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München und Mainz - Der Bundesliga-Novize Martin Schmidt soll Mainz vor dem Abstieg retten. Die exotische Vita ist seine Stärke. Inspiriert fühlt er sich von prominenten Vorgängern.

Von Holger Luhmann und Martin Quast

Seine Stimme war eher ein heiseres Krächzen.

"Ich habe mir die Stimme am Freitag beim Spiel der U23 ruiniert", entschuldigte sich Martin Schmidt bei der Vorstellung als neuer Mainzer Trainer vier Tage später.

Wer den Schweizer schon mal als Coach der U23 in der dritten Liga oder einfach nur als Zuschauer bei einem Bundesliga-Spiel im Bruchwegstadion erlebt hat, der wundert sich nicht. Schmidt ist immer zu 100 Prozent mit dabei.

"Ich lebe die Mainzer Philosophie. Es ist immer die Leidenschaft, die mich treibt", betont Schmidt.

Feuereifer statt Sachlichkeit

Dieses Feuer unterscheidet ihn vom eher sachlichen, unterkühlten Vorgänger Kasper Hjulmand.

Für den Dänen war die Zeit beim selbst ernannten Karnevalsverein nach nur acht Monaten und vier Siegen in 21 Spielen am Faschingsdienstag endgültig abgelaufen.

Nun soll Schmidt den Mainzer Absturz mit seiner Energie und seinem Eifer einen Punkt von einem Abstiegsplatz entfernt auffangen.

Extrem-Skifahrer, Mechaniker und Unternehmer

Dabei ist der 47-Jährige so etwas wie ein Exot im Fußball-Geschäft.

Seine Karriere als Fußballer, die ihn bis in die zweite Schweizer Liga gebracht hatte, beendete er nach einem Kreuzbandriss. Es war sein siebter!

Schmidt war auch Extrem-Skifahrer. Nach einem Unfall musste er sogar um sein Leben fürchten, als er sich zwei Halswirbel gebrochen hatte und mit dem Helikopter gerettet wurde.

Er ist gelernter KFZ-Mechaniker, hatte eine eigene Tuningfirma und war als Rennmechaniker in der DTM tätig.

Er baute mit seinen Schwestern ein eigenes Textilunternehmen auf, dessen stiller Teilhaber er noch heute ist.

Mit 34 Jahren kam der "Cut", wie er es nennt. Er wurde in seinem Heimatland Trainer des FC Raron, später bei der zweiten Mannschaft von Thun. Ab 2010 ist er in Mainz für die U23 verantwortlich, die ebenfalls in Abstiegsnot steckt.

Vita voller Brüche

Schmidts Vita steckt voller Brüche. Es ist etwas, das ihn ausmacht, auszeichnet: Wenn er etwas macht, dann richtig. Ohne Wenn und Aber.

Ein Erfolgsgeheimnis dürfte seine natürliche Überzeugungskraft sein.

"Es ist nicht schlimm, dass ich kein Fußball-Profi war", erklärt Schmidt: "Ich habe gemerkt, dass ich im Berufsleben wie ein Trainer rede. Ich bringe den Spielern gerne Argumente aus dem Berufsleben." Diese Sprache des passionierten Hobbyjodlers kommt offenbar an. Auch oder gerade mit krächzender Stimme.

Feuertaufe im Derby

Nun muss er schnell bei den Profis die richtige Ansprache finden.

Bei seiner Feuertaufe als Bundesliga-Trainer steht am Samstag gleich das prestigeträchtige Rhein-Main-Derby gegen Eintracht Frankfurt an.

"Dass sofort so ein Kracher wartet, ist das Allerbeste", sagt Schmidt: "Wir müssen die Zügel loslassen und nach vorne marschieren."

In der Tradition von Klopp und Tuchel

In einer derart prekären Situation auf einen Erstliga-Novizen ohne Profierfahrung zu setzen, so etwas gibt es wohl nur in Mainz.

Dass Manager Christian Heidel, früher Inhaber eines Autogeschäftes, die Qualitäten Schmidts als KFZ-Mechaniker zu schätzen weiß, hat die Entscheidung nicht beeinflusst.

Eher kehren die Verantwortlichen nach dem missglückten Versuch mit Hjulmand bewusst zu den Wurzeln zurück.

In seiner Art, der Offenheit und Emotionalität, erinnert Schmidt an Jürgen Klopp und Thomas Tuchel, der ihn 2010 nach Mainz lotste.

Dass die frühere Arbeit von Tuchel für Schmidt durchaus eine Inspiration ist, mag er gar nicht leugnen: "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich Thomas Tuchel nicht mit seinem Fieber angesteckt hätte."

Dies muss Schmidt nun auch bei den Spielern zügig gelingen. Seine Stimme wird kaum Zeit zur Erholung haben.

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