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Schwach wie selten: Benedikt Hoewedes (rechts), Tranquillo Barnetta und die Schalker Mannschaft © Getty Images

Gelsenkirchen - Schalke droht mit dem Verpassen der Europa League der Super-GAU. Trainer Roberto Di Matteo wirkt ratlos, die Mannschaft leblos. Nun rollen die ersten Köpfe.

Roberto Di Matteo sah noch ein bisschen ratloser aus als sonst. Angeschlagen. Desillusioniert.

Der Italo-Schweizer hat während seiner Amtszeit auf Schalke schon eine Menge erlebt. Dieser neue Tiefpunkt verschlug dann aber sogar ihm die Sprache.

Blutleer. Kein Biss, kein Esprit, kein Tempo, keine Grundtugenden, nichts. Null Leidenschaft, null Disziplin, null Willen: Schalke präsentiert sich ausgerechnet auf der Zielgeraden der Saison desaströs wie selten.

Ein Offenbarungseid einer Mannschaft, die bereits an den geringsten Ansprüchen grandios scheitert. Die Champions League, eigentlich das Selbstverständnis und damit auch das erklärte Ziel des Klubs, mussten die Verantwortlichen schon vor Wochen abhaken.

Boateng und Sam suspendiert

Manager Horst Heldt griff deshalb nach dem letzten Strohhalm und kündigte personelle Konsequenzen an.

"Das werden wir uns in dieser Form nicht mehr bieten lassen. Ich weiß nicht, ob alle Spieler in den nächsten 14 Tagen noch auf dem Trainingsplatz stehen werden. Die Schonzeit ist vorbei", sagte Heldt. Heißt: Wer nicht mitzieht, fliegt. Egal, wie lange der Vertrag noch läuft.

Die ersten Konsequenzen folgten am Montag: Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam wurden mit sofortiger Wirkung freigestellt, Marco Höger bis einschließlich Samstag vom Trainings- und Spielbetrieb suspendiert.

Grund für das drastige Durchgreifen: Die Europa League, die "Frage der Ehre", wie die Qualifikation für den „Trostpreis“ zuletzt ausgerufen wurde, gerät nach dem 0:2 beim 1. FC Köln zwei Spieltage vor Saisonende nun auch ernsthaft in Gefahr. Es wäre der Super-GAU nach einer sowieso schon völlig verkorksten Saison.

"Ich bin dafür verantwortlich, wenn die Mannschaft nicht das umsetzen kann, was wir uns vornehmen. Wenn ich das den Spielern nicht vermitteln kann, muss ich das auf meine Kappe nehmen", sagte Di Matteo.

Ohnmacht und Ratlosigkeit

Auch das ist, bei aller Ehrlichkeit, ein Offenbarungseid. Schalke hat unter Di Matteo nie begeisterten Offensivfußball zelebriert, dafür aber zumindest das defensiv ausgerichtete System des Italo-Schweizers verinnerlicht. Di Matteo hatte versucht, aus den durch zahlreiche Verletzungen limitierten Möglichkeiten das Beste herauszuholen. Und eine Weile war ihm das auch gelungen.

Doch die Langzeitverletzten sind seit Wochen wieder an Bord, personell kann Di Matteo nahezu aus dem Vollen schöpfen. Doch was er auch ausprobiert, auf dem Platz funktioniert wenig bis nichts, in den vergangenen zwölf Spielen gab es nur zwei Siege.

Die Mannschaft tritt nicht als solche auf, ist keine Einheit, nicht homogen und hat ganz offensichtlich ein Mentalitätsproblem. Sie ist in Einzelkönner zersplittert, die weit unter ihren Möglichkeiten agieren. Oder schlicht überschätzt werden.

Aufgeladene Stimmung

Ohnmacht macht sich deshalb breit, kollektive Ratlosigkeit. Kapitän Benedikt Höwedes fasste den Abend in einem einzigen Satz treffend zusammen. "Das war einer Schalker Mannschaft nicht würdig", sagte der Weltmeister und suchte erst gar keine Ausreden. Die will auch keiner mehr hören.

Denn Erklärungen, nachvollziehbare Gründe, gibt es schlicht keine mehr. Schließlich ist es der x-te Scheideweg, die x-te Krise bei Königsblau.

Kein Wunder, dass es in der Kabine knallte. Die Stimmung war aufgeladen, berichtete Höwedes, deutliche Worte seien gefallen.

Doch geredet wurde auf Schalke schon viel in dieser Saison. Geändert hat sich aber nichts. Im Gegenteil. Die Optionen Trainerwechsel und Kurz-Trainingslager? Sind verpufft. So langsam gehen den Verantwortlichen die Möglichkeiten aus.

Ein letztes Aufbäumen

Der Rauswurf nun von Boateng und Sam wirkt allerdings wie ein letztes Aufbäumen, eine letzte Verzweiflungstat, um die Saison noch zu retten. Und damit womöglich auch den eigenen Job, denn für die Kaderzusammenstellung zeichnet auch Heldt verantwortlich.

Und Heldt war so geschockt ob der Schalker Darbietung, dass er Konsequenzen nicht mehr ausschließen wollte: "Das werden wir alles nach der Saison besprechen", sagte er.

"Dann wäre das eine Katastrophe"

"Horst Heldt darf nicht nur den Zeigefinger heben. Nach diesen deutlichen Worten muss er jetzt Taten folgen lassen, sonst muss er selbst gehen. Wenn sie die Europa League verpassen, wäre das eine Katastrophe", sagte SPORT1-Experte Peter Neururer.

Dass Ex-Trainer Jens Keller in Köln auf der Tribüne saß und sich wahrscheinlich gefragt hat, was sich seit seiner Entlassung im vergangenen Oktober eigentlich gebessert hat, ist eine Ironie der Geschichte.

Dass ausgerechnet der Revierrivale Borussia Dortmund (43 Punkte), nach der Hinrunde Vorletzter, die Schalker (45) aus der Europa League kicken kann, die andere.

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