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Das Treuebekenntnis hält wohl nur eine Woche: Tayfun Korkut muss bei Hannover 96 gehen. Auf seinen Nachfolger wartet eine völlig verunsicherte Mannschaft.

Als Tayfun Korkut am Sonntag noch einmal das Training leitete, dürfte er es schon geahnt haben. Wenn er es nicht sowieso schon wusste.

Denn der 41-Jährige ist seinen Job als Trainer bei Hannover 96 los. Das verkündeten die Niedersachsen am Montagvormittag und reagierten damit auf die sportliche Talfahrt mit nur fünf Punkten aus den bisherigen zwölf Spielen der Rückrunde.

Derzeit finden die entscheidenden Gespräche mit den Nachfolgekandidaten statt.

Neururer als Kandidat

Zu ihnen gehört nach SPORT1-Informationen auch Peter Neururer.

Aber auch die Namen Norbert Düwel (derzeit Union Berlin) und Daniel Stendel (aktuell Juniorentrainer bei Hannover 96) sowie Volker Finke werden genannt.

96-Legende Dieter Schatzschneider, ein enger Vertrauter von Martin Kind, hatte dem Präsidenten im "NDR" bereits zu einem Trainerwechsel geraten:  

"Der Präsident sollte wirklich mal darüber nachdenken, ob er was ändern soll oder nicht. Wenn man das Spiel gegen Leverkusen gesehen hat, dann reicht das einfach nicht. Da muss der Präsident noch mal in sich gehen und ich hoffe, dass er die richtige Entscheidung trifft."

Jobgarantie Schnee von gestern

Die Jobgarantie von KInd für Korkut hielt also nur knapp eine Woche.

Die Bekundungen der Spieler nach dem beschämenden 0:4 bei Bayer Leverkusen? Nicht mehr als Lippenbekenntnisse, die üblichen Floskeln. Es war keine große Überraschung nach diesem desolaten Samstag in Leverkusen, dass dann doch die üblichen Mechanismen des Fußball-Geschäfts griffen.

Beziehungsweise greifen werden. Denn 96 steht vor einer richtungsweisenden Entscheidung. Kommt ein Feuerwehrmann, der alles darauf ausrichtet, doch noch die Kurve zu kriegen und den Klassenerhalt mit allen Mitteln zu sichern?

Hannover 96 v FC Augsburg - Bundesliga
Tayfun Korkut stand womöglich das letzte Mal für Hannover an der Seitenlinie © Getty Images

Kurz- oder langfristige Planung?

Oder stellt sich Hannover perspektivisch auf? Engagiert also einen Fußball-Lehrer, der notfalls auch in die 2. Liga geht und dort einen eigentlich dringend notwendigen Neuaufbau einleitet.

Egal, welcher Trainer sich der schwierigen Aufgabe in einem schwierigen Umfeld stellen wird: Er findet eine höchst verunsicherte Mannschaft vor, die sich in Leverkusen desolat bis beschämend präsentierte. Keine Torchance in 90 Minuten. Kein Einsatz. Kein Ansatz, wie man die Talfahrt nach nunmehr 13 Spielen ohne Sieg stoppen könnte.

Wehrlos und ideenlos

Klar kann man bei Bayer in der aktuellen Form verlieren. Das Problem bei 96 war die Art und Weise. Wehrlos, ideenlos, praktisch leblos hatten sie sich früh in ihr Schicksal ergeben, kein Aufbäumen, keinen Willen erkennen lassen, der im Kampf gegen den Abstieg unerlässlich ist. Ja, eine Grundvoraussetzung ist, um darin zu bestehen.

"So haben wir es nicht verdient, die Klasse zu halten. Den Klassenerhalt wollen wir uns in den nächsten Spielen aber unbedingt verdienen. Nur mit dieser Leistung geht das nicht", sagte dann auch Manager Dirk Dufner, der nach dem desolaten Saisonverlauf selbst auf der Abschussliste steht: "Da muss die Mannschaft dringend mit sich ins Gericht gehen. Das hat sie in der Kabine auch schon lautstark getan."

Andreasen und Schmiedebach geraten aneinander

Das hatte sie auch vorher schon getan, gut sichtbar für alle TV-Kameras waren Leon Andreasen und Manuel Schmiedebach verbal aneinander geraten.

Ein erschreckendes Sinnbild für den Zustand der Mannschaft. Eine Mannschaft, die sich nach dem Spiel zwar vor den Trainer stellte. In den 90 Minuten zuvor auf dem Platz jedoch jegliches Bekenntnis zu Korkut vermied.

Dass sich am Sonntag bei Korkuts letztem Training 20 Fans im Stadion verloren, verdeutlicht zudem den Gesamtzustand des ganzen Klubs, die Trostlosigkeit, die das sowieso schon mausgraue Image in diesen Tagen noch etwas blasser aussehen lässt.

Kind ist der Schuldige

Für viele Anhänger ist allerdings nicht der Trainer der Schuldige am Dilemma, sondern Präsident Kind. Zahlreiche Ultras boykottieren die Heimspiele, Fan-Forderungen wie "Kind muss weg, sofort" sind in Hannover praktisch Usus. Der Streit zwischen Kind und einem Teil der Anhänger ist nicht neu, ist in der aktuellen sportlichen Situation aber natürlich wenig hilfreich. Im Gegenteil.

Nachdem mal wieder nur wenige hundert Fans 96 nach Leverkusen begleitet hatten und in einer Mischung aus Frust und Resignation das 0:4 fast schweigend verfolgt hatten, sagte Andreasen: "Das ist geht ja schon länger so. Ich finde das sehr schade, denn sie sind unser 12. Mann und das war auch immer eine Stärke von Hannover 96. Aber darum geht es jetzt nicht."

Bayer 04 Leverkusen v Hannover 96 - Bundesliga
Chancenlos in Leverkusen: Ron-Robert Zieler (r.) und Co. © Getty Images

Denn in Hannover geht es jetzt vor allem um grundlegende Dinge. Kampfbereitschaft und Willen zum Beispiel. „In unserer jetzigen Lage ist es wichtig, dass wir die Basics richtig machen. Das kann man erwarten, auch wenn man in einer schwierigen Situation steckt“, forderte Weltmeister Ron-Robert Zieler.

"Was wollen Sie jetzt von mir hören?"

Tief blicken ließ Zielers Reaktion auf die durchaus berechtigte Frage, was ihm nach dem Auftritt in Leverkusen im Abstiegskampf Mut mache.

"Was wollen Sie jetzt von mir hören? Keiner von uns wird sich aufgeben. Wir werden weiter kämpfen und wir werden versuchen, die nötigen Punkte zu holen, um den Klassenerhalt zu schaffen“, sagte der 96-Keeper.

Dufner nahm dabei das Team in die Verantwortung. "Die Impulse müssen jetzt aus der Mannschaft kommen."

So ganz traut er Zieler und Co. dann aber doch nicht über den Weg. Denn den branchenüblichen Impuls soll dann wohl vor allem der neue Trainer bringen.

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