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München - Heiko Westermann spricht nach dem Remis gegen Dortmund Klartext - mit drastischen Worten. Der Abwehrspieler steht unter Dauerbeobachtung, für ihn geht es auch um seine Zukunft.

Der eine oder andere hat damit gerechnet, dass er von Heiko Westermann gar nichts mehr zu hören bekommt.

Recht still war es ja geworden um den früheren Kapitän des Hamburger SV in den vergangenen Wochen. Nach dem 0:8 in München war der Verteidiger aus der Stammelf geflogen. Spielte nur fünf Minuten gegen Borussia Mönchengladbach, spielte gar nicht bei Eintracht Frankfurt.

Kein gutes Zeichen bei einem Spieler, dessen Vertrag zu Saisonende ausläuft, über dessen fußballerische Zukunft in Kürze befunden wird.

Am Wochenende ist Heiko Westermann nun aber zurückgekehrt in die Hamburger Startelf. Er hat dabei wieder von sich hören lassen. Und wie.

Wutrede macht Schlagzeilen

Westermanns Wutrede, Westermanns Abrechnung, Westermanns Wut-Abrechnung: Egal, wie man es nennen mochte, die Schlagzeilen nach dem 0:0 gegen Borussia Dortmund gehörten dem 31-Jährigen und seiner Mixed-Zone-Erklärung in eigener Sache.

"Die Kritiker und Idioten, die meinen, den Fußball erfunden zu haben, können mich mal am Arsch lecken", sprach der oft Kritisierte.

Ein Ausbruch, der gewiss ehrlich war, den er sich aber ebenso gewiss für einen strategisch günstigen Zeitpunkt ausgesucht hat.

Westermann bot mit seiner Leistung gegen den BVB keine Angriffsfläche, agierte auf mehreren Positionen sicher, verdiente sich die SPORT1-Note 2, gewann in seinem spektakulärsten Moment gar ein Laufduell mit Pierre-Emerick Aubameyang.

Westermann immer wieder unter Beschuss

Ein Vorkommnis, das auf der bildlichen Ebene vergleichbar ist mit einer Sprintniederlage des Roadrunners gegen den Kojoten aus den Bugs-Bunny-Comics.

Heiko Westermann gilt ja als eine Art fußballerischer Wiedergänger des besagten Cartoontiers: ein Typ, bei dem ständig mit einem epochalen Missgeschick zu rechnen ist und der ständig ebenso epochal auf die Mütze bekommt.

Mehr Spott und Häme als Westermann dürfte wirklich kaum ein deutscher Fußballer in den vergangenen Jahren auf sich gezogen haben. Auf ihn draufhauen ist ein Ritual, das sich verselbstständigt hat und schon ein Kult für sich geworden ist.

Fotomontagen mit Westermann und Weltfußballer-Trophäe, Klagen, dass die FIFA den Ballon D'Or mal wieder "CR7" statt "HW4" gegeben hat: Internet-Gags wie diese sind inzwischen mehr liebevoll als böse gemeint.

Westermanns Fans schätzen Westermanns Einsatz und sehen über seine fußballerischen Beschränkungen hinweg, lieben sie sogar irgendwie.

Rekordspieler und Rekordverlierer

Ein Blick in die Statistik des Datendienstleisters delaltre für Bundesliga Aktuell zeigt, dass Westermann-Fans wie Westermann-Gegner ihren Punkt haben.

Tatsächlich gibt es keinen Bundesliga-Feldspieler, der mehr seinen Allerwertesten hinhält: 297 Bundesliga-Spiele über 90 Minuten - unter den Aktiven hat nur Dortmunds Keeper Roman Weidenfeller mehr auf dem Konto.

Den Kernjob des Verteidigens erfüllte Westermann dabei stets solide: In seiner kompletten HSV-Zeit liegt Westermann bei guten 64 Prozent gewonnener Zweikämpfe - wobei der Wert in dieser Saison auf 60 zurückging.

Bemerkenswert: Westermann gehört zudem zu den fairsten Abwehrspielern der Liga. In 308 Bundesliga-Spielen beging er nur 281 Fouls, sah nur 28 Gelbe Karten und flog nie vom Platz.

Ein Indiz, warum ihm ein Verlierer-Image anhaftet, liefern die Zahlen aber auch. Westermann ist unter den aktiven Bundesliga-Profis der, der die meisten Niederlagen erlebt hat (119). Dass er einige davon mit Patzern mitverursacht hat, ist bekannt. Andererseits: Die These, dass es ohne ihn besser laufen würde für seinen Klub, ist eher nicht zu halten. In diesen elf Partien ohne Westermann gab es für den HSV nur einen Sieg, 2 Unentschieden aber acht Niederlagen.

Entscheidung über Zukunft naht

Es gibt also neben den bekannten Argumenten gegen Westermann auch einige für ihn. Sein Klub muss sie abwägen, denn er zählt zu den sechs Akteuren, die nur noch bis zum Sommer an den Klub gebunden sind.

In der Länderspielpause Ende März, Anfang April soll das Thema geklärt werden. Und das Ergebnis dieses Prozesses ist genauso umstritten wie Westermann selbst.

Es gibt Beobachter, die überzeugt sind, dass die HSV-Führung den Vertrag auslaufen lassen wird. Zu sehr sei Westermann mit den mageren Jahren verbunden, zu wenig sähe ein Neuanfang mit ihm wie ein Aufbruch in bessere Zeiten aus.

Andere dagegen sind sicher, dass ein Klub sich ein Kämpferherz wie seines nicht ohne Not herausreißen wird.

Westermanns Wutansprache könnte so ein nach vorne gerichtetes Signal gewesen sein. Oder HW4's vorgezogenes Vermächtnis.

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