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Hoffmanns Erzählungen RB Leipzig Katar Doha Traininglager
RB Leipzig bereitet sich im Trainingslager in Doha/Katar auf die restlichen Rückrundenspiele vor © SPORT1/Imago

Müssen die deutschen Fußballklubs die Menschenrechte in ihren Reiseplänen berücksichtigen? Oder verlangen die Kritiker damit zu viel vom Sport? Keine leichte Frage.

Man kann die Sache natürlich auch so sehen wie Ralf Rangnick.

"Zu populistisch" fand der Sportchef von RB Leipzig in dieser Woche eine Journalistenfrage nach seinem Umgang mit der Menschenrechtslage in Katar, dem Land, das sich sein Klub als Trainingslagerstätte ausgesucht hat.

"Wenn man die Maßstäbe überall anlegen würde oder angelegt hätte in den letzten 40, 50 Jahren, dann hätten nicht viele olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften stattfinden dürfen", hielt er fest: "Übrigens teilweise auch schon vor längeren, längeren Zeiten in Deutschland."

Man muss nach diesem Gedankensprung erstmal durchatmen. Aber die Frage, die Rangnick aufwirft, ist die richtige: Was ist eigentlich der Maßstab, wenn es um die deutschen Fußballklubs und ihre Gastspiele in demokratisch und rechtsstaatlich nicht lupenreinen Ländern geht?

Die Leipziger, der FC Bayern und Schalke 04 waren in diesem Winter im Trainingslager in Katar, der HSV und Eintracht Frankfurt in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Reiche Länder inmitten lukrativer Märkte, die aber von autoritären Regimes geführt werden, in denen die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist, Frauen diskriminiert werden.

Die Bayern hielten zusätzlich ein Testspiel in Saudi-Arabien ab. Einem noch weit rigider regierten Land, wo derzeit unter großer Anteilnahme der Weltöffentlichkeit eine Strafe von 1.000 Stockhieben gegen den Internetaktivisten Raif Badawi vollstreckt wird.

Wohl vor allem deshalb wurde die Kritik diesmal lauter als üblich - auch aus den Reihen der eigenen Fans. Bis an den Punkt, an dem die Bayern öffentlich zur Einsicht kamen, dass sie das Thema hätten ansprechen sollen.

Die Debatte ist damit beruhigt, aber nicht vorbei. Zumal sie nicht nur über den Klub, sondern auch über den persischen Golf hinausweist.

"Fakt ist, dass es laut Amnesty International in 112 Staaten Folter und Verletzungen der Menschenrechte gibt", hält Ligapräsident Reinhard Rauball im "Bild"-Interview fest: "In 101 Staaten gibt es Einschränkungen der Meinungsfreiheit."

Eines dieser Länder: die demokratische, aber rechtsstaatlich nicht einwandfreie Türkei. Müssen folglich all die Klubs, die in Belek trainieren, auch etwas zu den autoritären Tendenzen von Staatschef Erdogan sagen?

Und selbst bei einer scheinbar unverfänglichen Reise nach Orlando, Florida, USA: Sollte Bayer Leverkusen sich da nicht auch mit der Todesstrafe, Guantanamo und der NSA auseinandersetzen?

Wohl eher nicht nötig in einem Land, das Missstände hat, in dem der Diskurs darüber aber offen ist. Trotzdem merkt man: Es ist alles nicht so einfach. Und hinter genau diesem Argument kann man sich auch gut verstecken.

Komplexe Welt, schwierige Fragen, die Politik kriegt’s auch nicht hin, exportiert sogar noch Waffen - wie kann man das ausgerechnet von einem Sportklub verlangen, solche Probleme zu lösen?

Man kann es nicht, natürlich. Was man aber von ihm verlangen kann: Haltung einnehmen, Haltung vertreten.

Boykott muss nicht diese Haltung sein. Auch Menschenrechtler sagen, dass es mehr bewirken kann, in ihre Problemländer zu reisen, Aufmerksamkeit zu schaffen - und die Aufmerksamkeit zu nutzen, um kritische Botschaften anzubringen, direkt vor Ort, wo ihr Effekt am größten ist.

"Es ist sehr schön hier, wir fühlen uns wohl - aber da war doch noch was": So etwas in der Art könnte man sagen, schlug Amnesty-Expertin Regina Spöttl vergangene Woche im "BR" vor.

Vielleicht naiv zu denken, dass ein Fußballfunktionär mit so einem Satz etwas in Bewegung bringt.

Schade trotzdem, dass keiner den Versuch gewagt hat.

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