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Videobeweis FC Bayern München FC Augsburg Elfmeter Schiedsrichter
Der Videobeweis hätte den falschen Elfmeter-Pfiff verhindern können - jedoch nicht zwingend © SPORT1-Grafik Paul Hänel / Getty Images, dpa Picture-Alliance

München - Der Elfer-Ärger in München belebt die Debatte um weitere technische Hilfsmittel. Verhindert hätten sie den falschen Pfiff allerdings nicht unbedingt.

Olaf Thon will es nicht mehr sehen.

"Das darf nicht passieren", sagt der Weltmeister von 1990, angesprochen auf die Fehlentscheidung des Bundesliga-Wochenendes, den spielentscheidenden Elfmeterpfiff für den FC Bayern München gegen den FC Augsburg.

Es kann natürlich passieren, das weiß der SPORT1-Experte. Das Spiel ist schnell, die Entscheidungen müssen ebenso schnell fallen, der Schiedsrichter nur ein Mensch, die Assistenten auch.

Trotzdem versteht Thon nicht, warum der Fußball nicht das für ihn Naheliegende unternimmt, um solche Fehlentscheidungen zu minimieren. Der Videobeweis muss her, findet er: "Da werde ich nicht müde."

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"Die Technik ist so weit, die Zuschauer sind bereit"

Thon ist nicht der einzige, der den groben Irrtum von Knut Kirchers Linienwächter Robert Kempter zum Anlass genommen hat, die Forderung nach dem Videobeweis zu erneuern.

Felix Magath hat ihn ebenso ins Spiel gebracht, auch diverse Medienkommentatoren und Fans weiß Thon auf seiner Seite.

"Die Technik ist so weit, die Zuschauer sind bereit, das mitzugehen", sagt er im Sportradio SPORT1.fm: "Die Torlinientechnik allein macht null-komma-etwas aus, ich glaube wir müssten lieber bei solchen Entscheidungen eingreifen."

Blatter dafür, die Regelhüter zögern

Bekanntermaßen sind die Entscheidungsträger des Sports (noch?) anderer Meinung. Erst im Februar bremste das IFAB, das jährlich tagende Regel-Gremium der FIFA, den Videobeweis zum wiederholten Mal aus.

Und das obwohl selbst Weltverbandspräsident Joseph Blatter mittlerweile auf dem Standpunkt steht, dass der Fußball eine solche Reform vertragen könnte.

Pro Halbzeit, so Blatters Idee, sollen die Trainer ein- oder zweimal die Möglichkeit bekommen, bestimmte Schiedsrichter-Entscheidungen am Monitor überprüfen zu lassen.

Andere Länder wollen vorpreschen

Der IFAB hat das Thema zuletzt trotzdem an seine Beraterkreise verwiesen, es liegt damit auf Eis, mindestens bis zum kommenden Jahr, womöglich auch viel länger.

"Es ist die größte Entscheidung, seitdem Fußball gespielt wird", sagte FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke seinerzeit. Nur keine Eile also.

Einzelne Länder wären gerne schon weiter, wie andere Sportarten auch. Die Niederlande experimentieren schon länger mit der Idee, aktuell plant auch Brasilien einen Vorstoß. Solange der IFAB sich nicht bewegt, sind den nationalen Verbänden aber die Hände gebunden.

Videobeweis Fußball Bundesliga NFL
Der Schiedsrichter prüft seine Entscheidung am Monitor nach - in der Football-Liga NFL so üblich © Getty Images

Die Mächtigen in Deutschland: gespalten

Der deutsche Fußball ist beim Videobeweis eher kein Reformmotor, zu unterschiedlich sind die Meinungen seiner Protagonisten, in den Klubs wie in den Institutionen.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ist dagegen, er sah stattdessen in der Einführung der Torlinientechnik "die absolute Grenze".

Auch Schiedsrichter-Boss Herbert Fandel und der einflussreiche DFL-Unparteiischen-Berater Hellmut Krug gehören zur Kontra-Fraktion, DFL-Chef Christian Seifert dagegen ist offen für Videoschiedsrichter und automatische Abseitserkennung - sieht aber Blatters Ansatz skeptisch.

Blatters Modell lässt Probleme offen

Das Modell des (Noch-)Präsidenten hat in der Tat seine Grenzen: Es würde nur bei Situationen greifen, bei denen das Spiel unterbrochen wird, Abseitsentscheidungen wären ausgeschlossen. Und es würde den Trainern neuen Druck aufbürden.

Das Bayern-Augsburg-Spiel als Beispiel: Möglich, dass der Videobeweis a la Blatter Kirchers falschen Pfiff verhindert hätte. Möglich aber auch, dass Markus Weinzierl seine Chance, die Entscheidung anzufechten, vorher schon verbraucht hätte.

Es hätte also im dümmsten Fall dieselben Diskussionen über den Pfiff, den vermeintlichen Bayern-Bonus und den ganzen Rest gegeben wie jetzt auch. Was man als Argument gegen diese Form von Videobeweis sehen kann, Tenor: Was bringt's dann? Oder als Argument dafür, Tenor: super, weiter Diskussionen, weiter Emotionen, weiter Romantik, weiter was los.

Nicht jeder Schiri will geschützt werden

In der Frage "Videobeweis oder nicht?" wird auf jeden Fall noch eine Weile was los sein, wenn man sich die Kakophonie der verschiedenen Ansätze und Meinungen so ansieht.

Nicht mal die, die die Technikbefürworter gern schützen würden, sind ja einhellig der Meinung, dass sie von der Technik geschützt werden müssen.

"Gar nichts", halte er vom Videobeweis, sagte auf die entsprechende Frage einmal ein bedeutsamer deutscher Schiedsrichter. Warum? "Weil man dem Fußball seine Emotionalität lassen sollte. Wenn man alles aufklärt, geht die Spontaneität verloren."

Der Name des klarkantigen Unparteiischen: Knut Kircher.

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