Was schmerzt Hamburg mehr: Das Inferno auf dem Konto oder die Dürre auf dem Platz? SPORT1 widmet sich dem erlöschenden Nordlicht.

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Von Pierre Winkler und Uli Pingel

Nach dem kurzen Winterurlaub steht für die Bundesligisten schon die Vorbereitung auf die Rückrunde am 30. Januar an.

Die Hälfte der Teams kämpft um den Klassenerhalt. Bei den anderen neun Teams geht es um den Einzug ins internationale Geschäft.

SPORT1 schlendert im Rückrundencheck durch die Liga, nimmt sich die kriselnden Mannschaften vor und analysiert auch, was bei anderen umso besser läuft.

Heute geht es um den Hamburger SV, der zwischen sportlichen und finanziellen Sorgen zermürbt zu werden droht.

- Die Ausgangslage

Nur neun Tore in der Hinrunde, punktgleich mit dem Tabellen-16. Bremen ganz knapp über der Abstiegszone: Der HSV durchleidet zum zweiten Mal in Folge eine Saison im Abstiegskampf.

Vor der Saison feuerte der Verein Sportchef Oliver Kreuzer, nach drei Spieltagen dann Trainer Mirko Slomka. Es geht also auf allen Ebenen rund.

- Die Situation des Trainers

Joe Zinnbauer trat also bei laufender Saison ein schwieriges Amt an. Für ihn wäre es deutlich gemütlicher gewesen, Trainer der Hamburger U23 zu bleiben, wo er bis dahin mit acht Siegen aus acht Spielen in der Regionalliga Süd makellos durchgekommen war.

Seine positiven Ansprachen und sein unbelastetes Gemüt belebten zunächst auch die Profi-Mannschaft. Dauerhaft besser wurde es auf dem Platz aber nicht. Zinnbauer ist allseits beliebt in Hamburg, was ihm momentan die Arbeit erleichtert - dauerhaft vor einem Rauswurf schützt ihn aber keine Power-Rede.

"Letztendlich ist die Mannschaft keinen Schritt weiter, vom fußballerischen her, vom System her, von der Taktik her", lautet das Urteil des ehemaligen Hamburgers Stefan Schnoor im Interview mit SPORT1. "Das, was Joe ihr eingeimpft hat, ist, dass sie defensiv besser steht als in den Jahren zuvor. Aber was das Spiel nach vorne angeht: Das ist mit Sicherheit nicht das, was er sich vorstellt."

Der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer und Bernhard Peters dürften im Zweifel wohl nicht zögern, Zinnbauer im Frühling zu feuern, um dadurch möglicherweise den ersten Bundesliga-Abstieg zu verhindern.

- Die Transfers

Um dringend benötigte Spieler zu holen, muss der HSV erst einige loswerden. Bei Marcell Jansen sieht alles nach Abschied aus, an ihm ist Benfica Lissabon dran. Spätestens im Sommer dürfte er den Verein verlassen. Auch Tolgay Arslan leistet nach dem Geschmack der Verantwortlichen bislang zu wenig für sein Geld.

Schwieriger wird die Sache wohl bei Ivo Ilicevic und Gojko Kacar: Für beide gibt es bislang keine Interessenten. "Wenn du es so offensiv nach außen posaunst, dass gewisse Spieler weg sollen, dann wird es schwierig, für diese Spieler einen Markt zu finden", sagte Schnoor. "Es wird Gründe geben, warum du diese Spieler ziehen lässt. Das hat man falsch gemacht beim HSV."

Am wahrscheinlichsten als erster Neuzugang ist der Belgier Paul-Jose Mpoku von Standard Lüttich, ein 22-Jähriger, der entweder auf der linken Seite oder als hängende Spitze einsetzbar ist. Hatem Ben Arfa hatte zuvor dem HSV abgesagt und war von Hull City stattdessen auf Leihbasis nach Nizza gewechselt.

Auch Inter Mailands Zdravko Kuzmanovic dürfte unerschwinglich sein. In Hamburg sind solche Transfers längst keine Selbstverständlichkeit mehr.

- Das muss besser werden

Alles. Im Angriff stimmt es nicht, in der Abwehr zu selten. Zinnbauer bat bereits um Zeit: "Die Offensive ist schwieriger zu trainieren als die Defensive." Das stimmt zwar, vor allem mit dem höchstens mittelmäßigen Personal, das ihm zur Verfügung steht.

In der Wintervorbereitung hat er aber zum ersten Mal ausgiebig Gelegenheit, seine Mannschaft nach seinen Vorstellungen einzustellen. Nur zwei Bundesliga-Mannschaften waren in der Hinrunde ungefährlicher.

Zudem müssen Peters und Beiersdorfer den Verein vor dem finanziellen Ruin bewahren. Mit rund 100 Millionen Euro soll der HSV verschuldet sein. Ob nun ein paar Millionen mehr oder weniger - in dieser Größenordnung spielt das schon fast keine Rolle mehr.

In vier Jahren muss der Klub 17,5 Millionen Euro verzinst zurückzahlen: Geld aus einer Fananleihe, eigentlich gedacht für ein neues Nachwuchszentrum, zweckentfremdet für finanzielle Notreparaturen. Und Investor Michael Kühne hätte auch gerne seine 25 Millionen bis 2017 wieder, plus eine Million Zinsen.

Folgerichtig sagte Peters mit Blick auf die Modernisierung: "Der HSV hat bei diesem Umbau keine Patrone mehr frei. Wenn er diese Strukturen nicht aufbaut, wird er weiter dem Abgrund entgegen taumeln. Es gibt keinen alternativen Weg zum dem, den Dietmar Beiersdorfer eingeschlagen hat."

- Das macht Hoffnung

Ja, was nur? Sportlich gesehen: dass Zinnbauer die Mannschaft im Winter-Trainingslager in Dubai hinbekommt. Ab sofort gilt für alle ein Zehn-Stunden-Tag, Dienstbeginn ist um 7.30 Uhr.

Ob noch der ein oder andere Spieler im Januar kommt oder nicht - die rettende Granate wird kaum dabei sein. Wenn sich die Spieler aber auf ihre Stärken konzentrieren und so leidenschaftlich zur Sache gehen wie beim 0:0 gegen den FC Bayern, dem 1:0 in Dortmund oder dem 2:0 gegen Bremen, bleibt eine realistische Chance im Abstiegskampf. Zumindest die Ordnung hinten könnte stimmen.

Und vielleicht erinnert sich ja auch ein Raphael van der Vaart an seine guten Zeiten.

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