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Mönchengladbach und Köln - Das letzte Rheinderby endete mit einer Eskalation, nun bescheren die Konsequenzen Frust: Ticket-Auflagen sorgen für Boykotte und ungewohnte Allianzen.

Normalerweise ist das mit dem Derby ja ein Selbstläufer, gerade bei einem so großen.

Der 1. FC Köln trifft auf Borussia Mönchengladbach: Eigentlich für jeden Fan beider Klubs der Anlass schlechthin, den Weg ins Stadion anzutreten, Stimmung zu machen für seinen Verein, gegen den anderen. Rheinderby eben.

In diesem Jahr dagegen: 1800 Karten aus dem Gästekontingent werden zurückgeschickt, zahlreiche Borussia-Fans haben keine Lust auf das Duell mit dem größten Rivalen.

Und der Kölner Anhang? Statt sich zu freuen über die günstige Gelegenheit, die Gäste noch mehr übertönen zu können, verkündet ein Teil von ihm einen Stimmungsboykott. Weil er mit den Gladbachern einer Meinung ist. Den Gladbachern!

Es ist ein sehr spezielles Rheinderby in diesem Jahr. Wofür es sehr spezielle Gründe gibt.

Ticket-Maßnahmen als Stein des Anstoßes

Die Krawalle beim bislang letzten Derby im Februar in Gladbach waren für den DFB der Anlass, ein Sicherheitskonzept für die kommenden Aufeinandertreffen beider Klubs zu beschließen.

Es sieht unter anderem vor, dass die jeweiligen Gästefans nur noch mit personalisierten Tickets und nach einer Ausweiskontrolle ins Stadion kommen dürfen. Den Kölner Fans - die Chaoten unter ihnen waren mit ihrem Platzsturm verantwortlich für die Ausschreitungen - wurde zudem das Kontingent für das Rückspiel von zehn auf fünf Prozent der Tickets reduziert.

Pikant: Obwohl es gegen die Gladbacher Fans kein solches Verdikt gibt, ist auch ihr Kontingent diesmal geschrumpft, von zehn auf sieben Prozent, also von 5400 auf 3300 Karten.

Der Grund: Auf dem Oberrang Ost, wo ein Teil der Borussia-Anhänger normalerweise untergekommen wäre, ist den Kölnern aus baulichen Gründen keine Ausweiskontrolle möglich.

Borussia Moenchengladbach-1. FC Koeln-Krawalle
Chaoten stürmten nach dem jüngsten Rheinderby im Februar den Platz © Getty Images

Personalisierte Karten sorgen für Frust

Weniger Tickets, Erfassung der Personalien: Was einen Gewinn an Sicherheit bringen soll, bringt viele erstmal in Wallung.

"Ich gehe seit 40 Jahren zum Fußball und soll auf einmal Personalien angeben? Das darf nicht richtig sein", sagte ein Gladbacher Fan am Donnerstag zu SPORT1. Ein anderer, älterer Anhänger findet: "Man sollte nicht seine ganze Privatsphäre auspacken müssen für eine Karte."

Es ist eine emotional beladene Angelegenheit, bei der organisierten Fanszene noch mehr. Auf Gladbacher Seite kommt zudem das Gefühl hinzu, für etwas büßen zu müssen, was die Kölner angerichtet haben. Von einem "Versagen in der Fanarbeit" dort spricht das Gladbacher Fanprojekt.

Darum der Boykott, trotz der aktuellen sportlichen Krise der Fohlen. Das andere Thema ist gerade das wichtigere.

Stimmungsboykott ärgert FC-Verantwortliche

Den Kölner Fans ist es das zum Teil auch. Aus Protest gegen die Sicherheitsmaßnahmen hat die Fanklubvertretung "Südkurve e.V." zu einem Stimmungsboykott für das Derby aufgerufen: Keine Choreographien, keine Zaunfahnen, keine Doppelhalter, keine lautstarken Gesänge.

"Es geht hier nicht um die Gladbacher, um Rivalitäten oder Geschehnisse aus der Vergangenheit, sondern darum Position zu beziehen", lautete die Ansage.

Die Reaktion des FC? Ärger. "Sie lassen die Mannschaft im Stich", schimpfte Sportchef Jörg Schmadtke im Express. "Massivst albern" findet er zudem die Begründung der Aktion: "Da wird inzwischen das Verursacherprinzip völlig außer Kraft gesetzt."

Gladbach müht sich um den Spagat

Die Gladbacher Verantwortlichen mühen sich derweil um den kommunikativen Spagat. "Wir finden den Boykott nicht gut, akzeptieren ihn aber", betonten bei der Pressekonferenz vor dem Spiel Sportchef Max Eberl und - ein ungewohnter Pressekonferenz-Gast - Geschäftsführer Stephan Schippers.

Bei den Beweggründen für den Protest sind die beiden auch zum Teil auf einer Linie mit ihren abtrünnigen Anhängern.

Schippers sprach sich dafür aus "dass es auch künftig das volle Gästekontingent gibt - auch bei Hochrisikospielen". Und in Richtung des Rivalen moserte er: "Es kann aus unserer Sicht nicht sein, dass der 1. FC Köln einen Käfigbereich bei den Gästen hat, der nur sieben Prozent der Stadionkapazität hat."

Was den Gladbacher Ärger weiter schürte: Einen Teil der zurückgegebenen Tickets hat Köln an eigene Fans weiterverkauft, ohne Personalisierung.

"Wenn der Gastverein Kontingente zurückgibt, verkaufen wir die Karten natürlich an unsere Mitglieder und Fans weiter, solange die Sektorentrennung oder Sicherheitsbedenken nicht dagegen sprechen", verteidigte sich FC-Geschäftsführer Alexander Wehrle.

Nicht am eigenen Ast sägen

Einig sind sich Kölns und Gladbachs Verantwortliche dagegen in der dringenden Bitte an alle Fans, keinen neuen Anlass für Sicherheitsdebatten liefern.

Friedlich bleiben, lautet der Appell allerorten.

Mit allem anderen, so Schippers, würden sie "den Ast absägen auf dem sie selber sitzen".

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