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München - Beim FC Bayern geht es in diesen Tagen turbulent zu, mit Dr. Müller-Wohlfahrt verliert der Klub auch ein Stück Identität. Die Fans sind alamiert.

Manch ein Bayern-Fan wird sich dieser Tage die Buddhas zurückwünschen, die Jürgen Klinsmann einst an die Säbener Straße brachte.

Von Jürgen Klinsmann aufgestellte Buddhas am Trainingsgelände des FC Bayern München
Jürgen Klinsmann ließ bei seinem Amtsantritt 2008 mehrere Buddhas an der Säbener Straße anbringen © getty

Nicht, dass sie besonders schön gewesen seien, oder gar sonderlich beliebt. Aber als Mahnmal würden sie schon taugen, diese weißen Steinfiguren, die sinnbildlich für all die unerwünschten Veränderungen standen, die Klinsmann zu Beginn seiner kurzen Amtszeit beim FC Bayern vorgenommen hatte.

Klinsmann wurde seinerzeit von den Bayern-Bossen engagiert, weil der Klub international den Anschluss an die Großen Europas verloren hatte. Er bekam die Macht, viel im Verein zu verändern, damit es nicht dabei blieb. Die Macht, das "Mia san Mia" des FC Bayern in die neuen Zeiten zu übersetzen.

Das allseits bekannte Vereinsmotto steht für Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit - und ein Stück weit auch für eine gewisse bayerische Bodenständigkeit, die man sich trotz aller Erfolge über die Jahre stets bewahrt hat.

Klinsmanns Irrweg

Die Art und Weise, wie Klinsmann an diesem Selbstverständnis rührte, missfiel vielen: Die Buddhas, das Mitbringen eines eigenen, internationalen Trainerteams, das Nicht-Mitnehmen diverser Altgedienter auf seinen Weg - unter anderem verließ damals ein gewisser Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt den Klub (und kam nach Klinsmanns Aus schnell wieder zurück).

Bayern Munich's coach Juergen Klinsmann
Jürgen Klinsmann (l.) musste im April 2009 nach nicht einmal einem Jahr im Amt gehen © Getty Images

Für die meisten Bayern-Fans ging damit zu viel vom Mia san Mia verloren. Es ärgerte sie, wie Klinsmann, der zu DFB-Zeiten ja auch die Münchener Ikonen Oliver Kahn und Sepp Maier ausgebootet hatte, ihren Klub umkrempelte.

Und das wendete sich rasch gegen ihn, als er nicht den Erfolg hatte, um das zu rechtfertigen. Die Klubführung um den damaligen Manager Uli Hoeneß warf Klinsmann raus, nachdem er aus der Champions League flog - und in der Liga das Erreichen der Königsklasse zu verpassen drohte.

Erschüttertes Selbstverständnis

Sechs Jahre danach ist die Fanseele wieder in Alarmbereitschaft versetzt.

Weil das bayerische Selbstverständnis einmal mehr gleich auf verschiedene Arten in seinen Grundfesten erschüttert wurde.

Erst jenes bittere 1:3 im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League beim FC Porto am Mittwoch, am Donnerstag dann der überraschende Rücktritt von Müller-Wohlfahrt mitsamt des kompletten Ärztestabs.

Der langjährige Bayern-Doc hat einen offenkundig seit Monaten brodelnden Machtkampf mit Pep Guardiola verloren, auch wenn der Trainer am Freitagmittag erklärte, "gar nichts" mit dessen Rücktritt zu tun gehabt zu haben.

Gibt der Klub zu viel von sich preis?

Zu Tausenden debattieren nun Bayerns Anhänger im Netz, in den sozialen Medien und anderswo das Thema.

Und die Tatsache, dass Müller-Wohlfahrt und seine Sonderrolle zuletzt auch bei anderen im Klub nicht mehr ganz unumstritten war, ist dabei eher Randaspekt.

"Für mich ist das ein Schock", sagte etwa ein Zaungast am Freitagmittag an der Säbener Straße: "Ich denke, das ist eine Ikone, die zum FC Bayern einfach dazugehört. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der FC Bayern das einfach so verkraftet."

Einmal mehr ist der Weggang Müller-Wohlfahrts nun für viele Anlass die Frage zu stellen, ob der FC Bayern nicht doch wieder einmal für einen Trainer zu viel von sich preisgibt.

Für die einen Genie, für die anderen Fremdkörper

Die Debatten entzünden sich vor allem an Guardiola, den die einen als Trainer-Genie verehren, über dessen Engagement bei Bayern einfach froh sein müssen.

Während er für andere ein suspekter Fremdkörper geblieben ist, der den Verein auf eine Weise verändert, die ihm nicht guttue.

Hat er nicht eben ja auch erst vier Spanier gegen Eintracht Frankfurt aufgeboten?

Thiago und Xabi Alonso vom FC Bayern München
Die Spanier Thiago (l.) und Xabi Alonso spielen seit Sommer 2014 gemeinsam beim FC Bayern © getty

Heißt es demnächst "Nosotros somos nosotros" statt "Mia san mia"? Um mit einem anderen Trainingskiebitz vom Freitag zu sprechen: "Das kommt einem Spanisch vor."

"Uli wäre das nicht passiert"

Man darf nicht den Fehler machen, die Identitätsdiskussion auf Guardiola zu reduzieren. Es geht auch darum, wie die Person Guardiola für eine Veränderung steht, die den gesamten Klub betrifft.

"Unter Uli Hoeneß wäre das nicht passiert", ist ein Satz, den man gerade immer wieder hört und liest. War er nicht der, der den Spagat schaffte, den Klub zur Weltmarke zu machen, dabei aber gleichzeitig auch das Image einer großen Familie bewahrte?

Und der, der einschritt, wenn ein Trainer dem Verein über den Kopf wuchs? Ein Klinsmann, ein van Gaal?

Hätte er es als Manager oder Präsident so weit kommen lassen, dass eine langjährige Klubikone den Bettel hinwirft und die Öffentlichkeit vor dem Verein informiert?

Hoeneß' Erben und ihre anderen Prioritäten

Die momentanen Verantwortlichen haben in jedem Fall andere Prioritäten, als das Bild der großen Bayern-Familie zu pflegen.

Sportvorstand Matthias Sammer hat vor allem den sportlichen Erfolg im Blick, am Samstag hielt er sich zum Thema genauso bedeckt wie alle im Klub. Präsident Karl Hopfner hält sich bis auf wenige Ausnahmen eher im Hintergrund.

Während Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und die mächtigen Wirtschaftskapitäne im Aufsichtsrat eher darauf bedacht sind, den Weg in Richtung globale Marke stetig weiterzugehen.

Der FC Bayern München auf der USA-Reise im Sommer 2014
Im Sommer 2014 absolvierte der FC Bayern eine einwöchige USA-Reise © getty

Gefährliche Kombination

Guardiola, der Welttrainer, verkörpert diesen Weg. Und er hat so viel Rückhalt in der Führungsetage, dass ihn ein Zerwürfnis mit einem Teamarzt normalerweise auch nicht erschüttern würde.

Nur: Die Zukunft eines Trainers hängt gerade beim Rekordmeister vor allem vom sportlichen Erfolg ab. Es ist daher ein unglückliches Timing, dass das drohende Aus in Porto zusammenfällt mit einem selbst ausgelösten Stimmungstief im Umfeld.

Die Kombination ist gefährlich. Jürgen Klinsmann kann davon ein Lied singen.

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