitäten weg. Er hat nur gelernt, wann es sich doch besser kuschelt. Maloche fordert er aber wie immer.

Auch von sich selbst. Mindestens bis zur Winterpause wohnt er noch im Hotel in Stuttgart. Jeden Abend trifft er sich dort mit seinen Assistenten Adrie Koster und Chima Onyeike in der Lobby. Zusammen planen sie dort die Rettung des VfB.

Sein Verhältnis zu den Spielern ändert sich spürbar. "Ich stelle fest, dass manche Spieler anders auf mich reagieren als vergangene Saison. Bei manchen spüre ich auch gewisse Vorbehalte gegen mich", sagte er. "Das ist doch normal. Die Spieler, die mich schon kennen, wissen, was auf sie zukommt. Sie haben bestimmte Erfahrungen mit mir gemacht. Dem einen hat das mehr, dem anderen weniger gefallen."

Maxim bleibt draußen

Ein Kandidat ist Alexandru Maxim. In den zehn Spielen unter Stevens im Frühjahr stand er nur einmal in der Startelf und saß auch jüngst in Freiburg 90 Minuten lang draußen. Doch es gibt entscheidende Gegenbeispiele.

Moritz Leitner etwa bekam in Stevens' erster Amtszeit nur einmal die Chance von Beginn an, saß bei vier Partien komplett auf der Bank. Oder Sercan Sararer: Damals spielte er keine Minute unter Stevens, verpasste die ersten vier Spiele wegen einer Wadenverletzung und schaffte es danach sechsmal nicht in den Kader. Beide standen in Freiburg in der Anfangsformation.

Sararer überzeugt Stevens

"Sercan ist ein gutes Beispiel. Vergangene Saison konnten wir seine Qualitäten nicht nutzen, weil er nicht so mitgezogen hat, wie wir uns das vorgestellt hatten", sagte Stevens. "Das fand ich schade, aber er wollte unseren Weg nicht mitgehen. Jetzt hat er sich geändert."

Stevens geht es mehr als noch früher um Ausgeglichenheit. Platz für Gedanken über die nächste Partie gegen seine große Liebe bleibt da kaum. "Natürlich sind Gefühle da. Aber die musst du ausschließen, denn du bist Profi", sagte er zum Duell mit Schalke. "Man muss den Fokus hier haben und nicht bei einem Verein, bei dem man in der Vergangenheit gearbeitet hat. Vergangenheit ist nicht so wichtig."

Heldt wartet auf Stevens

Die Zukunft schimmert dafür immer noch blau-weiß für Stevens. Horst Heldt wartet darauf, Stevens endlich in den Schalker Aufsichtsrat zu bekommen. "Jetzt hat er ja wieder einen Job. Aber das Thema wird sicherlich bald wieder aufgegriffen werden. Ich freue mich auf ein Wiedersehen", sagte der Schalker Sportvorstand.

Im Volkswagen Doppelpass am vergangenen Sonntag gratulierte Heldt Stevens zu dessen 61. Geburtstag. Stevens umschmeichelt also und wird gleichzeitig umschmeichelt. Aber erst wenn er den Klassenerhalt mit Stuttgart erneut schafft, kann er sich mit Schalke beschäftigen.

Sein Vorteil für das Spiel am Samstag: Schalkes neuer Trainer Roberto Di Matteo hat die Mannschaft zwar bereits durch neun Pflichtspiele geführt, Stevens ist aber aufgrund seiner Erfahrung sehr viel schneller drin in seiner neuen Aufgabe. Und die Mannschaft hat er schon auf seiner Seite.

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