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Enttäuschte Schalker Fans würden lieber die U19 sehen als die Profis der ersten Mannschaft © Imago

Gelsenkirchen - Nach dem Erreichen der Europa League kracht es auf Schalke. Ein Neuaufbau ist dringend nötig. Trainer Di Matteo wackelt, auch Manager Heldt ist nicht unumstritten.

Schalke 04 ist emotional. Schalke ist gelebtes Drama, tragische Romantik.

Ein Wechselspiel von grenzenloser Euphorie und Weltuntergang im Stakkato-Stil. Ein stets schmaler Grat zwischen Tradition und Moderne bei einem Verein, der sich auf der einen Seite für sein Malocher-Image feiert, gleichzeitig aber auch mit dem Glamour der Großen wetteifert. Und auf dem Weg an die Spitze immer wieder an dem eigenen Selbstverständnis scheitert, das nie so ganz zur Realität passt.

Immer höher, immer weiter, immer schneller. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt, stets hemmungslos überzeichnet. Ein Mittelding, sanfte Zwischentöne? Gibt es auf Schalke nicht. Auf Schalke ist immer laut, immer extrem, egal in welcher Richtung. Das macht den Klub aus.

Hoffnungsvoller Blick in die Zukunft

Damit verbunden ist die Hoffnung, dass es doch noch so etwas gibt wie Identifikation, den ehrlichen Fußball. Die tief verwurzelte Sehnsucht nach einem Versprechen, das die Profis derzeit nicht erfüllen können. Man muss die Identität des Klubs ein wenig kennen, um zu verstehen, warum auf Schalke zuletzt mal wieder viel Drama war. Wo bei anderen nach dem Erreichen der Europa League gefeiert wird, wird auf Schalke gefeuert (DATENCENTER: Tabelle).

Es passt perfekt ins aktuelle Bild, dass die Schalker A-Jugend am Sonntag in der Arena den Einzug in das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft schaffte, durch ein 1:1 gegen den Karlsruher SC. Immerhin 8000 Fans haben einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft gewagt, wenn die Gegenwart schon keinen Anlass dafür bietet.

Denn es war just an der Stelle, wo gute 24 Stunden zuvor die Profis gnadenlos ausgepfiffen wurden, den geballten Volkszorn zu spüren bekamen, den Frust, die gesammelte Wut, die sich über Wochen angestaut hatte.

"Wir haben die Herzen der Fans verloren. Es liegt an uns, sie zurückzugewinnen. Wir müssen uns wieder vorsichtig herantasten. Von heute auf morgen geht das nicht", sagte Manager Horst Heldt.

"169 cm Inkompetenz"

Die "169 cm Inkompetenz", wie ein Spruchband am Samstag unverhohlen Kritik übte, steht nicht erst seit Samstag im Auge des Sturms, der sich bei den Königsblauen zusammengebraut hat.

Heldt ist neben Klubboss Clemens Tönnies die personifizierte Schuld an der Misere, so die überwiegende Meinung der Fans, mit denen er am Samstag nach dem Spiel noch diskutierte. Tönnies war nicht dabei, doch er wird sich spätestens im Rahmen der Jahreshauptversammlung am 28. Juni der Kritik stellen müssen. Heldt zeigte sich angeschlagen, mitgenommen, aber auch demütig, nahm die Verantwortung komplett auf sich. Beide sind zudem nicht dafür bekannt, vor Problemen davon zu laufen.

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Heldt hat in der Vergangenheit sicher nicht alles falsch gemacht. Mit ihm als Sportvorstand qualifizierte sich Schalke zuletzt dreimal in Folge für die Champions League, Schulden wurden abgebaut, zudem zeichnet er in starkem Maße mitverantwortlich dafür, dass die Knappenschmiede immer wieder erfolgreich Talente zu den Profis spült.

Doch klar ist auch: Er hat die aktuelle Mannschaft zusammengestellt, hat bei vielen Transfers nicht nur sportlich, sondern auch menschlich danebengelegen. Er zeichnet für einen Kader verantwortlich, der der zweitteuerste der Liga ist und alleine schon deshalb entsprechende Erwartungen schürt.

Keine Mentalität, nicht homogen

Er hat diese überbezahlte Truppe zusammengekauft, die in der Vergangenheit zu oft enttäuscht hat, die Mentalität vermissen lässt, stattdessen in zahlreiche Gruppen zersplittert ist. Eine Mannschaft, die nicht als solche erkennbar ist, mit schwierigen Charakteren wie Kevin-Prince Boateng oder Sidney Sam, die nach dem blamablen Auftritt beim 0:2 in Köln von Heldt vom Hof gejagt wurden.

Doch auch diese Maßnahme erzielte nicht die gewünschte Wirkung, ebenso wenig wie das zuletzt einberufene Trainingslager oder die Verpflichtung von Trainer Roberto Di Matteo. Heldts Wunschkandidat, mit dem sein eigenes Schicksal auch ein sehr großes Stück weit verknüpft ist.

Die Europa League? Ist im Schalker Selbstverständnis Schadensbegrenzung, der Trostpreis, wie er zuletzt immer genannt wurde. Das Erreichen des Minimalziels, mehr nicht.

Ratlosigkeit beim Trainer

Alarmierend ist dabei vor allem der Zustand der Mannschaft, die sich gegen Paderborn erneut desolat präsentierte. Die offensichtliche Ratlosigkeit des Trainers, der nach gut acht Monaten auf Schalke immer noch nicht angekommen ist. Der sich den berechtigten Vorwurf gefallen lassen muss, im Grunde nichts besser gemacht zu haben als sein Vorgänger.

Im Gegenteil: Im Grunde spielt Schalke unter Di Matteo nicht nur erfolgloser, sondern auch unattraktiver, konzeptloser. Und die immer wieder angeführten Verletzten gab es unter Keller auch.

Es stellt sich deshalb die Frage immer lauter, ob Di Matteo tatsächlich der Richtige ist für einen Neuaufbau, der auf Schalke dringend notwendig ist. Horst Heldt beantwortete die Frage mit einem entschiedenen "Ja". Und warum? "Weil wir die Dinge gemeinsam anpacken werden", so Heldt. So viel zu den Argumenten pro Di Matteo.

Di Matteo ist "optimistisch"

"Die Zeit hilft immer, Wunden zu heilen. Wenn viele Spieler von Anfang an dabei sind, können wir die Art und Weise verbessern. Ich bin optimistisch", sagte Di Matteo selbst.

Optimistisch ist allerdings kaum noch jemand rund um den Klub, der nach der Saison die Spielzeit analysieren und aufarbeiten will, wie Heldt ankündigte.

Einige Verträge werden nicht verlängert, auch einstigen Leistungsträgern wie Roman Neustädter würden bei entsprechenden Interessenten wohl keine Steine in den Weg gelegt.

Köpfe werden rollen, das ist klar. Möglicherweise nicht nur, was den Kader betrifft.

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