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Lucien Favre (m.) mit Max Eberl (l.) und Rainer Bonhof (r.)
Lucien Favre (m.) ist für die Verantwortlichen bei Borussia Mönchengladbach ein echter Glücksfall © Getty Images

Mönchengladbach - Lucien Favre ist seit vier Jahren Trainer in Mönchengladbach. Der Schweizer kam 2011 im tiefsten Abstiegskampf und erwies sich für den Klub als Glücksgriff.

Aus Mönchengladbach berichtet Andreas Reiners

Lucien Favre lächelte verschmitzt. Natürlich war es klar, dass die Frage kommen würde.

Denn am Samstag steht nicht nur das Derby gegen den 1. FC Köln (ab 15 Uhr im LIVETICKER) an. Für Favre ist es nebenbei ein kleines Jubiläum. Zum vierten Mal jährt sich seine Amtszeit bei Borussia Mönchengladbach. Und das am Valentinstag.

Wie passend.

Auch wenn man nicht unbedingt von Liebe auf den ersten Blick sprechen kann. Eher auf den zweiten. Denn als der Schweizer 2011 im tiefsten Abstiegskampf als Retter geholt wurde, war er nicht unbedingt als Feuerwehrmann bekannt. Und den brauchte die Borussia damals eigentlich dringend.

Doch die anfängliche Skepsis war schnell verschwunden, Favre erwies sich als Glücksgriff. Als Initiator einer neuen Ära, Baumeister einer neuen Borussia, als "Fohlenflüsterer", wie er gerne genannt wird.

Und aus dem Arbeitsverhältnis zwischen Trainer und Verein, aus einer eigentlichen Zweckgemeinschaft wurde schließlich eine gegenseitige Wertschätzung, die inzwischen in eine unverkennbare Zuneigung gemündet ist.

Weisweiler, Heynckes und Krauss länger im Amt

Nun ist der Schweizer nicht unbedingt dafür bekannt, emotionale Reden zu schwingen und dabei sein Innerstes nach außen zu kehren. Denn er weiß nur zu gut, wie das Geschäft läuft. Beziehungsweise laufen kann. Auch wenn nur Hennes Weisweiler, Jupp Heynckes und Bernd Krauss länger am Stück als Trainer in Gladbach waren als er. Hatte er damit gerechnet, als er den Job damals antrat?

"Für einen Trainer ist es immer schwer, seine Karriere zu planen. Man weiß, wie schnell es gehen kann. Positiv oder negativ", sagte der 57-Jährige.

Doch in Gladbach war es für ihn in den vergangenen vier Jahren im Grunde immer positiv.

Drei Stunden auf Favres Veranda

"Insgesamt haben wir seit vier Jahren eine sehr gute Zusammenarbeit. Es war jede Saison anders. Abstiegskampf, Champions-League-Quali, wieder ein Neuaufbau, wieder international – das war sehr spannend bis jetzt", so Favre: "Wichtig ist es, dass du als Trainer Spaß hast. Und den haben wir."

Manager Max Eberl kann das bestätigen. Auch wenn es nicht immer nur harmonisch zuging wie beim ersten Treffen der beiden. 2008 war das. Eberl war noch Jugenddirektor, wollte sich bei Favre über die Jugendarbeit in der Schweiz informieren.

Über drei Stunden philosophierten beide über Fußball, auf Favres Veranda, den Mont Blanc im Hintergrund. Und im Hinterkopf der Gedanke, dass Favre einer wäre, wenn er denn in Zukunft mal einen Trainer suchen würde.

Knapp drei Jahre später suchte Eberl einen Trainer.

"Es war ein Traum und unser Wunsch, dass wir einen Trainer finden, der lange mit uns diesen Weg geht. Das ist es, was uns ausmacht – diese kontinuierliche Arbeit, sich sukzessive gemeinsam zu entwickeln, aufzubauen und weiterzugehen", sagte Eberl.

"Aneinander gerieben"

So einfach, wie es sich anhört, war es natürlich nicht. Mit Favre hat Eberl lebhafte Diskussionen geführt. Über Fußball im Allgemeinen, Borussia im Speziellen, Transfers oder Saisonziele. Beide lagen sich dabei nicht immer nur in den Armen.

"Man hat sich aneinander gewöhnt, aneinander gerieben, aber auch einander wertgeschätzt. Wir sind noch nicht gemeinsam in den Urlaub gefahren, aber wir trinken abends auch mal einen Rotwein zusammen", beschrieb Eberl bei SPORT1 das mit den Jahren gewachsene Verhältnis zu Favre.

Schrullig und detailversessen

Als akribischen Arbeiter, Konzepttrainer mit einem Plan, detailverliebten Taktik-Tüftler und Spieler-Verbesserer beschreiben ihn die, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Ein wenig schrullig vielleicht, ein Kauz, der Gegner stundenlang auf DVDs studiert. Dafür aber auch liebenswert und immer höflich im Umgang mit Mitarbeitern wie auch Journalisten.

Aber auch unbeirrbar in dem, was macht. Ein Dickkopf. Einer, der versucht, alle Eventualitäten zu klären, alles zu kennen, alles zu planen. Als Trainer ein Glücksfall, als Mensch vielleicht nicht immer ganz einfach. Ein Perfektionist eben.

Ein Tipp für Dante

Dem Brasilianer Dante brachte er beispielsweise bei, auf dem Vorderfuß zu stehen, wenn er nicht am Ball ist. Zur Förderung der Reaktionsschnelligkeit. Und Marco Reus sollte im Eins gegen Eins auf die Füße seines Gegenspielers achten. Die würden verraten, an welcher Seite er vorbeiziehen könne.

Kleinigkeiten. Allerdings Kleinigkeiten, die in den vergangenen vier Jahren sportlich oft den Unterschied ausgemacht haben.

Im Abstiegskampf nach seinem Amtsantritt ebenso wie beim Neuaufbau 2012 nach den Abgängen von Reus, Roman Neustädter und Dante. "Vergessen Sie nicht, wo wir herkommen", ist so ein Satz, den er jahrelang geprägt hat. Den ihm nach dreimal Europa in vier Jahren aber auch so niemand mehr abkauft.

Auch kein Selbstläufer gegen Köln

Dafür trichterte er dem ganzen Klub das "Von-Spiel-zu-Spiel"-Denken ein. In Gladbach gibt es seitdem keine überbordenden oder überfordernden Zielvorgaben mehr. Auf die Euphoriebremse tritt Favre trotzdem noch gerne. Dann hörte es sich nach einem 5:0 bisweilen so an, als stünde der Klub erneut vor dem Abgrund.

Die deutsche Sprache beherrscht der 57-Jährige dafür inzwischen so gut, dass er sich problemlos in Rage reden kann. Dann hält er mit weit aufgerissenen Augen einen Vortrag über den möglichen Untergang des Fußballs. Auch dabei schafft es der Schweizer auf seine ihm ganz eigene Art charmant und höflich zu bleiben.

Dafür ist jetzt alles grundsätzlich "schwer". Grundsätzlich jeder Gegner, denn die Bundesliga ist eng. Auch wenn Favre mit der Borussia als Fünfter wieder auf Europapokal-Kurs liegt.

Vor allem ist die Liga kein Selbstläufer. Wie auch das kommende Spiel gegen den 1. FC Köln. Denn der Aufsteiger wird tief stehen, sich auf die Defensive und mögliche Konter konzentrieren.

Eine Spielweise, auf die Favres Gladbacher zuletzt oft keine Antwort hatten. Die bisweilen zu unflexibel im erprobten System mit viel Ballbesitz und Kurzpassspiel, vornehmlich über die Außen, feststecken. Heißt: Es muss mal wieder ein Plan her.

"Das ist eine große Herausforderung für mich", hatte Favre 2011 bereits bei seinem Amtsantritt erklärt.

Das ist es auch nach vier Jahren noch.

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