Ein Philosoph sinniert über die Krise bei Borussia Dortmund. Es sind spannende Gedanken - und für Jürgen Klopp keine schönen.

Es ist eine Weile her, dass Wolfram Eilenberger zuletzt groß in den Sportmedien war.

Anfang 2013, alles wartete auf Pep Guardiola, als der deutsche Philosoph, Publizist und Fußballfan sich in seiner Kolumne "Live aus dem Elfenbeinturm" mit dem kommenden Trainer des FC Bayern befasste.

Eilenberger stellte im "Tagesspiegel" die spielerische Idee Guardiolas in den größeren Zusammenhang, attestierte "eine nur noch pathologisch zu nennende Penetrationsverweigerung" und eine "konsequente Feminisierung des Fußballs".

© SPORT1

Es brachte ihn bis ins landesweit auflagenstärkste Fachblatt außerhalb der Geisteswissenschaften - das bei der Gelegenheit die Frage aufwarf: "Ist der Philosoph etwa philodoof?"

Diese Woche hat er beim Radiosender "MDR Figaro" ein weiteres Mal seine philosophische Sicht der Dinge auf einen großen Fußballtrainer angewandt.

Und man muss Jürgen Klopp wünschen, dass Eilenbergers Gedanken sich als philodoofer herausstellen, als sie sich anhören.

Die Krise:

Eilenberger definiert das Wort so: "Ganz allgemein ist eine Krise ein Zustand, in dem ein tragendes Handlungsmuster nicht mehr weiter fortgeführt werden kann."

Bei Dortmund konkret würden "die Methoden, die bisher erfolgreich angewandt wurden, einfach nicht mehr greifen".

Es sei verblüffend, wie ratlos dieser Zustand die Dortmunder zurückließe: "Das ist das tiefste Symptom der Krise."

Das Tabu:

Beim BVB sieht Eilenberger eine der gefährlichsten Arten, mit einer Krise umzugehen. Man tabuisiere ? zumindest öffentlich ? Fragen, die man sich in der Situation stellen müsse:

"Es werden Bereiche ganz von der Analyse ausgekoppelt: der Trainer, die Einstellung, die Transferpolitik. Es heißt: An der Mannschaft liegt es nicht, am Trainer liegt es nicht."

Wo andere loben, dass der BVB bedingungslos zu Klopp steht, sieht Eilenberger das entscheidende Problem: "Man kann sich ein Leben, einen Verein, eine Mannschaft ohne Klopp nicht mehr vorstellen." Das enge ein.

Die Emotion:

Klopps Fähigkeit, seine Mitmenschen bei ihren Emotionen zu packen ist für Eilenberger eine Stärke, die zur Schwäche geworden ist:

"Die Frage ist, was ein Trainer in einer Situation macht, in der eine weitere Intensivierung des Willens, der Emotionalität und der Bindung nicht weiterführt."

Klopp werde nicht angezweifelt, also sei niemand da, der seine Methoden "produktiv in Frage stellt".

Neben der Treue zu Klopp versteht Eilenberger außerdem nicht, wieso der BVB "sich wider alle Vernunft weiter als Underdog stilisiert. Diese Stilisierung ist ein Teil der Krise."

Die Distanz:

"Die Mannschaft hat keine produktive Distanz zu ihrem Trainer", findet Eilenberger, aber gerade die Distanz sei elementarer Teil seiner Disziplin:

"Ich würde Herrn Watzke, Herrn Zorc raten, drei, vier Schritte zurückzugehen aus dem Tunnel der letzten sechs Jahre und sich zu fragen, was aus dieser Distanz erscheint. Wie sähe ein Verein ohne Klopp aus, was wäre ohne ihn? Diese Frage wird sich in den nächsten Wochen sicher noch sehr viel konkreter stellen als im Moment."

Philosoph oder Philodoof?

Wolfram Eilenberger sagt selber: "Wenn ich das Patentrezept hätte, würde ich jetzt nicht sprechen, sondern Borussia Dortmund trainieren."

Die Wahrheit, das weiß der lizenzierte Fußballehrer und Autorennationalspieler, liegt auf dem Platz.

Es muss eine Wahrheit sein, die die Annäherung aus dem philosophischen Elfenbeinturm übertrumpfen kann.

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