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Reiner Calmund warnt Borussia Dortmund und schwärmt vom FC Bayern
Reiner Calmund warnt Borussia Dortmund und schwärmt vom FC Bayern © Getty

München - Reiner Calmund warnt Dortmund bei SPORT1, ist aber von Klopp überzeugt. Den FC Bayern preist er als "Visitenkarte mit Goldrand" und schwärmt von der Spannung hinter dem FCB.

Endlich wieder Bundesliga! Am Freitag startet die Liga der Weltmeister mit dem Gastspiel von Tabellenführer FC Bayern bei Verfolger VfL Wolfsburg (ab 20 Uhr im LIVETICKER und im Sportradio SPORT1.fm) in die Rückrunde.

Auch Kult-Manager Reiner Calmund fiebert dem Auftakt entgegen und checkt im SPORT1-Interview die Lage der Liga - von der Gefahr für Jürgen Klopp und Borussia Dortmund über die Dominanz des FC Bayern bis hin zum Kampf um die internationalen Plätze und gegen den Abstieg.

SPORT1: Herr Calmund, am Freitagabend startet die Bundesliga mit der Partie zwischen Wolfsburg und dem FC Bayern in ihre Rückrunde. Der Auftakt eines 17-wöchigen Schaulaufens für Pep Guardiola und Co.?

Reiner Calmund schwärmt in höchsten Tönen vom FC Bayern
Reiner Calmund schwärmt in höchsten Tönen vom FC Bayern © Getty Images

Reiner Calmund: Zunächst hoffe und wünsche ich den Profis des VfL Wolfsburg, dass sie den tragischen Tod ihres Kollegen und Freundes Junior Malanda irgendwie verarbeiten können. Sicherlich werden die Gedanken vor dem Spiel und bei der Gedenkminute bei ihm sein, das ist völlig normal und gebietet der Respekt. Sportlich wird dies - auch im Sinne des Jungen - normalerweise dann alles andere als ein Spaziergang für die Bayern in Wolfsburg. Der VfL hat sich prächtig entwickelt und steht zu Recht und mit deutlichen Vorsprung auf Rang zwei. Fest steht aber auch: Der FC Bayern wird - unabhängig vom Spiel in Wolfsburg - ein paar Wochen nach Ostern die Meisterschaft endgültig für sich entscheiden. Es würde der Bundesliga sicher gut zu Gesicht stehen, wenn der Kampf um die Meisterschale etwas spannender verlaufen würde, doch ich kann mit der jetzigen Situation auch ganz gut leben.

SPORT1: Wieso das?

Calmund: Man muss auch die andere Seite beleuchten: Der FC Bayern ist die Visitenkarte des deutschen Fußballs, mit Goldrand gedruckt auf edelstem Büttenpapier. Ohne diesen Verein könnten die DFL und die Liga ihre Ziele, die internationale TV- und Vermarktungs-Einnahmen zu verdoppeln, nicht realisieren. Der FC Bayern ist mit seinen Weltmeistern Manuel Neuer, Philipp Lahm, Jerome Boateng, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, Mario Götze und den internationalen Top-Stars wie Robert Lewandowski, David Alaba, Xabi Alonso, Arjen Robben, Franck Ribery und Co. absolute Weltklasse und das Flaggschiff der Bundesliga.

SPORT1: Fans, die es nicht mit den Bayern halten, werden es sicherlich etwas kritischer sehen.

Calmund: Das mag sein und ich finde das auch legitim. Aber ich schaue ein bisschen über den Tellerrand und sehe: Die Bundesliga steckt voller Spannung. Der Kampf um die internationalen Plätze, der Wettlauf gegen den Abstieg - dagegen ist der spannendste Hitchcock-Krimi ein harmloses Kindermärchen! Was Platz zwei und drei angeht, sehe ich die Werksklubs aus Wolfsburg und Leverkusen vorne, sie verfügen über starke und ausgeglichene Kader. Bei Bayer haben sie endlich verstanden, dass Fußball kein Eiskunstlaufen ist. Obwohl nicht alles rund lief, überwintert die Truppe von Chef-Trainer Roger Schmidt in der Champions League, dem DFB Pokal und startet als Dritter in die Rückrunde. Aber sie müssen noch deutlich abgebrühter und effektiver spielen und dürfen sich nicht mehr so viele Unentschieden gegen Kellerkinder erlauben.

SPORT1: Es folgen Borussia Mönchengladbach und Schalke 04...

Calmund: Gladbach hat gute Chancen, die Qualifikation für die Königsklasse zu schaffen. Lucien Favre und Max Eberl haben eine sehr gute, kompakte Mannschaft zusammengestellt. Schalke darf auch noch hoffen, wenn denn mal alle Spieler fit sind. Joel Matip ist als Leistungsträger wieder auf dem Sprung ins Abwehrzentrum, dagegen fehlen weiter Sead Kolasinac, für mich nach David Alaba der beste linke Außenverteidiger der Liga. Leon Goretzka ist ein Ausnahmespieler, eine Mischung aus Lothar Matthäus und Michael Ballack. Jefferson Farfan war letzte Saison mit einer überragenden Leistung maßgeblich an dem großartigen Endspurt auf Platz 3 beteiligt. Mit Weltmeister Julian Draxler, Dennis Aogo  und Torhüter Ralf Fährmann zusätzlich stehen insgesamt sechs Hochkaräter auf der Warteliste. Trainer Roberto Di Matteo ist, genau wie Jens Keller, auch kein Zauberer. Er braucht diese Spieler, um die internationale Qualifikation zu schaffen.

SPORT1: Welches Team könnte besonders überraschen?

Calmund: Hoffenheim! Sie haben mit Alex Rosen einen erstklassigen jungen Manager, der gerade seinen Vertrag verlängert hat und mit Trainer Markus Gisdol einen akribischen Arbeiter. Nach dem Fast-Abstieg funktioniert die Mannschaft und hat mit Firmino und Volland torgefährliche Individualisten, die ein Spiel alleine entscheiden können. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich für die Europa League qualifizieren.

SPORT1: Davon kann derzeit eine Mannschaft nur träumen: Borussia Dortmund. Viel schlimmer: Der BVB kämpft gegen den Abstieg.

Calmund: Der Verein kommt für den Abstieg nicht in Frage. Daran will ich einfach nicht denken. Mit diesem Kader? Mit diesem Trainer, der nicht nur für mich einer der besten der Welt ist? Das ist eigentlich unvorstellbar. Die erfahrene Vereinsführung lebt es trotz der Tabellensituation genau richtig vor: Zwischen uns und Jürgen Klopp passt kein Blatt! Und ganz wichtig: Da gibt es keine Blütenträume. Da wird knallhart der Klassenerhalt als Saisonziel ausgegeben.

SPORT1: Manche befürchten, dass sich die Art von Trainer Jürgen Klopp etwas abgenutzt habe.

Calmund: Klopp steht für Kompetenz, Leidenschaft, Begeisterung, Motivation und Siegeswillen. Darüber hinaus lebt er allen die totale Identifikation mit Verein, Team und Fans vor. Nein, er ist überhaupt nicht das Problem. Der kann ja mit allen Vieren motivieren. Der Typ Klopp zieht immer noch. Die größte Gefahr sind so Idioten wie ich! (lacht)

SPORT1: Wie meinen Sie das?

Calmund: Weil ich auch einer derjenigen bin, der immer erzählt, Borussia Dortmund könne nicht absteigen. Dadurch entsteht die Gefahr, dass die Spieler glauben, was ich oder 10000 Andere erzählen. Dass sie tatsächlich nicht absteigen können, dass alles gut werden wird. Wenn es so weit kommt, muss Kloppo mal morgens um 5 den Wecker klingeln lassen und die Jungs aus ihren Träumen reißen. Aber ich bin kein Spieler des BVB und darf deshalb träumen. Und angesichts der Tatsache, dass noch 51 Punkte zu vergeben sind, halte ich es nicht für unmöglich, dass der BVB noch in die Nähe der internationalen Plätze klettert. Das wäre der Idealfall. Der Normalfall sieht vor: Rette sich, wer kann. 

SPORT1: Was ist mit den anderen Traditionsklubs, die im Tabellenkeller stecken?

Calmund: Es ist noch alles offen. Neun Vereine kämpfen um den Klassenerhalt, den Tabellenzehnten SC Paderborn trennen nur mickrige vier Pünktchen von Schlusslicht SC Freiburg. Stark gefährdet sind Werder Bremen, der VfB Stuttgart und Freiburg, wobei ich den Jungs von Christian Streich bessere Chancen auf den Klassenerhalt einräume, weil der Verein ein kleinere Erwartungshaltung hat. Werder und dem VfB fehlt es schlichtweg an Substanz und Kapital für notwendige Verstärkungen. SOS müssen auf alle Fälle auch noch der Hamburger SV, Hertha BSC, der 1. FC Köln, Mainz 05 und der Überraschungs-Neuling Paderborn funken. Beim HSV kam zuletzt ein bisschen Optimismus in den Laden - das könnte helfen. Was die Stimmung angeht, sehe ich jetzt den Hamburger SV im Vorteil. Die Millionen der Mäzene Kühne und Otto haben da einiges bewirkt.

SPORT1: Zum Abschluss: Sie haben drei Wünsche für diese Saison!

Calmund: Dass Leverkusen in die Champions League kommt. Dass der 1. FC Köln nicht absteigt. Und dass der FC Bayern die Champions League gewinnt.

SPORT1: Ist Letzteres realistisch?

Calmund: Wenn der Fußballgott nicht gerade Spanisch-Unterricht hat - auf jeden Fall.

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