Dortmund - Borussia Dortmund meldet sich im Abstiegskampf zurück. Das 2:2 gegen den VfL Wolfsburg stimmt positiv, ist unter dem Strich aber doch zu wenig.

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Vom BVB berichtet Andreas Reiners

Jürgen Klopp kann es nicht mehr hören.

Deshalb zögerte der Trainer von Borussia Dortmund auch nicht lange. Und fuhr seinem Kollegen Dieter Hecking so schnell es ging über den Mund.

Eigentlich viel zu stark sei die Borussia für den 16. Tabellenplatz. Der spiegle nicht das grundsätzliche Leistungsvermögen wider. Der BVB sei eine "großartige Mannschaft". Oder wahlweise eine "Weltklasse-Mannschaft".

So oder so ähnlich lauteten zuletzt die Bekundungen für den BVB, die sich in der derzeitigen Situation und dazu noch im Wochentakt verkündet, oft wie Hohn anhören.

"Sag es nicht", scherzte Klopp dann auch, als der Coach des VfL Wolfsburg zu einer der inzwischen schon üblichen Lobeshymne ansetzen wollte.

"Positive Nachrichten"

Es ist letztendlich Lob, für das sich der BVB im Moment so gar nichts kaufen kann. Auch wenn das 2:2 gegen den Tabellenzweiten aus Wolfsburg am 16. Spieltag eine passende Antwort auf die Kritik der letzten Tage war. Ein Lebenszeichen. Wenn auch eines mit Schönheitsfehlern.

"Es gibt mal wieder positive Nachrichten aus Dortmund. Erstens leben wir noch. Zweitens können wir noch etwas Fußball spielen und drittens haben wir das Kämpfen auch nicht verlernt", sagte Klopp.

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Der 47-Jährige musste aber auch einräumen: "Das eine ist das Ergebnis, das man unbedingt will. Das andere das Ergebnis, das man braucht. Und wiederum das andere ist das Ergebnis, das man kriegt. Das muss man eben akzeptieren." So schwer das in Dortmund angesichts der immer bedrohlicher werdenden Situation auch fällt.

Klopp wird sentimental

Schließlich wurde Klopp passend zur Vorweihnachtszeit fast schon ein wenig sentimental.

"Es mag der Zeitpunkt kommen in meinem Leben, an dem ich nicht mehr Trainer dieser Mannschaft bin. Ich werde nichts mehr vermissen als diese Atmosphäre. Das ist außergewöhnlich, was die Leute im Wochenrhythmus auf die Tribüne zaubern. Das ist weltweit einzigartig. Es gibt viele emotionale Stadien, aber nur wenige, die auf Platz 16 so abgehen", sagte Klopp.

Tatsächlich hatte in den 90 Minuten zuvor eine Art Symbiose stattgefunden. Der Funke sprang von der Mannschaft auf die Tribüne und wieder zurück. Das Publikum peitschte den BVB nach vorne. Trieb die Mannschaft an

Die wiederum ließ sich treiben. Und warf gegen den VfL alles in die Waagschale. Tugenden, die im Abstiegskampf lebensnotwendig sind. Biss, Willen und Leidenschaft, gepaart mit spielerischer Klasse. Aber auch getrübt durch leichtsinnige und teils haarsträubende Fehler.

Der BVB offenbarte so ganz nebenbei nicht nur das, zu was die Dortmunder zu leisten imstande sind. Sondern auch nahezu alle Unzulänglichkeiten, die den Vizemeister erst in diese Situation gebracht haben. Eine Blaupause für die gesamte Hinrunde sozusagen, komprimiert auf 90 Minuten.

Patzer von Langerak

So sah ausgerechnet der von Klopp nach langem Hin und Her zum Stammkeeper beförderte Mitch Langerak beim 1:1 durch Kevin de Bruyne mehr als unglücklich aus.

Der Australier, der Weltmeister Roman Weidenfeller auf die Bank verdrängt hatte, ließ sich von einem Freistoß des Belgiers plump überraschen. Beim erneuten Ausgleich durch Naldo nach einer Ecke kurz vor Schluss patzte zu allem Überfluss Routinier Sebastian Kehl.

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Dabei hatte der BVB die Pointe zur Partie eigentlich schon geliefert. In Ciro Immobile den Helden des Abends praktisch schon gekürt. Der 20-Millionen-Zugang, zuletzt oft glücklos und in der Kritik, hatte sein bestes Spiel für den BVB absolviert, die Führung durch Pierre-Emerick Aubameyang vorbereitet und in der 76. Minute selbst für das 2:1 gesorgt.

Immobile hatte gerackert, war immer wieder auf die Flügel ausgewichen, in die Spitze gestoßen, hatte Räume für seine Mitspieler aufgerissen, anstatt sich wie sonst ständig ins Mittelfeld zurückfallen zu lassen.

Starker Auftritt von Immobile

Die intensive Arbeit mit dem 24-Jährigen zahlt sich offenbar endlich aus.

"Ein Stürmer ist der, der am meisten darunter leidet, wenn die Abläufe nicht so richtig verinnerlicht sind. Mit Ciro sind wir seit Wochen dran, die Laufwege zu verändern. Er hat das super gemacht, war eine wichtige Anspielstation", sagte Klopp.

Jürgen Klopp (links) klatscht mit Ciro Immobile ab
Ciro Immobile (r.) kam vor der Saison vom FC Turin zu Borussia Dortmund © Getty Images

Immobile selbst haderte hinterher mehr mit dem verschenkten Sieg, als dass er sich über seine eigene Leistung freuen konnte. Und erklärte seine bisherige Ladehemmung mit einem Kopfproblem. Auch so eine Blaupause, übertragbar auf die ganze Mannschaft.

"Ich glaube, es war auch eine mentale Sache, dass mir manche Dinge nicht gelingen wollten in der Situation, in der sich die Mannschaft befindet. Ich habe keine Sekunde an meiner Entscheidung gezweifelt, hergekommen zu sein. Der BVB ist ein großer Verein und wir haben eine große Mannschaft. Das Einzige, was traurig ist, ist der Tabellenstand", sagte Immobile.

Aufbruchstimmung und Enttäuschung

In der Tat, denn der BVB befindet sich ein Spiel vor dem Ende der Hinrunde immer noch auf dem Relegationsplatz. Deshalb sorgte das Ergebnis dann auch für eine Mischung aus Aufbruchstimmung und Enttäuschung.

"Wir haben das sehr, sehr gut gemacht. Da muss man am Ende auch mal mit dem Punkt leben, auch wenn uns drei besser zu Gesicht gestanden hätten", sagte Kehl.

In den Frust und die Enttäuschung mischte sich allerdings auch schnell Trotz. "Jetzt nehmen wir alles Positive aus diesem Spiel mit und hauen noch mal einen raus", forderte Klopp.

Dafür muss der BVB aber die offenkundige Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsauftritten ablegen. Denn scheinbare Befreiungsschläge vor eigenem Publikum hatten sich in den vergangenen Wochen immer wieder munter mit unerklärlichen Rückschlägen auf fremdem Platz abgewechselt.

Kellerduell in Bremen

"Jeder kann die Tabelle lesen", sagte Manager Michael Zorc. Am Samstag muss der BVB bei Schlusslicht Werder Bremen ran. Der 16. beim Letzten also.

Hinzu kommt, dass die Unruhe um Marco Reus die Konzentration auf das Kellerduell nicht gerade fördert.

Am Donnerstag wurde bekannt, dass der derzeit verletzte Nationalspieler seit sieben Jahren ohne Führerschein unterwegs ist und deshalb nun 540.000 Euro Strafe zahlen muss.

Auf dem Rasen muss Dortmund in Bremen weiter ohne Reus auskommen. Es droht sogar, dass diese "großartige Weltklasse-Mannschaft" danach sogar auf Platz 18 überwintert. Denn bei allem Lob zählen im Fußball am Ende so profane Dinge wie Punkte.

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