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Gelsenkirchen - Andre Breitenreiter wird beim Start seiner Mission auf Schalke begeistert empfangen. Er erklärt, wie er bei den Knappen die Wende schaffen will und spricht über Transfers.

Charakterlos, schwierig, launisch - all das schreckt Andre Breitenreiter nicht ab.

Der neue Trainer von Schalke 04 soll wieder einen neuen Geist in Gelsenkirchen einführen. Und geht dabei seinen ganz eigenen Weg. Auch wenn die Mannschaft in der Vergangenheit oft genug bewiesen hat, dass sie bisweilen eine völlig andere Richtung einschlägt, als sie eigentlich sollte.

Doch Breitenreiter setzt auf selbstreinigende Prozesse. Darauf, dass das Team Dinge bis zu einem gewissen Grad selbst regelt, während er die Linie vorgibt, unter dem Strich als Chef das letzte Wort hat.

"Von Aktionismus halte ich wenig. Wir müssen uns auch nicht alle an die Hand nehmen", weiß der Ex-Paderborner. Es ist eine Art Mischung aus harter Hand und langer Leine, ein Geben und Nehmen, eine Arbeit auf Vertrauensbasis.

Geben und Nehmen

So hat er beispielsweise Benedikt Höwedes nach dessen Heirat die Flitterwochen und somit einen verlängerten Urlaub gewährt, verlangt und erwartet vom Weltmeister dann aber auch gleichzeitig, dass er als Kapitän vorangeht und die Kabine im Griff hat.

"Es geht darum, dass wir auf dem Platz zusammen wachsen, uns aufeinander verlassen können und uns untereinander helfen. Dann wächst man automatisch auch zusammen", sagte Breitenreiter.

Dabei betonte er, dass man dabei als Trainer authentisch bleiben müsse und bezeichnete sich und sein Trainerteam als "offen, geerdet und bodenständig".

Plötzlich im Mittelpunkt

Und das lebt der 41-Jährige vor. Als er seine Einheit am Vormittag nach 90 Minuten beendet hatte, stand er bei einem Großteil der 1000 Fans plötzlich im Mittelpunkt. Gab Autogramme geben, stand für Selfies bereit, während die Mannschaft schon in der Kabine war.

Breitenreiter hat längst verstanden, dass auf Schalke vor allem die Nähe zu den Fans essentiell ist. Vielleicht sogar noch ein wenig mehr als anderswo.

"Bei der Mitgliederversammlung waren fast so viele Zuschauer wie in der vergangenen Saison im ausverkauften Paderborner Stadion", sagte er augenzwinkernd.

Dort habe sich die Mannschaft bereits mit einer positiven Ausstrahlung präsentiert, lobe er. Doch bis zu einem Schulterschluss mit den Fans wird es nach dem Ärger aus der vergangenen Saison noch dauern.

Menschenführung und Philosophie

Doch Breitenreiter schürt eine zarte Euphorie, hat klare Vorstellungen, sowohl was seine Menschenführung, als auch seine Philosophie vom Fußball angeht. Immer wieder streut er einen Spruch ein, gibt sich locker.

Der frühere Stürmer passt vom Auftreten schon gut ins Vereinsprofil, scheut die Nähe zu den Fans nicht, spricht aber nach dem ersten Trainingstag auch noch nicht davon, dass er auf Anhieb infiziert sei. Sondern im Schalker Slang davon, dass es "richtig Bock" mache, auf Schalke zu arbeiten.

Er lässt es vergleichsweise ruhig angehen, hat erste Smalltalks und auch längere Telefonate geführt, lässt sich trotz der Kumpeltyp-Aura von den Spielern siezen. Unaufdringlich steuert er in die Phase des Kennenlernens, des Abtastens und ist dabei kein Alleinunterhalter.

So durfte jeder seiner Co-Trainer bei der ersten Einheit eine Übung vorstellen. Breitenreiter hielt sich meist zurück, rief hin und wieder Anweisungen aufs Spielfeld.

Mit der Mentalität kommt auch die Qualität

Alles Vorgeplänkel.

Denn Breitenreiter weiß, welche Aufgabe da auf ihn zukommt. Klar: Hat er die Mannschaft auf seiner Seite, wäre das bereits die halbe Miete. Helfen soll dabei auch ein vom Verein aufgestellter, 15-seitiger Verhaltenskodex.

Denn stimmt die Mentalität, kommt bei der grundsätzlichen Qualität des Kaders auch der ansehnliche und erfolgreiche Fußball von alleine zurück. Mindestens aber die verlorene Liebe der Fans.

So ist zumindest der Plan, die Hoffnung.

Intensive Leistungsdiagnostik

Um den umzusetzen, soll in der Vorbereitung vor allem an der Fitness gearbeitet werden. Nach der intensiven Leistungsdiagnostik am Mittwoch gab es von Breitenreiter auch bereits das erste Lob, dass die Mannschaft sich gut vorbereitet habe.

Ein gutes Zeichen. Und eine Grundvoraussetzung für das laufintensive Spiel, das er bevorzugt.

"Ich möchte, dass wir hoch pressen und im defensiven Umschalten jedem verlorenen Ball nachgehen, dass wir beim Ballgewinn die Fitness haben, auch offensiv umzuschalten mit Zug zum Tor, um viele Tore zu erzielen", erklärte Breitenreiter: "Das ist die Art, die die Fans begeistert und auch zum Erfolg führt."

Also kein Ballgeschiebe in der Defensive mehr, sondern endlich wieder Schalker, die ihr Heil in der Offensive suchen.

Stürmer gesucht

Um das umzusetzen, hat Breitenreiter zudem den Konkurrenzkampf innerhalb des Kaders ausgerufen.

Fest steht, dass noch ein Stürmer gesucht wird, auch auf der Position des rechten Verteidigers könnte Schalke nach dem Brasilianer Junior Caicara personell nochmals nachlegen.

Ansonsten ist alles offen.

"Wir müssen uns erst einmal kennenlernen, schauen uns alles an, halten Augen, Ohren und uns alle Optionen offen. Dann sehen wir, wo wir noch Handlungsbedarf sehen", sagte Breitenreiter, der erst einmal mit einem Rumpfkader in die Vorbereitung startete.

In den kommenden Tagen und während des Trainingslagers in Österreich stoßen dann auch die noch fehlenden Nationalspieler zur Mannschaft. Spätestens dann soll die neue Zeitrechnung beginnen.

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