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Jens Nowotny (l.) absolvierte für Bayer Leverkusen 231 Spiele, Ulf Kirsten (r.) trug 350 Mal das Bayer-Trikot

München - Leverkusen droht seine Ziele aus den Augen zu verlieren. Die früheren Bayer-Stars Ulf Kirsten und Jens Nowotny schätzen bei SPORT1 die Lage ein, Sportchef Rudi Völler stärkt Trainer Roger Schmidt.

Es ist wie so oft in den letzten Jahren in Leverkusen. In der Hinrunde überzeugte Bayer 04 meistens, bevor es nach Weihnachten in schöner Regelmäßigkeit bergab ging.  

Der Blick auf die Tabelle bereitet Verantwortlichen und Fans wieder einmal Kopfzerbrechen. Die Werkself steht nach 22 Spielen auf Platz sechs. Zu wenig für die Ansprüche unter dem Bayer-Kreuz.

Fünf Mal in Folge erreichten die Leverkusener die Champions League. Doch dieses Ziel gerät zusehends in Gefahr.

Aus den letzten neun Spielen gab es nur zwei Siege. Bayer ist auf der Suche nach dem Siegergen.

Am Samstag der späte Gegentreffer beim FC Augsburg, eine Woche zuvor das 4:5 im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg 

Bezeichnend für Bayers Rückrunde, dass beide Treffer jeweils in der Nachspielzeit fielen. 

Verein steckt in der Sinnkrise

Der Verein steckt vor dem Champions-League-Achtelfinal-Hinspiel gegen Atletico Madrid (Mi., ab 20.15 Uhr LIVE im Sportradio auf SPORT1.fm und im LIVETICKER) nicht nur in in einer Sinnkrise, sondern inzwischen auch in einer ausgewachsenen Ergebniskrise.

Auch Trainer Roger Schmidt muss sich immer häufiger unangenehme Fragen gefallen lassen.

30 Millionen für neue Spieler

Rutschen die Rheinländer weiter ab und am Ende vielleicht sogar ganz raus aus den internationalen Plätzen? Nicht auszudenken bei dem teuren Kader. Fast 30 Millionen Euro hatte der Klub in der Sommerpause in die Hand genommen. So viel wie noch nie.

"Ich kann mir das auch nicht erklären, was da los ist. Das ist gerade so eine schwierige Phase in der Saison, die gibt es immer mal wieder. Auch bei anderen Vereinen", sagt Leverkusens früherer Stürmer Ulf Kirsten im Gespräch mit SPORT1.

Noch sei nicht viel passiert, findet Kirsten, schließlich sei man aktuell noch im internationalen Geschäft. "Die Mannschaft ist gut, die Qualität müsste eigentlich passen", findet Kirsten.

Bayer 04 Leverkusen v VfL Wolfsburg - Bundesliga
Roger Schmidt trainierte bisher den Delbrücker SC, Preußen Münster, SC Paderborn, Red Bull Salzburg © Getty Images

Nowotny: "Das internationale Geschäft ist Pflicht"

Jens Nowotny sieht die Lage hingegen kritischer. "Die Ergebnisse, die in der Hinrunde erzielt wurden, waren teilweise beindruckend", sagt der ehemalige Bayer-Kapitän zu SPORT1, "aber das kann man nicht unbedingt weiterführen, wenn sich der Gegner darauf einstellt. Man weiß momentan nicht, wohin der Weg geht, aber das internationale Geschäft ist Pflicht."

Zwar hätten auch andere Klubs einen Durchhänger, aber Bayer sehe er "wegen der mangelnden Konstanz aktuell nicht in der Champions League. Die Situation ist nicht gefährlich, aber man muss schon aufpassen. Wenn du keine Siege einfährst, dann kannst du schnell zurückfallen."

Im Sommer waren die Erwartungen groß, vor der Saison kamen mit Josip Drmic vom 1. FC Nürnberg und Hakan Calhanoglu vom Hamburger SV zwei Spieler, die die Hoffnungen auf Titel schürten. Im Winter wurde der zuvor vom AS Rom ausgeliehene Tin Jedvaj fest verpflichtet. Anfangs überraschte das Bayer-Team die Gegner mit seiner Wucht, doch dieser Effekt ist längst verpufft.

Drmic und Calhanoglu hängen durch

Drmic traf zwar zuletzt wieder, aber seine Bilanz ist mit vier Toren in 16 Spielen eher mager. Calhanoglu steckt seit Wochen in einem Leistungstief. Die Ausbeute des 21-Jährigen: Fünf Treffer in 22 Partien. 

Von den teils leichtfüßigen Leistungen zu Beginn der Saison ist der Ex-Hamburger meilenweit entfernt, Calhanoglu wirkt überspielt, Impulse kann er dem Spiel derzeit kaum noch verleihen. Es herrscht Frust statt Lust. Und das ausgerechnet vor dem Achtelfinale gegen den Vorjahresfinalisten Atletico.

In der Vergangenheit versagten die Leverkusener oft genau dann, wenn es darauf ankam. Noch in der vergangenen Saison ging die Werkself in der Königsklasse zunächst gegen Manchester United unter (0:5), im Achtelfinale dann gegen Paris St. Germain (0:4, 1:2). 

Der zweite Platz in der Liga nach der Hinrunde wurde in der Rückrunde verspielt, Bayer drohte sogar die Königsklasse zu verpassen. Schmidts Vorgänger Sami Hyypiä wurde schließlich entlassen.

Unter Schmidt schien das Problem zu Saisonbeginn beseitigt. 

Power-Pressing und Hochgeschwindigkeitsfußball

Er schaffte mit Bayer souverän die Qualifikation für die Champions League, erwischte einen starken Start in die Saison und begeisterte mit Power-Pressing und Hochgeschwindigkeitsfußball.

Doch die Leverkusener stecken derzeit irgendwo zwischen Gut und Böse, gefangen auch im eigenen System, das Mut, Ideen, Intensität und vor allem eine hohe Laufleistung fordert.

Attribute, die derzeit aber nur selten zu sehen sind.

Zuletzt in Augsburg versuchte man es tief stehend, mit einer abwartenden, auf Konter gerichteten Taktik, die über weite Strecken auch funktionierte. Bis die Übersicht verloren ging.

Keine Trainerdiskussion

Die Trainerfrage stellt sich bei Bayer dennoch nicht. Zumindest noch nicht.

"Wir haben totales Vertrauen in den Kader und vor allem auch in den Trainer", sagte Sportdirektor Rudi Völler am Sonntagabend bei "Sky".

"Dass wir Roger Schmidt geholt haben, hat ja auch Gründe gehabt. Weil wir ein Konzept haben, um mit diesem Trainer unsere Ziele zu erreichen und auch fußballerisch zu glänzen."

Natürlich habe er "Sorge um die europäische Qualifikation. Wir haben einfach zu viele Punkte liegen lassen", stellte Völler fest.

"Wir haben das Mindestziel, in die Europa League zu kommen und das Wunschziel, in die Champions League zu kommen." Doch dieses Ziel ist in akuter Gefahr.

Noch muss sich Schmidt keine Sorgen um seinen Job machen. Doch für überbordende Geduld ist Völler allerdings auch nicht bekannt. In den zehn Jahren seiner Amtszeit ist Schmidt bereits der neunte Trainer.

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