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Christoph Kramer ist von Bayer Leverkusen an Borussia Mönchengladbach verliehen
Christoph Kramer ist von Bayer Leverkusen an Borussia Mönchengladbach verliehen © getty

Mönchengladbach - Führungsspieler mit Kante oder Blender? An Christoph Kramer scheiden sich die Geister. Auch vor dem Spiel gegen den Stammverein.

Aus Mönchengladbach berichtet Andreas Reiners

Christoph Kramer schwieg. Ausnahmsweise mal, könnte man sagen.

Der Mittelfeldspieler von Borussia Mönchengladbach humpelte nach dem 3:0 im letzten Gruppenspiel der Europa League gegen den FC Zürich kurz durch den Kabinengang. Und verschwand schließlich wortlos.

Eine Fußverletzung. Ausgerechnet vor dem insbesondere für ihn brisanten und besonderen Duell am Sonntag bei Bayer Leverkusen (So., ab 15 Uhr im LIVE-TICKER und im Sportradio SPORT1.fm). Dem Spiel zwischen seinem Vielleicht-Bald-Wieder- und seinem Womöglich-Noch-Klub.

Zwischen dem Verein, bei dem er groß wurde und der ihn bis zum Ende der laufenden Saison ausgeliehen hat, und dem Klub, wo er zum Stammspieler und schließlich sogar zum Weltmeister heranreifte.

Eberl: "Fehler nicht übel nehmen"

Kramer hatte in den Tagen vor dieser Partie sehr viel gesagt. Und mit seinen Äußerungen für reichlich Wirbel gesorgt.

Gladbachs Sportdirektor Max Eberl ist zwar genervt von solchen "Nebenscharmützeln, die wir uns sparen können und die keiner braucht". Gleichzeitig nahm er Kramer aber auch in Schutz

"Es ist für einen 23-Jährigen momentan extrem, was auf ihn einprasselt. Er ist mit vielen Dingen konfrontiert und er muss zu jeder Frage Rede und Antwort stehen. Dass er da auch Fehler macht, das darf man ihm nicht übel nehmen", sagte Eberl.

Typ oder Schwätzer?

Kramer erlebt derzeit die Mechanismen des Geschäfts. Grundsätzlich ist es lobenswert und vor allem eine Seltenheit, dass ein Spieler noch so spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Kramer kann sich artikulieren, parlieren, garniert seine Aussagen mit Witz, Charme und einer Prise Unbekümmertheit, wie sie im Business Bundesliga heute nur noch selten zu finden ist.

Ein Typ, sagen seine Fürsprecher. Ein Schwätzer, entgegnen seine Kritiker. Fakt ist, dass sich an Kramer inzwischen die Geister scheiden. Ein Fußballer mit großem Potenzial, mit Führungsanspruch, einer mit Charakter? Oder doch nur ein Blender, überschätzt und dazu noch arrogant? So oder so: Kramer polarisiert.

Favre berichtet "nur Positives"

Teamkollegen bekräftigen, dass er sich nicht verändert habe. Trainer Lucien Fave kann "nur Positives" über ihn sagen. Auf dem Platz hat er eine Führungsrolle eingenommen, spricht mehr. Dirigiert und lenkt. Die Bälle vehement gefordert hat er eh schon immer.

Auf dem Rasen brachte ihn die Unbekümmertheit dorthin, wo er heute ist. Als Leihspieler im Sommer 2013 mit bescheidenen Ambitionen nach Gladbach gekommen, spielte er sich unter Favre zunächst in die Stammformation, dann in die Nationalmannschaft und schließlich in den WM-Kader.

Gefühlter WM-Star

Die Finalgeschichte dürfte inzwischen jeder kennen, der sich nur annähernd mit Fußball beschäftigt. 43 Minuten in Brasilien reichten, um ihn zu einem gefühlten WM-Star zu machen.

Was folgte, war ein Interview-Marathon. Kramer hier, Kramer da. Er sprach über WG-Partys, über sein Tagebuch, Bochumer Fans, die ihn mit Schneebällen und Schweineköpfen bewarfen, seine musikalische Seite. Und natürlich über seine WM-Geschichte.

Er gewährte einen dieser seltenen, unverfälschten Einblicke in das Leben eines Profis. Ehrlich. Geradeaus. Offensiv. Dafür aber auch sehr oft. Ein bisschen zu oft vielleicht.

Vom Konzept total überzeugt

Und Kramer traf dabei nicht immer den richtigen Ton. Vor allem, wenn es um seine sportliche Zukunft ging. Mal beschwerte er sich über modernen Menschenhandel. Ruderte zurück. Unterstrich dann, dass alleine er entscheide, wo er spiele. Dass es Angebote aus dem Ausland gebe.

Zuletzt sprach er dann mal wieder vom Status Quo, dass er im Sommer zurück nach Leverkusen gehe.

"Nicht weil ich muss, sondern weil mich das Konzept total überzeugt hat", erklärte er. Um nur kurz darauf verbal erneut zurück zu rudern.

Zoff mit Vogts

Gladbachs Legende Berti Vogts, der am Sonntag Gast im Volkswagen Doppelpass bei SPORT1 ist, watschte ihn öffentlich ab. Kritisierte unter anderem Kramers Dauerpräsenz in den Medien.

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Berti Vogts spielte 14 Jahre für Borussia Mönchengladbach © Getty Images

Wo andere lächelnd geschwiegen hätten, trat Kramer nach.

"Was soll ich mich mit einem beschäftigen, der vor 40 Jahren mal gegen den Ball getreten hat. Der wollte wohl mal etwas sagen und eine Geschichte machen. Wenn es jetzt einer wäre, der irgendwie wichtig ist, würde mich das beschäftigen. Aber so...", sagte Kramer.

Noch nicht entschieden

Vielleicht nicht unbedingt unverständlich für einen 23-Jährigen, aber trotzdem nicht souverän.

Doch Eberl weiß, was er an Kramer hat. Einen verbal manchmal etwas ungestümen, über das Ziel hinaus schießenden Jungprofi. Auf der anderen Seite aber auch ein wichtiges Puzzelstück, eine Konstante in Favres System. Eine Marke.

Die er natürlich gerne in Gladbach halten würde. Doch das ist kompliziert. "Er hat sich definitiv noch nicht entschieden", stellte Eberl nun klar.

Klar ist auch: Will Kramer zurück, geht er zurück. Will er nicht zurück, ist die Borussia am Zug.

Nach Ersatz suchen

"Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich habe ihn jetzt noch nicht abgeschrieben. Vielleicht bleiben wir ja weiterhin erfolgreich. Vielleicht hat Bayer ja einen Anti-Lauf. Man hat schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen", sagte Eberl.

Im Winter will er einen Versuch starten: "Wenn sie in Leverkusen sagen: 'Max, schön, dass du anrufst, aber er wird auf jeden Fall zurückkehren' - dann brauche ich mir nicht großartig weiter Gedanken machen.?

Und auch dann nicht, wenn Leverkusen anfängt, zweistellige Millionenbeträge aufzurufen. "Wenn Leverkusen 15 Millionen Euro verlangt, ist es utopisch. Und das werden sie fragen, wenn Chris sich für uns entscheidet. Oder vielleicht sogar 20 oder 30 Millionen", glaubt Eberl.

Er war selbst einmal Profi. Er kennt das Geschäft. Lange überlegen muss er nicht, als er nach seinem Gefühl gefragt wird: "Dass wir nach Ersatz suchen müssen."

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