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Christoph Daum
Christoph Daum trainierte zuletzt Bursaspor in der Türkei © getty

München - Christoph Daum ordnet im SPORT1-Interview die Krise des BVB und anderer Traditionsklubs ein - und nimmt Marco Reus in Schutz.

Den Jahreswechsel verbrachte er weit weg von zu Hause, mit der Familie in Thailand.

So weit weg, dass er die Bundesliga aus dem Blick verliert, kann Christoph Daum allerdings nie sein.

Über Jahrzehnte hinweg hat er den deutschen Fußball geprägt, als Trainer des 1. FC Köln, des VfB Stuttgart von Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt. Der 61-Jährige weiß also, wie es ist, einen namhaften Verein zu trainieren und ihn durch kritische Situationen zu führen.

Die Stuttgarter durchleben gerade wieder eine, ebenso Werder Bremen, der HSV und allen voran Borussia Dortmund.

Woran hapert es gerade bei besagten Traditionsvereinen ? und wie kommen sie am besten unten raus?

Im SPORT1-Interview analysiert Daum die Krisenklubs und spricht auch über den Fall Marco Reus und seine eigene Zukunft.

SPORT1: Herr Daum, was war für Sie in der Hinrunde besonders überraschend?

Christoph Daum: Überraschend ist für mich, wie die Aufsteiger abgeschnitten haben und auch, dass große Vereine wie der VfB Stuttgart oder der Hamburger SV bisher nicht die Wende zum Guten haben einleiten können. Die größte Überraschung ist natürlich der Absturz von Borussia Dortmund.

SPORT1: Wie erklären Sie sich diesen?

Daum: Der ist nicht mit einem Satz zu beschreiben. Wenn es dort nur ein Problem geben würde, dann hätten die Verantwortlichen das schnell erkannt und abgestellt. Doch es kamen sehr viele Dinge zusammen wie eine unzureichende Vorbereitung im Sommer aufgrund der Spieler, die bei der WM waren, Verletzungsprobleme, die sich durch die gesamte Hinrunde gezogen haben bis hin zu permanenten Wechselspielen, was am Ende Jürgen Klopp dazu getrieben hat, dass er etablierten Spielern weh tun musste.

SPORT1: Inwiefern hat Klopp Fehler gemacht?

Daum: In so einer Situation machst du nie alles richtig, das weiß der Jürgen auch. Er hat in dieser schweren Phase immer wieder reagiert und versucht gegenzusteuern, aber sobald er ein Loch gestopft hatte, hatte sich ein anderes wieder aufgetan. Er hat bis auf einige hervorragende Auftritte in der Champions League im letzten Halbjahr die Seite des Krisenmanagements einer Trainer-Karriere durchlebt. Er freut sich bestimmt auf die Vorbereitung zur Rückrunde. Dortmund war unter Jürgen Klopp immer eine Mannschaft, die hervorragenden Fußball gespielt hat und diesen spielen konnte, weil sie in einer physischen Top-Verfassung war. Jetzt gilt es, dies wieder aufzubauen und sich Stück für Stück wieder ans Mittelfeld heranzuarbeiten.

SPORT1: Glauben Sie, dass der BVB am Ende mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird?

Daum: Ich war immer ein Anhänger von positivem Denken. Ich würde jetzt nur mit positiven Gedanken an die vor Dortmund liegenden Aufgaben herangehen. Da muss aber ein absolutes Realitätsbewusstsein dazukommen, was notwendig ist, um aus der Krise rauszukommen. Helfen können sich die Dortmunder nur selber, sie werden keine Hilfe von irgendwo anders her bekommen. Wenn sie diese Situation aber lösen können, dann schweißt so eine Phase den Verein noch mehr zusammen.

SPORT1: Klopp betonte immer wieder, dass er nicht hinwerfen werde. Ist es richtig, dass die Verantwortlichen in der Trainerfrage Ruhe bewahren?

Daum: Diese Ruhe wird nach außen hin ganz klar zum Ausdruck gebracht. Wie tief die Enttäuschung aber wirklich sitzt, hört man in Interviews auch heraus. Dass intern vielleicht das eine oder andere etwas kontroverser diskutiert wird, wäre für mich nur nachvollziehbar.

SPORT1: BVB-Star Marco Reus gilt vielen als Verlierer 2014. Erst musste er die WM aufgrund einer Verletzung absagen, zuletzt dann die Führerschein-Geschichte. Am Dienstag steigt Reus wieder ins Training ein. Wie sehen Sie ihn?

Daum: Der Junge ist kein Verlierer. Er gehört für mich trotz dieser zwei Dinge zu den herausragenden Persönlichkeiten des vergangenen Jahres. Reus ist nach wie vor eine große sportliche Figur. Was die Persönlichkeit angeht, kann er aus solchen Fehlern wie der Führerschein-Nummer nur lernen und daraus gestärkt hervorgehen. Wie ich den Marco kenne, wird er diese Hinweise, die ihm das Leben gegeben hat, einzuordnen wissen.

SPORT1: Wie erklären Sie sich die Dauerkrise bei Ihrem Ex-Klub, dem VfB Stuttgart?

Daum: Das liegt zum einen daran, dass man Kronjuwelen abgeben musste und dass im Transferbereich Top-Spieler keine Verstärkungen waren und dann Riesenlöcher in den Etat gerissen haben. Zum anderen liegt es daran, dass der VfB Stuttgart sehr viel in das neue Stadion und das neue Jugendzentrum gesteckt hat. Es wurden nicht in gleichem Maße erfolgsbringende Entscheidungen in der Personalpolitik getroffen und das hat sich über Jahre hingezogen. Der Verein ist in einer schweren Situation und es wird bis zum letzten Spiel ein Kraftakt werden, um die Klasse zu erhalten.

SPORT1: Welche Kronjuwelen meinen Sie?

Daum: Topspieler wie ein Sebastian Rudy oder Bernd Leno. Dass Sami Khedira oder Mario Gomez verkauft werden mussten, war aufgrund der finanziellen Not nachvollziehbar. Bei einigen Spielern wäre man gut beraten gewesen, wenn man noch mehr auf die eigene Jugend gesetzt hätte. Es gibt hervorragende Talente in den eigenen Reihen wie Antonio Rüdiger oder Timo Werner. Beide sind noch längst nicht fertig in ihrer Entwicklung.

SPORT1: Der VfB, Werder Bremen, der Hamburger SV und Borussia Dortmund: Warum hängen ausgerechnet diese vier Traditionsvereine so durch?

Daum: Man darf diese Vier nicht in einem Atemzug nennen. Bremen und Stuttgart haben seit einigen Jahren Probleme. Der Absturz des BVB ist wie schon erwähnt sehr überraschend. Sowohl in Bremen als auch in Stuttgart ist die Situation nicht neu. Man sollte sich ein Beispiel an Borussia Mönchengladbach nehmen, wo in der Vergangenheit vieles richtig gemacht wurde.

SPORT1: Was haben die genannten vier Klubs falsch gemacht?

Daum: Thomas Eichin und Marco Bode, die Verantwortlichen in Bremen, sind um ihren Job nicht zu beneiden. Beide haben sich gewiss andere Dinge gewünscht hinsichtlich Investitionsmöglichkeiten. In Bremen hat man eine ganz klare Linie vorgegeben, die sie eigentlich über Jahre immer stark gemacht hat, nur momentan schaffen sie aus eigener Kraft ohne diese Innovation nicht den Sprung zurück in ruhige Gewässer. Ähnliches gilt für den VfB und den HSV. Dortmund hat ganz andere Möglichkeiten und hat personell zugelegt mit Kevin Kampl und dort weiß man, was zu tun ist, um mit guter Qualität da wieder nach oben zu kommen.

SPORT1: Sieht man Christoph Daum nochmal als Trainer auf der Bank?

Daum: Ich werde auf jeden Fall wieder als Trainer arbeiten, habe die Zeit genutzt, um mich weiterzubilden und meinen Akku aufzuladen. Man kann die Uhr danach stellen, bis ich wieder auf der Bank sitzen werde. Es gab schon einige Angebote. Geärgert habe ich mich ein bisschen, dass ich Celtic Glasgow abgesagt habe. Aber ich schaue nach vorne und bin mir sicher, dass eine reizvolle Aufgabe auf mich wartet. Bei meinen Ex-Klubs, dem 1. FC Köln und dem VfB Stuttgart gibt es aktuell leider keinen Handlungsbedarf (lacht). Auch das Ausland ist aufgrund meiner großen Erfahrung weiter reizvoll. Ich bin da ganz entspannt.

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