Video

Dortmund - Vor dem Abstiegskrimi von Borussia Dortmund in Freiburg zeigen sich erste Lücken in der Wagenburg um Jürgen Klopp. Die Führungsetage steht weiter zum Coach.

"Besuche mit heißen Erinnerungen" versprach eine verführerische Damenstimme Mittwochnacht nach der BVB-Pleite im Dortmunder Lokalradio 91.2. Die Rede war von einem gewissen "Club Déjà-vu".

Der Signal-Iduna-Park konnte mit dieser Werbung auch nicht gemeint sein. Frostig und kalt war es beim 0:1 von Borussia Dortmund gegen den FC Augsburg gewesen, vor allem atmosphärisch. Das musste auch Trainer Jürgen Klopp spüren.

Seit seinem Amtsantritt im Sommer 2008 ging es mit dem damals klammen Revierklub fast nur bergauf. Der börsennotierte Verein aus dem Ruhrgebiet avancierte zum Bayern-Jäger Nummer eins, holte die Meisterschaft 2011, das Double 2012, stürmte mit seinem Pressingfußball bis ins Champions-League-Finale 2013. Der Erfolg hatte einen Namen: Jürgen Klopp.

Jürgen Klopp hält den DFB-Pokal
Jürgen Klopp feiert nach dem Double-Gewinn 2012 mit den Fans in Dortmund © Getty Images

Jetzt, da der BVB mit 16 Punkten aus 19 Spielen als Tabellenletzter am Tiefpunkt angekommen ist, neigt sich die Zeit der Unantastbarkeit von Klopp dem Ende zu. Im Verein soll es sogar Stimmen geben, die einen Trainerwechsel fordern.

Plötzlicher Absturz für Jürgen Klopp

Das war lange Zeit unvorstellbar. Erfolgreich, authentisch, humorvoll, nie um einen Spruch verlegen. Mit seiner "Pöhler"-Kappe und ekstatischem Jubel am Spielfeldrand verzauberte Klopp Millionen. Der Star war nicht die Mannschaft, sondern ihr Trainer.

"Kloppo, du Popstar", sang der Songschreiber Baron von Borsig und beschallte damit die ganze Stadt. Die Lichtgestalt der Borussia bekam gut dotierte Werbeverträge und stieg zum Sympathieträger in der gesamten Republik auf.

So rasant wie der Aufstieg war, so plötzlich kam der Absturz. Die Fallhöhe war gigantisch für den "Trainer des Jahres" 2011 und 2012, der einen Vertrag bis 2018 besitzt.

Fan-Wut nach der Niederlage

Mit der 0:1-Pleite gegen den FC Augsburg nahm der freie Fall noch mehr an Tempo zu. Die Hoffnung des zarten Aufschwungs nach dem 0:0 zum Rückrundenauftakt in Leverkusen - wie weggefegt. Stattdessen: Pfiffe, Frust, Durchhalteparolen.

Einen Fan-Aufstand wie nach dem katastrophalen Auftritt gegen dezimierte Augsburger hat es in der Ära so noch nicht gegeben.

Als die Südtribüne, die Treuesten der Treuen, ihre eigene Mannschaft ohrenbetäubend auspfiffen, verfolgte Klopp die Geschehnisse mit etwas Sicherheitsabstand. Den Mund halboffen, der Gesichtsausdruck irgendwo zwischen ungläubig und unfassbar. Der Liebling der Massen, er schien in diesem Moment ganz weit weg zu sein. Allein mit sich und seinen Gedanken.

Klopp will nicht resignieren

Kurze Zeit später hatte sich der 47-Jährige wieder gefangen, zog sich den Reißverschluss seiner Trainingsjacke bis ganz nach oben zu. Klopp weiß: Der Gegenwind wird schärfer.  

Von Resignation keine Spur. Irgendwann zu sagen, er "habe keinen Bock mehr" oder "ich resigniere", könne er "komplett ausschließen", sagte Klopp vor dem Spiel beim SC Freiburg (Sa., ab 15 Uhr im LIVETICKER und LIVE im Sportradio SPORT1.fm).

Was er nicht explizit ausschloss: Bei weiteren Niederlagen freiwillig seinen Stuhl zu räumen. Zum Wohle des Vereins. Feuern, dass hatte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke in der Winterpause wiederholt beteuert, werde man Klopp niemals.

Hans-Joachim Watzke (l.) scherzt mit Jürgen Klopp
Hans-Joachim Watzke (l.) leitet seit 2005 die Geschicke von Borussia Dortmund © Getty Images

Watzke bekräftigt Jobgarantie

Jetzt bekräftigte er, dass Klopp auch bei einer anhaltender Negativserie im Amt bleibe. "Natürlich. Das steht außer jeder Frage. Und ich bin überhaupt nicht bereit, jetzt jede Woche diese Frage aufs Neue zu beantworten", sagte Watzke der Bild.  

Die Unantastbarkeit des Trainers, sie ist ein Problem für das Team. Die Schuld liegt immer bei den Spielern, auch wenn Klopp nicht so vermessen ist, sich selbst für unfehlbar zu halten. "Klopp raus"-Rufe hat es bislang nicht gegeben im 80.000 Zuschauer fassenden Fußballtempel.

Zu groß ist der Respekt vor Klopps Leistung. Kritik an der Lichtgestalt? Das war bislang ein Sakrileg.

Erste Lücken in der Wagenburg?

Doch die breite Front der Verehrer, sie bröckelt. In Internetforen und -kommentaren machen sich immer mehr Anhänger für eine Ablösung stark. Auch auf der Tribüne wachsen die Zweifel, ob Klopp noch die Wende herbeiführen kann.

Die Angst vor einer Zweitliga-Zukunft wiegt schwerer als die Meriten der Vergangenheit. Ein anderer Teil der Anhänger würde mit Klopp auch in die Zweite Liga gehen.

Dazu soll auch BVB-Boss Watzke gehören. Das sieht bei den Führungsgremien sind des Vereins womöglich teilweise anders aus. Im Aufsichtsrat mehren sich einem Bericht der FAZ zufolge die Stimmen, die einen Trainerwechsel fordern. Erste Lücken in der von Klopp in dieser Woche beschworenen "Wagenburg"?

Entscheidungsgewalt hat das oberste Kontrollgremium faktisch allerdings nicht. Der Einfluss von potenten Sponsoren könnte aber irgendwann auch die Geschäftsführung zum Umdenken bewegen.

Aus der Mannschaft gibt es bislang nur Unterstützung für den Coach. "Ich denke nicht, dass das der richtige Schritt wäre", sagt Kapitän Mats Hummels zu einer möglichen Ablösung Klopps.

Schlüsselspiel in Freiburg

Sollte der BVB auch in Freiburg verlieren, werden die Treueschwüre von Fans und Verein einer neuen Belastungsprobe ausgesetzt.

Klopp hat beim FSV Mainz bewiesen, dass er auch Abstiegskampf kann. Zwei Spielzeiten führte er den Abstiegskandidaten jeweils auf den elften Platz in der Bundesliga. Doch in der dritten Erstliga-Saison folgte 2007 doch der Abstieg.

Déjà-vu nicht ausgeschlossen.    

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel