Gelsenkirchen - Kevin-Prince Boateng wirkt auf Schalke isoliert. Nun ist er auch seinen Berater los. Wie geht es mit dem lädierten Leader weiter?

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Vom FC Schalke 04 berichtet Andreas Reiners

Zum Abschied gab es noch ein paar warme Worte.

Man habe sich darauf verständigt, nun eigene Wege zu gehen. Als Freunde. Kevin-Prince Boateng und sein Berater Roger Wittmann gehen im Guten auseinander, hochachtungsvoll.

Sagen beide. Allgemeine Einigkeit offenbar.

Trennung von Wittmann nach vier Jahren

Die Gründe für die Trennung nach vierjähriger Zusammenarbeit? Bleiben offen. Und damit Raum für Spekulationen.

Denn solche Floskeln sind oft vor allem dann auffällig, wenn sie auffällig unauffällig sind.

Und diese Trennung, die bereits im Herbst so betont einvernehmlich vollzogen wurde, wäre wohl auch nur eine Randnotiz, wenn die Vorgeschichte nicht wäre.

Förderer und Begleiter

Denn Roger Wittmann stand Boateng mit seiner Beraterfirma mit Rat und Tat zur Seite.

Hielt nicht nur, wie der Vorwurf an Spielerberater gerne mal lautet, die Hand auf und kassierte fleißig an der Karriere mit. Sondern er förderte sie.

Begleitete Boateng, vom FC Portsmouth über den AC Mailand bis zu Schalke 04.

Und formte seinen bisweilen etwas chaotischen Klienten mit dem schwierigen Charakter zu einem Topstar mit Führungsansprüchen.

Boateng auf Diät gesetzt

Wittmanns erste Amtshandlung, damals, vor vier Jahren: Er setzte Boateng auf Diät, immerhin brachte der bei 1,85 Meter Körpergröße stattliche 90 Kilogramm auf die Waage.

Boateng genoss das Profidasein, ohne immer wie ein Profi zu leben.

Es war eine Geschichte wie viele andere auch. Die Karriere startet durch, das Geld fließt, und andere Dinge haben zu oft Vorrang.

Doch Wittmann sprach offenbar die Sprache des einstigen "Bad Boy", brachte ihn auf Kurs, verordnete ihm Extra-Schichten.

Auch mal unbequeme Wahrheiten

Vor allem sagte er Boateng eines: die Wahrheit. Und nicht immer nur das, was der Hochveranlagte hören wollte.

Natürlich ist das kein leichtes Unterfangen bei jemandem, der denkt, dass er selbst am besten weiß, was am besten für ihn ist.

Doch es kam bei Boateng an, dass ein bisschen eben nicht genug ist, er immer wieder an sein Limit gehen muss.

Das Potenzial war vorhanden, Wittmann kitzelte ihn, um die entscheidenden Prozent herauszuholen.

Einen eigenen Kopf

Doch natürlich kann auch ein Berater den Charakter nicht dauerhaft ändern.

Auf ihn einwirken, ja. Ihn ein wenig lenken, natürlich. Aber letztlich hat Boateng seinen eigenen Kopf und eckt dadurch oft an. Immer noch.

Zuletzt legte er sich via "Twitter" mit einem großen deutschen Boulevardblatt an.

Das Schalker Ehrenpräsidium schaltete sich erbost ein.

Brisanz schon durch seine Erscheinung

Keine Frage, ein Spieler wie Boateng polarisiert schon alleine durch sein Auftreten, seine Erscheinung.

Auf Schalke war man sich dessen bewusst, als man ihn im Sommer 2013 aus Mailand nach Gelsenkirchen lotste.

Stimmt die Leistung, ist er ein Typ, ein Leader, ein Anführer, den sie auf Schalke in der Form auch haben wollten. Dem das eine oder andere Wort zu viel auch mal verziehen wird.

Doch passt das Auftreten auf dem Platz nicht zu dem außerhalb des Rasens, wird jemand wie Boateng schnell zur Reizfigur. Und steht dann ebenso schnell alleine da.

Ansehen hat gelitten

So wie jetzt. Denn auf Schalke fehlten in den vergangenen Monaten zu oft die besagten letzten Prozent (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Das Ansehen des Leaders litt, er selbst in erster Linie an ständigen Verletzungen. Eine schmerzfreie Trainingswoche? Ist lange her.

Das 0:5-Debakel gegen den FC Chelsea Ende November war sein letztes Spiel in der Hinrunde.

Danach begab er sich mal wieder beim Arzt seines Vertrauens, dem Biostatiker Ralph Franck in München, in Behandlung.

Immer wieder Verletzungen

Vor einem Jahr war es das Knie, diesmal ist es das Sprunggelenk.

Der Unterschied: Damals erfüllte er seine ihm aufgetragene Rolle des Anführers, der die Mannschaft durch die krisenbehaftete Hinrunde führte. Ging voran.

Diesmal tauchte er regelmäßig ab.

13 Pflichtspiele absolvierte er in dieser Saison nur, schoss kein Tor und bereitete lediglich zwei vor.

Oft wie ein Fremdkörper

Wegen seiner ständigen Malaisen half er der Mannschaft kaum weiter, wirkte oft wie ein Fremdkörper. War vor allem mit sich selbst beschäftigt, zog sich auch verbal ein Stück weit zurück.

Das Schlimmste jedoch: Die Mannschaft merkte mehr und mehr, dass es auch ohne ihren Anführer geht. Und sie sparte erstmals auch nicht mit Kritik.

Als Weltmeister Benedikt Höwedes den einstmals unantastbaren Boateng nach der Niederlage zum Saisonauftakt in Hannover offen kritisierte, vollzog sich insgeheim ein Wandel.

Der Kapitän, bis dato eher als bedachter Diplomat bekannt, gab den Wortführer, den Anführer.

Höwedes in der Boateng-Rolle

Schlüpfte, ob nun beabsichtigt oder nicht oder auch einfach nur getragen vom WM-Titel, ein Stück weit in die Rolle Boatengs, der gerne damit kokettierte, dass er vor dem Spiel die Mannschaft mit einer Ansprache heiß gemacht habe.

Oder auch mal während des Spiels die taktische Ausrichtung auf dem Platz eigenmächtig änderte.

Stattdessen stand nun immer öfter Höwedes vor den Mikrofonen, übte wahlweise Manöverkritik oder stellte sich schützend vor die Mannschaft, wenn es mal wieder nicht lief.

Gerne auch mal mit markigen Worten.

Anführer a.D.: Wie geht es weiter?

Max Meyer blieb zuletzt betont diplomatisch, als er nach einem Sieg gefragt wurde, ob die Mannschaft Boateng vermisst habe. "Natürlich. Gute Spieler werden immer vermisst. Und Kevin ist ein guter Spieler, der uns immer helfen kann."

Doch wer hilft Boateng? Wie geht es für den Anführer a.D. weiter?

Zumindest reist Boateng mit den Schalkern ins Trainingslager nach Katar. Ein kleiner sportlicher Neuanfang sozusagen.

Nicht Wittmanns einziger Klient

Bislang konnte er im Klub vor allem auch auf seinen Berater bauen

Der berät auf Schalke aus dem aktuellen Kader noch Julian Draxler, Jefferson Farfan, Roman Neustädter, Chinedu Obasi, Jan Kirchhoff und Eric Maxim Choupo-Moting - und genießt so einen nicht zu unterschätzenden Einfluss.

Gut möglich, dass Wittmann die Eskapaden seines Schützlings nicht mehr ständig verteidigen wollte.

Rückhalt verloren gegangen

Keine Frage: Ein Spieler wie Boateng braucht diese Grund-Aggressivität, muss diesen dauernden Drang ausleben, sich reiben zu müssen.

Ein Spieler wie Boateng braucht aber auch Rückhalt, muss spüren, dass man auf ihn baut, ihn versteht, auf ihn zählt und ihn unterstützt.

Diesen Rückhalt muss er sich nun selbst wieder erarbeiten.

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