Dortmund - Der Coach von Borussia Dortmund ist angeschlagen und ratlos. Klopps Maßnahmen in der Krise wirken wie Aktionismus und verpuffen.

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Von Borussia Dortmund berichtet Andreas Reiners

Jürgen Klopp wirkte leer. Angeschlagen. Ratlos.

Das Bild, das der Trainer von Borussia Dortmund abgab, passt zur Lage beim BVB.

Unmittelbar nach der 0:1-Niederlage bei Hertha BSC zeigte sich der 47-Jährige ungewohnt zurückhaltend.

Kein Feuer, kein Aufbäumen, kein flammender Appell.

Klopp sucht nach Erklärungen

Klopp suchte nach Worten. Nach einer schlüssigen Erklärung, wie seit Wochen schon. Kritisierte das Auftreten seiner Mannschaft als den "falschen Weg".

Prangerte die erste Halbzeit als "nahezu das krasse Gegenteil von dem, was wir wollten" an.

Letztendlich flüchtete er sich in Durchhalteparolen.

"Wir haben jetzt noch zwei Spiele bis zur Winterpause, um unsere Ausgangssituation für die Rückrunde dramatisch zu verbessern", sagte Klopp: "Das ist jetzt der Auftrag."

Ratlosigkeit schleicht sich ein

Doch das ist einfacher gesagt als getan. Denn immer mehr schleicht sich Ratlosigkeit ein.

Den einstigen Erfolgscoach, der mit seinen Entscheidungen oft goldrichtig lag, hat scheinbar das Glück, das richtige Händchen verlassen.

Lösungen? Klopp sucht fieberhaft danach, er findet jedoch keine.

Im Umgang mit der Krise verliert er sich stattdessen bisweilen in Aktionismus.

Wechsel im Tor verpufft

Der Wechsel im Tor von Roman Weidenfeller zu Mitch Langerak?

Sollte verdeutlichen, dass in dieser schwierigen Phase niemand nur aufgrund seiner Verdienste in der Vergangenheit gesetzt ist.

Klopp wollte ein Zeichen setzen, noch einmal die berühmten letzten Prozent herauskitzeln.

Auch wenn Langerak am wenigsten für die Schlappe in Berlin konnte - die Wirkung scheint verpufft.

Großkreutz die nächste Baustelle

Stattdessen öffnete Klopp prompt den nächsten Härtefall.

Ausgerechnet der Ur-Dortmunder Kevin Großkreutz stand in Berlin nicht einmal mehr im Kader.

Der Grund? Offiziell nannte der BVB-Coach keinen.

"Wir haben wie immer einen Kader gemacht und festgestellt, dass Kevin nicht dabei ist. Das war jetzt für dieses Mal, mehr ist es nicht", sagte Klopp lapidar.

So hatte es bei Weidenfeller auch angefangen, ehe Klopp sich erst nach mehr als einer Woche endgültig festlegte, dass der Australier bis zum Ende der Hinrunde im Tor stehen wird.

Mehr und mehr verunsichert

Statt Großkreutz stand nun Jakub Blaszczykowski im Kader.

Das Resultat der Rochade: Die Mannschaft wirkt mehr und mehr verunsichert.

Gleichzeitig scheint es, als rufe der BVB derzeit schlicht das ab, was er kann. Wenn sich der BVB überhaupt bewusst ist, was die Stunde geschlagen hat.

Schlüsselszene mit Blaszczykowski

Passenderweise war Blaszczykowski dann auch an der Schlüsselszene des Spiels beteiligt. Die Szene, die den BVB im Dezember 2014 wohl am besten charakterisiert.

Ein optimistischer Pass von Neven Subotic zu Blaszczykowski, Ballverlust unter Druck, keine Gegenwehr in der Rückwärtsbewegung, eine Grätsche ins Leere von Mats Hummels und ein ebenso hüftsteifer wie vergeblicher Rettungsversuch von Sebastian Kehl.

Ohne die im Abstiegskampf notwendigen Tugenden. Dilettantisch. Wie Stürmer Ciro Immobile, der kurz vor Schluss freistehend neben das Tor köpfte. Unfassbar. Unerklärlich.

Kein Zusammengehörigkeitsgefühl?

"Ich glaube, dass es das Zusammengehörigkeitsgefühl nicht gibt, was den BVB früher ausgezeichnet hat", sagte SPORT1-Experte Thomas Strunz im VOLKSWAGEN Doppelpass auf SPORT1.

"Im Abstiegskampf musst du fighten. Es scheint, als seien die Spieler das nicht gewöhnt, weil sie früher immer nach vorne gespielt haben", sagte der frühere Nationaltrainer Berti Vogts.

Und ergänzte: "Das tut schon weh, das mit ansehen zu müssen."

Weh tun Klopp vor allem die mittlerweile üblichen Lobeshymnen. "Jürgen hat eine fantastische Mannschaft und er ist ein fantastischer Trainer", sagte Herthas Trainer Jos Luhukay.

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Komplimente wie Hohn

So langsam klingen solche Komplimente fast wie Hohn, auch wenn sie natürlich anders gemeint sind.

Und Klopp wollte davon auch nichts wissen. Denn aus der Liga gelobt wurden schon andere Klubs.

"Ich höre im Wochenrhythmus, was für eine großartige Mannschaft wir haben und davon sind wir auch nach wie vor überzeugt", sagt Klopp. "Aber diese großartige Mannschaft hat auch großartige Probleme. Wir gehen damit um, so gut wir können.?

Durchwurschteln wollte man sich, irgendwie in die Winterpause retten. Um dann durchzuatmen. Sich neu aufzustellen. Und noch mal anzugreifen. Doch Klopp weiß auch: "Die Winterpause heilt nicht alles."

"Dann versauen wir es wieder"

Denn der Umgang mit der Krise ist im Moment alles andere als souverän.

Sowohl auf dem Platz (Marcel Schmelzer: "Wir machen immer wieder den ersten Schritt wie mit den Siegen gegen Gladbach und Hoffenheim. Und dann versauen wir es wieder") als auch abseits des Platzes (Lukasz Piszczek: "Vor dem 0:1 muss man den Ball gar nicht dorthin spielen. Wir haben ja auch noch Mitch").

Ganz nebenbei ein verbales Nachtreten gegen Subotic.

Gärt es im Team?

Und schon werden wieder Erinnerungen wach an das Duell Hummels/Weidenfeller vor einigen Wochen. Gärt es jetzt auch wieder innerhalb der Mannschaft?

"Dass bei uns eine wahnsinnig gute Stimmung herrscht, kann ich nicht feststellen", sagte Klopp.

Einen Tag nach der neunten Saisonniederlage folgte dann auch die nächste Hiobsbotschaft.

Und nun fällt Mkhitaryan aus

Henrikh Mkhitaryan fällt mit einem Muskelbündelriss im rechten Oberschenkel sechs Wochen aus.

"Man muss relativ zügig den Blick auf die nächste Chance richten. Und es gehört dazu, dass man sich auf die Chance freut. Wir sind uns unserer Situation maximal bewusst und ich mir auch", sagte Klopp.

Da waren sie wieder, die Durchhalteparolen.

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