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Rudi Völler und der Geist von Malente (nicht im Bild) im DFB-Trainingslager vor der WM 1994
Rudi Völler und der Geist von Malente (nicht im Bild) im DFB-Trainingslager vor der WM 1994 © Getty Images

Der Geist von Malente hat Deutschland zwei WM-Titel beschert, nun ist er kurz davor, den HSV zu retten. Firlefanz? Seien Sie mal nicht so sicher. Hoffmanns Erzählungen.

Die nachfolgenden Generationen, so viel kann man jetzt schon sagen, werden bei all den Geistern wahrscheinlich irgendwann den Überblick verlieren.

Man erwischt sich ja selber immer öfter beim Überlegen: Der Geist von Spiez, hat der uns jetzt die WM 1954 oder 1974 gewonnen?

Der Geist von Belek, hat der diesen Winter Hertha BSC beflügelt, den FC Augsburg, den Kreisligisten SV Baris Delmenhorst - oder alle drei?

Und der Geist von Campo Bahia: War der letztes Jahr verantwortlich für den WM-Titel in Brasilien oder für die letzte gelungene Staffel dieser Dschungelsendung?

So sehr man sich in den Einzelheiten dieses Themas verlieren kann, so eindeutig und klar ist das große Ganze: Der Geisterglaube lebt, auch und vor allem im Fußball.

Der Animismus - wie der Fachmann besagte Idee nennt - geht von der Existenz einer Welt des Unsichtbaren und Spirituellen aus, die alles Sichtbare und Materielle beseelt. Jedes Objekt, das wir berühren können, hat demnach sein immaterielles Gegenstück, das wir spüren können, jeder fußläufig begehbare Ort seinen seelisch erfahrbaren Geist, der einem auch bei diesseitigen Unternehmungen eine entscheidende Hilfe sein kann.

Der Hamburger SV hat in den vergangenen Wochen auf genau diesen Effekt gesetzt und sich dabei zur Sicherheit an den renommiertesten aller spirituellen Helfer gewandt: den Geist von Malente.

Besagtes Wesen ist eine anerkannte Legende seines Fachs - und mit seinen zwei Titelgewinnen 1974 und 1990 bis heute amtierender Rekordweltmeister-Geist.

Der HSV hat also gleich zweimal ein Trainingslager in der Holsteinischen Schweiz gebucht und das spirituelle Pendant des Ortes mit großem Aufwand zu beschwören versucht: So gab es gemeinsame Paddeltouren, Schießübungen im Schützenhaus, selbst von der Anrufung eines Hellsehers und einem mythischen "Feuer-Schwur von Malente" ist zu lesen ("Da kann doch nichts mehr anbrennen gegen Karlsruhe...").

Nun können es sich die aufgeklärten Beobachter leicht machen und all das als groben Firlefanz verdammen - und die Ironiker unter ihnen auch noch ein paar spöttische Fragen dranhängen, so in die Richtung: Gehen jetzt auch Weselsky und Grube gemeinsam mit den Schlichtern in Malente paddeln? Und wann leistet die FIFA-Führung in der FBI-Zentrale den Feuer-Schwur von Washington?

Betrachtet man die ganze Angelegenheit dagegen unbefangen, verwundert es nicht, dass der Animismus wieder im Kommen ist.

Zwar ist er eigentlich ein Phänomen der Vormoderne, ein Glauben, dem vor allem schriftlose Jäger-und-Sammler-Kulturen anhingen. Wie es aber oft so ist mit alten Ideen: Sie werden auch in neuen Zeiten gerne hervorgeholt, wenn einem das rationale Gedankengut nicht weiterhilft.

Aus der Hamburger Innensicht ist es also logisch, in einer existenzbedrohenden Notsituation auf die Wunderwirkung metaphysischer Kräfte zu hoffen. Und von außen betrachtet ist es ebenso naheliegend, ein rational schwer erklärbares Phänomen, wie die Tatsache, dass eine Mannschaft, die wie der HSV spielt, noch Bundesligist ist, als Werk einer übersinnlichen Gestalt einzuordnen.

Ob jetzt der Geist von Malente, von Spiez, von Campo Bahia dafür verantwortlich ist: Wie gesagt, die kommenden Generationen werden es wahrscheinlich irgendwann nicht mehr genau zuordnen können.

Die Hauptsache ist, dass sie die guten Geister unserer Zeit nicht ganz vergessen. Wäre schade, wenn sie zum Schluss kommen, wir wären von ihnen allen verlassen.

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