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Cristiano Ronaldo (l.) ist topfit, die Bundesliga-Stars weniger © Getty images

München - In der abgelaufenen Saison traf vor allem die deutschen Champions-League-Teams eine Verletzungswelle. Bei SPORT1 erhebt ein Experte Vorwürfe.

Ein martialischer Appell: "Wir killen die Spieler", sagte Bayerns Trainer Pep Guardiola im Verlauf der gerade abgelaufenen Saison. Da hatten ihn diverse Verletzungen gerade wieder mehrere Stammspieler auf einmal gekostet.

Das Entscheidende dabei war das "wir". Guardiola ist sich seiner Verantwortung bewusst in einer Zeit, da die Spitzenvereine der Bundesliga auffällig viele Spieler in der Reha versammeln statt auf dem Trainingsplatz.

"In gesundheitliche Belange hineinpfuschen"

Der Spanier spielte dabei eine Hauptrolle in der abgelaufenen Saison. "Es ist grenzwertig, dass ein Trainer, dessen Fokus natürlich auf dem eigenen Erfolg und auf dem der Mannschaft liegt, in die gesundheitlichen Belange hineinpfuschen will", sagte Dr. Joachim Latsch von Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Sporthochschule Köln SPORT1. Es geht natürlich um Guardiolas Zoff mit Vereinsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.

Guardiola zeigte immer wieder offen seine Ungeduld. "Wenn der Arzt sagt, ein Spieler ist in sieben Wochen wieder fit, dann will ich ihn in sechs Wochen zurück haben, wenn er fünf Wochen sagt, dann nach vier", formulierte er das.

Kritik an Guardiola

Latsch erwidert: "Das kann er sich ja wünschen. Es gibt Methoden, die eine Regeneration beschleunigen und sie verbessern. Aber es ist schon ein großer Teil Selbstüberschätzung, dass ein Nicht-Mediziner wie Pep Guardiola sich hinstellt und einen so erfahrenen Kollegen wie Dr. Müller-Wohlfahrt in Bausch und Bogen darüber kritisiert, wie er seine Leute behandelt."

Der Showdown zwischen Guardiola und Müller-Wohlfahrt geriet besonders wegen der vielen Ausfälle beim FC Bayern in den Fokus. Doch nicht nur hier lesen sich die Zahlen dramatisch: Auch der FC Schalke 04 und Borussia Dortmund traf es extrem. Drei deutsche Champions-League-Vereine stehen exemplarisch für die Probleme der Spitzenteams, mit der großen Belastung umzugehen.

Zehn große Ausfälle beim FC Bayern

Dem FC Bayern fehlten Bastian Schweinsteiger, David Alaba, Javi Martinez, Holger Badstuber, Thiago, Franck Ribery, Arjen Robben, Philipp Lahm und Tom Starke in jeweils über zehn Bundesliga-Spielen. Hinzu kam Pepe Reina, der in acht Partien fehlte. Insgesamt kommen sie auf 172 verpasste Spiele allein in der Liga.

SC Paderborn 07 v Borussia Dortmund - Bundesliga
Dortmunds Marco Reus muss in Paderborn vom Platz getragen werden © Getty Images

Ähnlich sieht es beim BVB aus: Elf Langzeitverletzte, darunter Marco Reus, Nuri Sahin, Ilkay Gündogan oder Jakub Blaszczykowski, fehlten in insgesamt 156 Spielen.

Noch einen Langzeitausfall mehr hatte Schalke. Hier kommen unter anderem Julian Draxler, Leon Goretzka und Jefferson Farfan auf zusammen 201 verpasste Partien.

Systemfehler im Fußball

Auf dem negativen Höhepunkt vor dem Start der Rückrunde im Januar fehlten den 18 Bundesligisten über 100 Spieler. "Wir haben im Fußball einen Systemfehler. Das Business lässt durch die vielen Spiele keine Regeneration mehr zu", sagte Professor Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln.

Der niederländische Fitnesstrainer Raymond Verheijen ergänzt: "Inzwischen gehe ich davon aus, dass 80 Prozent der Verletzungen im Fußball durch eine richtige Trainingssteuerung vermeidbar wären. Leider ist der Fußball aber noch nicht so weit, selbst wenn die besten Trainer der Welt am Werk sind", sagte er dem Magazin 11Freunde.

Latsch schränkt zwar ein: "Im Schnitt sind die Leute sich bewusst, dass der Körper endlich belastbar ist und dem rehabilitativen Ansatz mehr Raum gegeben werden sollte." Die meisten Experten sind sich aber einig, dass die Trainer der Bundesliga noch einiges aufzuholen haben.

Vielen Trainern fehlt der Mut

"Wenn ein Trainer nicht bereit ist, eine Veränderung am praktischen Beispiel zu überprüfen, wird sich nichts ändern. Dazu muss einer den Mut haben. Und beim FC Bayern, auch wenn einer Guardiola heißt, wird man keine ganze Saison verlieren dürfen", sagte Latsch.

Denn: Die Belastung steigt, der menschliche Körper und dessen Regenerationsanspruch verändern sich aber nicht. Bleiben also eigentlich nur mehr Erholung und konzentriertere Belastung, um Verletzungen zu verhindern.

Schon 2013/14 mussten Schalke und Dortmund mit vielen Ausfällen zurechtkommen. Die Weltmeisterschaft verschleppte bei vielen Profis Verletzungen und hielt ihre Muskeln und Bänder konstant im roten Bereich. Das Problem liegt tiefer.

Barcelona kommt fast ohne Verletzungen durch

International bleiben die meisten Spitzenmannschaften von solchen Verletzungsserien verschont. Beim FC Barcelona etwa verpasste in dieser Saison abgesehen von Thomas Vermaelen kein Spieler mehr als sieben Partien in der Primera Division wegen Verletzungen.

Oder Weltfußballer Cristiano Ronaldo: Der Portugiese bestritt in dieser Saison 54 (!) Pflichtspiele für Real Madrid, dazu drei Länderspiele. Lange Ausfälle? Fehlanzeige. Formkrise? 61 Saisontore.

Im Gegensatz zu den meisten Bundesligisten wird zum Beispiel in Barcas "Ciutat Sportiva Joan Gamper" höchstens einmal täglich trainiert. Intensität geht ganz klar vor Umfang.

Das hat man in der Bundesliga natürlich vom Prinzip her auch erkannt. Nur mit der Umsetzung hapert es offenbar.

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