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Kevin Großkreutz spielt seit 2009 wieder bei Borussia Dortmund
Kevin Großkreutz spielt seit 2009 wieder bei Borussia Dortmund © Getty Images

Dortmund - Kevin Großkreutz steht am Scheideweg. Zuletzt nicht mal im Kader, kämpft der Ur-Borusse um Stammplatz und Zukunft beim BVB.

Von Borussia Dortmund berichtet Andreas Reiners

Echte Liebe. Bei niemandem passt der Slogan von Borussia Dortmund wohl so gut wie bei Kevin Großkreutz.

Der 26-Jährige ist Ur-Dortmunder, im Arbeiterstadtteil Eving aufgewachsen. Ein waschechter Borusse. Einer aus der Kurve. Schaffte das, wovon so viele Fans nur träumen können: Den Sprung von der Südtribüne auf den Platz.

Großkreutz trägt die Silhouette der Stadt auf der rechten Wade, das Vereinsemblem mit Stolz auf der Brust und sein Herz auf der Zunge.

"Mein Verein, meine Stadt. Das ist wie ein Traum", lautet das Motto des Nationalspielers, der gerne auch mal markige Sprüche in Richtung des Erzrivalen Schalke 04 schickt ("Ich hasse Schalke wie die Pest!").

Die Fans lieben so etwas. Großkreutz ist nicht nur einer von ihnen, er ist authentisch und auf dem Platz ein Arbeiter.

Echte Liebe auf dem Prüfstand

Doch diese tiefe Zuneigung, diese bedingungslose Hingabe, diese lebenslange Leidenschaft - sie wird derzeit auf den Prüfstand gestellt.

Denn die Krise bei Borussia Dortmund geht auch an Kevin Großkreutz nicht spurlos vorbei. Es ist irgendwo auch seine eigene, große Krise.

Zuletzt bei der 0:1-Niederlage in Berlin stand er nicht einmal mehr im Kader. Nach Torhüter Roman Weidenfeller war er der zweite BVB-Weltmeister, der Opfer der Krise wurde.

Rückkehr gegen Wolfsburg

"Ich habe einen 18er-Kader für das Berlin-Spiel gemacht und dann selbst bemerkt, dass Kevin nicht dabei ist", hatte Trainer Jürgen Klopp diese ungewöhnliche Maßnahme begründet.

In zuvor 185 Spielen war das erst dreimal passiert.

Nach der Verletzung von Henrikh Mkhitaryan wird Großkreutz am Mittwoch gegen den VfL Wolfsburg (ab 19.30 Uhr im LIVE-TICKER und im Sportradio SPORT1.fm) aber wieder zurückkehren. Vorerst.

Keine richtige Vorbereitung

"Kevin hat nach der WM keine richtige Vorbereitung gehabt, musste dann schnell wegen unserer Verletzungsprobleme spielen. Wenn Kevin nicht richtig fit ist, ist er halt nicht der gleiche Spieler. Jetzt hat er drei, vier Tage Pause gehabt. Das hat ihm sicherlich gut getan", meinte Klopp.

Denn Großkreutz' Spiel lebt von der Intensität, vom unbändigen Willen, dem Kampf und der Bereitschaft, bis an die Grenzen zu gehen. Großkreutz ist ein Musterschüler. Kein filigraner Techniker, dafür aber "Mister Zuverlässig", dazu auch noch flexibel einsetzbar.

Denn seit er 2009 zu Borussia Dortmund zurückkehrte, nachdem man ihn 2002 für zu schmächtig befand und zu Rot Weiss Ahlen abschob, ist er Stammspieler.

Erfüllte sich einen Kindheitstraum nach dem anderen. Meister, Pokalsieger, Champions-League-Finale: Großkreutz ist Klopps Konstante. Stars kamen und gingen. Wer stets blieb, war Großkreutz.

Flexibel einsetzbar

Zunächst offensiv auf dem Flügel eingesetzt, fand Klopp immer wieder einen Platz für ihn. Sogar im Tor hat er schon gespielt - in der Not in den letzten Minuten gegen Hoffenheim. Auf der für ihn ungewohnten rechten Abwehrseite erspielte er sich in der vergangenen Saison nicht nur mal wieder einen Stammplatz, sondern auch einen Platz im WM-Kader.

Dann folgte der Sommer, der seiner hätte werden können. Doch Großkreutz schrieb ungewohnte Negativ-Schlagzeilen.

Erst die Döner-Affäre. Dann die Pinkel-Affäre. Ein Rüffel vom Bundestrainer. Schließlich die WM in Brasilien, die nicht die seine war.

Großkreutz wurde zwar Weltmeister, aber ohne eine Minute gespielt zu haben.

Kaum zurück, musste er aufgrund der Verletztenmisere wieder ran. Seine Flexibilität wurde ihm auch ein Stück weit zum Verhängnis.

Steiler Abstieg

Was folgte, war der steile Abstieg mit dem BVB in der Hinrunde der laufenden Saison. 14 Punkte, 15 Tore und Relegationsplatz 16 - dem Ur-Borussen fehlten Frische und Dynamik, die Grundvoraussetzungen für sein Spiel.

Auch die Karriere in der Nationalmannschaft stockt. Ein schlechtes Spiel bei der WM-Revanche gegen Argentinien (2:4), und Großkreutz war weg vom Fenster.

Kevin Grosskreutz hat unter Joachim Löw im DFB-Team keine Zukunft mehr
Kevin Großkreutz debütierte im Mai 2010 im deutschen Nationalteam © Getty Images

Für die EM-Qualifikationsspiele in Polen und gegen Irland bekam er keine Einladung.

"Über Kevin habe ich auch mit BVB-Trainer Jürgen Klopp gesprochen. Wir waren uns schnell einig, dass es jetzt mehr Sinn macht, ihn die Länderspielphase nutzen zu lassen, um individuell zu arbeiten und auch im Verein wieder richtig in Tritt zu kommen", hatte Bundestrainer Joachim Löw damals erklärt.

Nur noch außen vor

Auf die nächsten Länderspiele gegen Gibraltar und in Spanien verzichtete Großkreutz selbst, um sich voll auf den Verein zu konzentrieren. Geholfen hat die selbst auferlegte Pause jedoch nicht. Denn auch beim BVB ist er plötzlich nur noch außen vor.

Seit der 1:2-Niederlage beim 1. FC Köln am 18. Oktober spielte er nur noch einmal von Beginn an.

Geht Großkreutz?

Wie es weitergeht? Nicht nur für den BVB, auch für Großkreutz stehen entscheidende Monate an. Sein Vertrag läuft 2016 aus.

Doch im Sommer wird der BVB entscheiden müssen, ob man für den 26-Jährigen noch eine Ablöse einstreicht oder den Vertrag mit ihm verlängert.

Zuletzt wurde er oft beim 1. FC Köln gesichtet. Zwar (noch) keine Liebe, doch aus der Zuneigung zu dem Klub macht er keinen Hehl.

Ein Wechsel, ein Weggang, ein Abschied von seinem BVB scheint eigentlich unvorstellbar. Doch im Fußball zählen unter dem Strich keine Gefühle.

Da ist selbst echte Liebe vergänglich.

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