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Hannover - Für seine Kurzmission in Hannover versprüht Frontzeck Optimismus - trotz erschreckender Bilanzen. SPORT1-Experte Thomas Berthold sieht nicht nur Schlechtes.

Die Sonne schien kräftig über Niedersachsens Landeshauptstadt, da wollte Michael Frontzeck trübe Aussichten gar nicht erst aufkommen lassen:

Der Überraschungstrainer von Hannover 96, bis zum Saisonende recht unerwartet als Nachfolger für Tayfun Korkut verpflichtet, war bemüht, zu seinem Amtsantritt größtmögliche Zuversicht auszustrahlen.

"Es ist möglich und absolut machbar, die Klasse zu halten", sagte der 51-Jährige, ausstaffiert mit einem Vertrag für die verbleibenden fünf Saisonspiele - oder sieben, wenn man eine mögliche Relegation nicht ausschließt.

"Das A und O ist es in dieser Situation, die Nerven zu behalten", ergänzte Frontzeck während seiner Antritts-Pressekonferenz. (Die Pressekonferenz zum Nachlesen im Liveticker)

Schleichender Niedergang

Dabei befinden sich die 96er nach zuletzt 13 sieglosen Partien nacheinander in akuter Abstiegsgefahr. (DATENCENTER: Ergebnisse)

Zur Erinnerung: Der bisher letzte Erfolg liegt im vergangenen Jahr, gelang am 16. Dezember gegen Augsburg (2:0).

In der Tabelle ist Hannover vom vierten Tabellenplatz am elften Spieltag auf Rang 15 abgerutscht, der SC Paderborn auf dem Relegationsplatz hat nur zwei Punkte weniger auf dem Konto. (DATENCENTER: Tabelle)

Schlechtester Trainer nach Punkten

Und ausgerechnet mit Frontzeck soll's nun jemand zum Guten richten, der als schlechtester Trainer der Bundesliga Geschichte gilt - zumindest statistisch.

Denn: Frontzeck hat den miesesten Punktebilanz aller Trainer, die mindestens 100 Bundesliga-Spiele in der Verantwortung gestanden haben.

In 137 Spielen holte er nur 129 Zähler - das macht einen Schnitt von 0,94.

Und: 66 Niederlagen stehen gerade mal 29 Siege gegenüber.

Das Netz spottet

Kein Wunder, dass das Netz bereits unmittelbar nach Frontzecks Einbestellung spottete.

Bei Twitter herrscht eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Galgenhumor. Während die 96-Fans mit dem Fußballgott hadern, wittern die Liga-Konkurrenten wieder Chancen im Abstiegskampf.

Berthold: "Alle sitzen in einem Boot"

Frontzeck folglich als fatale Fehlbesetzung?

Thomas Berthold gibt wenig auf die Meinung in den sozialen Netzwerken. "Das wird die Mannschaft nicht beschäftigen", sagt der SPORT1-Kolumnist. "Es geht auch für die Spieler am Ende nur um Arbeitsplatzerhaltung - niemand will absteigen, alle sitzen in einem Boot. Es geht wieder bei null los."

Ein Himmelfahrtskommando ist der Feuerwehrmann-Job dennoch beim kleinen HSV, der sich nach dem beispiellosen Absturz des Hamburger SV als zweiter großer norddeutscher Krisenherd herauskristallisiert hat.

Kinds Schlingerkurs

Wegen Korkuts Misere, nicht zuletzt aber auch infolge des irritierenden Krisenmanagements von Martin Kind.

Hannover 96 Unveils New Head Coach Michael Frontzeck
Das neue Trainer-Trio von Hannover 96: (v.l.) Jan-Moritz Lichte, Chefcoach Michael Frontzeck und der zweite Co-Trainer Steven Cherundolo © Getty Images

Rückblende: Noch vor zehn Tagen hatte der Klubchef dem geschassten Korkut eine Job-Garantie ausgestellt. "Wir ziehen das mit Herrn Korkut bis zum Saisonende durch. Es wird bei uns in dieser Saison keinen Trainerwechsel geben", hatte Kind erklärt.

Nach dem 0:4 bei Bayer Leverkusen war Korkut dann doch nicht mehr zu halten. Kind hat damit auch seinen Sportdirektor Dirk Dufner nachhaltig beschädigt. Als dessen möglicher Nachfolger wird bereits Andreas Rettig gehandelt.

Rückkehr nach Hannover

Doch das ist Zukunftsmusik, die Gegenwart heißt Michael Frontzeck. Schon bei seinem  Debüt im Heimspiel gegen 1899 Hoffenheim am Samstag muss Zählbares her, um das Horror-Szenario vom ersten Abstieg seit der Bundesliga-Rückkehr 2002 zu vermeiden.

"Ich kenne die Situation, in der die Mannschaft ist. Was ich schon sagen kann: Sie ist topfit und in einem guten Zustand", sagt der Rheinländer, der in Hannover schon von März 2004 bis November 2005 als Co-Trainer von Ewald Lienen arbeitete.

Mit Alemannia Aachen stieg Frontzeck allerdings 2007 ab, bevor er mit Arminia Bielefeld 2008 am letzten Spieltag den Klassenerhalt feierte. Ein Jahr später wurde er bei den Ostwestfalen nur einen Spieltag vor dem Saisonende in höchster Abstiegsnot beurlaubt.

Letzter Job vor eineinhalb Jahren

Und auch bei Borussia Mönchengladbach (2009-2011) und dem FC St. Pauli (2012-2013) musste Frontzeck vorzeitig gehen. Was nicht wenige Beobachter bedenklich stimmt: Der zwölfte Trainer der Hannoveraner seit der Jahrtausendwende ist schon seit einiger Zeit raus aus dem Geschäft.

Im November 2013 wurde der frühere Bundesligaprofi bei St. Pauli gefeuert, wartete seitdem auf einen neuen Job.

"Das spielt aber keine Rolle", meint Berthold. "Frontzeck braucht keine Eingewöhnungszeit: Er war schon einmal in Hannover, kennt den Klub und das Umfeld gut."

"Er wird nicht den Clown spielen"

"Er ist nun vor allem psychologisch gefordert", ergänzt Berthold. "Er wird eine andere Ansprache wählen und setzt schon dadurch neue Reizpunkte. Und Frontzeck muss jetzt auch herausfinden: Welche Spieler sind stabil in dieser schwierigen Situation, wer wackelt? Es geht nur noch um Fehlerminimierung."

Dass es Frontzeck als Feuerwehrmann überreizt mit Positivismus, schließt Berthold aus: "Er wird bestimmt nicht den Clown spielen. Denn ernst bleibt die Situation natürlich trotzdem." Für Frontzeck persönlich, bis zu seiner Einbestellung bei 96 fast schon in Vergessenheit geraten, wäre der Klassenerhalt ein großes Comeback.

Auf der anderen Seite wäre er mit jedem schlechteres Resultat als der aktuelle 15. Rang womöglich nicht mehr vermittelbar für einen Trainerjob in der Bundesliga.

Auch deshalb sagt Frontzeck mit Blick auf eine Weiterbeschäftigung übers Saisonende hinaus: "Hier geht es nicht um mich, sondern um den Klub 96. Dem Klassenerhalt ist alles unterzuordnen - Ende, Aus, Micky Maus."

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