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Hamburger SV HSV Uhr
In jedem Frühjahr das Mega-Thema unserer Zeit: Die HSV-Uhr © Getty Images

Die Frage, was aus der Uhr wird, sollte es den HSV doch einmal erwischen, wirkt mittlerweile wie die wichtigste Frage unserer Zeit. Nicht ohne Grund.

Es gibt da so ein Missgeschick, das so gut wie jedem von uns schon einmal passiert sein dürfte.

Sie kennen die alltägliche Situation: Ein gehetzt wirkender Passant kommt auf Sie zu, bittet um einen Gefallen. Er habe gerade Mittagspause, kurz danach aber ein sehr bedeutsames Meeting, Welkenbrock aus kurz unterhalb der Chefetage, den könne man leider nicht warten lassen, und gerade jetzt, leider, leider, habe ihn der Akku des Mobiltelefons im Stich gelassen, und ein Zeitmesser am Handgelenk, Sie wüssten das ja, das sei ja keine Selbstverständlichkeit mehr heutzutage, er sei ja auch nicht der Typ, der zwanghaft an alten Gewohnheiten festhalte, um ein Zeichen gegen unsere schnelllebigen Moden zu setzen, nicht dass er das gänzlich unkritisch sehe, keineswegs, aber Sie wüssten ja, wie das sei, so eine lange To-do-Liste tagein tagaus, da komme man nicht immer dazu, jeden guten Gedanken konsequent in Wort und Tat bis an sein Ende zu führen - ob Sie ihm jedenfalls kurz die Uhrzeit sagen könnten.

"Natürlich, kein Problem, die Uhrzeit", sagen Sie, erfreut, einem Mitmenschen ohne größeren Aufwand ihrerseits nützlich sein zu können. Doch statt ihm die dazu nötige Information zu geben, sagen Sie instinktiv, wie als ob anstelle ihres Verstandes eine höhere Macht ihre Zunge hin- und herbewegen würde: "Der HSV spielt jetzt gerade seit 51 Jahren, 284 Tagen, 17 Stunden, 50 Minuten und 21 Sekunden in der Bundesliga." Und anstatt dass ihr Mitmensch nun seinem Meeting mit Welkenbrock aus kurz unterhalb der Chefetage gelassen entgegenblicken kann, muss er erstmal mühsam rechnen: Herrje, und wieviel war das noch gleich in mitteleuropäischer Sommerzeit, muss man da jetzt eine Stunde ab oder dazu...

Es ist ärgerlich, aber es kommt doch immer wieder vor, wenn die Bundesliga-Uhr des Hamburger SV gerade das Mega-Thema unserer Zeit ist.

Mittlerweile ist es das ja jedes Jahr im ausklingenden Frühling, zusammen mit den anderen Dingen: dem Dinosaurier Hermann, der Unabsteig-Bar in der Volksparkstraße, den Sorgen des Vereinsidols Uwe Seeler.

HSV-Legende Uwe Seeler
Macht sich immer mal wieder Sorgen um den HSV: Uwe Seeler © Getty Images

Die vielfach gestellte Frage, was wohl werden würde aus alldem, sollte es das letzte Gründungsmitglied, das ununterbrochen in der Bundesliga spielt, wirklich mal treffen, sie fühlt sich in diesen Zeiten mittlerweile wichtiger an als die, was dann eigentlich aus dem HSV würde.

Man könnte dies an dieser Stelle nun beklagen als Ausdruck unserer allgemeinen Oberflächlichkeit, aber dieser Gedanke ginge in die falsche Richtung. Man muss verstehen, dass beide Fragen unmittelbar zusammenhängen, dass die Antwort auf die formell kleinere Frage auch die auf die große ist - pars pro toto, wie es seinerzeit hieß, als die HSV-Uhr noch in römischen Zahlen lief.

Nun gut, können Sie nun einwenden: Die Frage stellt sich ja nun nicht mehr, der HSV hat es ja mal wieder abgewendet.

Das stimmt einerseits, und kann andererseits doch nicht beruhigen. Denn beantwortet ist die Frage damit ja nicht. Sie wird wiederkehren, jedes Jahr aufs Neue. Und die symbolische Bedeutungslast, die wir ihr mit jeder Frage nach der Uhr, dem Dino und den Sorgen von Uwe Seeler aufbürden, wird noch weiter anwachsen.

Schon dieses Jahr war sie ja an einem Punkt, an dem man sich nicht mehr vorstellen konnte, dass die Antwort auf die Frage, was wäre, wenn der HSV abstiege, so etwas banales sein könnte wie: Er spielt in der Zweiten Liga weiter.

Der Gedanke, dass etwas, was immer da war, auf einmal einfach weg sein könnte, berührt größere Ängste als die vor dem nächsten missglückten Pass von Heiko Westermann. Und wer kann schon hundertprozentig ausschließen, dass hinter der vermeintlich kleinen Frage nicht eine noch größere steckt, als wir momentan glauben wollen.

Ich für meinen Teil würde nicht mehr mit letzter Sicherheit davon ausgehen, dass in dem Moment, in dem die HSV-Uhr aufhört zu ticken, alles andere einfach so weitergeht.

Drücken wir dem Dino besser weiterhin die Daumen. Man weiß nie, wie gelassen man dem allem sonst wirklich noch entgegenblicken kann.

Dem nächsten Passanten, der einen nach der Zeit fragt. Dem nächsten Meeting mit Welkenbrock aus kurz unterhalb der Chefetage. Dem Universum. Und dem ganzen Rest.

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