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Hakan Calhanoglu wechselte im Sommer vom Hamburger SV zu Bayer Leverkusen © Getty Images

Hakan Calhanoglu ist bei Bayer der König des ruhenden Balles mit einer unfassbaren Erfolgsquote. Sein Geheimnis? SPORT1 erklärt es.

Hakan Calhanoglu fixiert den Ball. Scheint ihn zu hypnotisieren, ist dabei hochkonzentriert.

Es folgen ein paar kurze Schritte, den Blick immer noch starr auf das Spielgerät gerichtet. Eine vorbildliche Schusshaltung später liegt der Ball im Netz. So einfach? Bei Calhanoglu offenbar schon.

Denn inzwischen kann man fast schon todsichere Wetten darauf abschließen, dass seine Freistöße im Tor landen. Die ganze Liga weiß es, doch verteidigen kann man sie kaum.

Denn der Mittelfeldmann von Bayer Leverkusen ist in dieser Saison der Meister des ruhenden Balles. Hat an seinen Freistößen gefeilt, immer auf dem Weg zur Perfektion. Und die erreicht er inzwischen immer öfter.

Das Geheimnis? Eine Mischung aus harter Arbeit, Talent und Intuition.

Wo er hin schießt, entscheidet er instinktiv. Indem er lange stehen bleibt und nicht sofort schießt, nachdem der Schiedsrichter den Ball freigegeben hat, will er den Torwart irritieren.

"Dann hat der Torwart keine Chance"

"Wenn es dann gelingt, den Ball optimal zu treffen und ihm den nötigen Effet zu geben, hat der Keeper selbst im Torwarteck keine Chance. Er sieht dann sehr spät, welche Flugbahn der Ball nimmt", sagte Calhanoglu der Rheinischen Post.

Mit seinem Vater Hüseyin hatte er früher in Mannheim auf dem Gummiplatz bereits seine Schusstechnik trainiert. Beim Karlsruher SC in der 2. Bundesliga durfte er die Standards auch im Verein übernehmen. Und übte. Und übte.

Aus 40 Metern erfolgreich

Der Erfolg stellte sich schnell ein, auch nach seinem Wechsel zum HSV brillierte er mit ruhenden Bällen aus der Distanz, gerne auch mal aus 40 Metern. Inzwischen feilt er immer wieder an seinen Freistößen, bei Bayer wird er dabei im Training gefilmt.

"Anschließend analysieren wir meine Freistöße. Für mich ist die Rückmeldung sehr wichtig, weil ich so genau sehen kann, wie ich zum Ball laufe und wie ich die Bälle treffe", sagte er.

Seine Vorbilder sind Juninho und David Beckham. Er schaute sich früher Videos an, analysierte sie. Wie ist der Laufweg zum Ball? Wo genau setzt er den Fuß? "Nach und nach verfeinert man seine Technik", so Calhanoglu.

Nicht nur auf Freistöße reduzieren

Doch der türkische Nationalspieler will sich nicht nur auf seine Spezialität reduzieren lassen. Als würde er nur das können.

Calhanoglu ist kein Lautsprecher, nicht unbedingt der verbale Antreiber. Der Mittelfeldmann wirkt schon mal abwesend, fahrig und lustlos. Er lässt dann gerne die Schultern hängen, trabt nur über den Platz, wirkt wie ein Fremdkörper.

Das war vor allem in der Zeit so, als sein bemerkenswert offenes Interview im ZDF-Sportstudio über sein Wechsel-Theater vom HSV nach Leverkusen und die Todesdrohungen in der Nationalmannschaft hohe Wellen schlug. Auch wenn er das ganze Theater der vergangenen gut zehn Monate für seine gerade einmal 21 Jahre erstaunlich gut weggesteckt hat.

Denn sehr oft gibt es diese genialen Momente, in denen er dem Spiel seinen Stempel aufdrückt, die Fäden zieht. In denen er die Lücken findet, tödliche Pässe spielt und seine Mitspieler in Szene setzt. Oder eben seine Freistöße zirkulieren lässt.

Das gewisse Etwas

Es ist also vor allem eine Spezialität, die seinem Spiel das gewisse Etwas verleiht und seiner Mannschaft die Sicherheit gibt, dass er so jederzeit für den Unterschied sorgen kann. Ein geiles Gefühl sei es, das Spiel auf diese Art und Weise entscheiden zu können, sagte er.

Daneben sind seine Freistoß-Tore nicht nur wichtig, bisweilen sogar entscheidend, sondern auch durchweg sehenswert, vereinzelt kleine Kunstwerke. Manager Rudi Völler hatte ihn nicht umsonst bereits im Sommer als "Tresor-Öffner" bezeichnet.

Das ist er in der Tat immer öfter. Wie zuletzt im Pokal-Achtelfinale beim 2:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern, als er den Ball um die Mauer herum zwirbelte und in der Verlängerung zur Führung traf.

Hakan Calhanoglu trifft per Freistoß für Bayer Leverkusen gegen den 1. FC Kaiserslautern
Hakan Calhanoglu erzielte in dieser Saison vier Freistoßtore in Pflichtspielen © getty

30 bis 40 Prozent seiner Freistöße sitzen

"Bei 30 bis 40 Prozent seiner Freistöße geht der Ball rein. Das hat er wieder unter Beweis gestellt", sagte Bayer-Coach Roger Schmidt.

Kein Wunder also, dass er Begehrlichkeiten weckt. Der FC Barcelona soll ihn beobachten. Denn für Calhanoglu war es nach Treffern gegen Bremen, Schalke und Köln bereits der vierte direkt verwandelte Freistoß.

Insgesamt hat er neun Pflichtspieltore erzielt und sieben weitere Treffer vorbereitet. 15 Millionen Euro hatte Bayer sich Calhanoglus Künste kosten lassen, so viel wie noch nie zuvor.

Doch mit jedem Treffer zahlt der Rekord-Einkauf die Ablöse zurück. 

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