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Hoffmanns Erzählungen Faxgerät Willi Lemke
Faxe schicken, Zettel an die Wand heften, mit zwei Hörern gleichzeitig telefonieren: Das Manager-Dasein war früher einfacher © Imago

Der Fußball hat lang am nostalgischen Fernmeldegerät festgehalten. Jetzt laufen Transfers digital. Und, was hat's genützt? Hoffmanns Erzählungen.

Der Snobismus, muss man sagen, war früher vielleicht auch einfach besser.

Sicher, es war zu meiner Jugendzeit auch nicht schön, wenn mir der reich beelterte Junge aus der Parallelklasse  gegenübertrat, seine linke Augenbraue hob und mir mit spöttisch hochgezogenem Mundwinkel die ewig gleiche Frage auftischte: "Ist dein Golf-Handicap etwa immer noch unter 15? Ähömhömhömhömhömhöm."

Ich ärgerte mich schon damals, logisch. Aber ich hatte immerhin noch Hoffnung, dass sich solche Dinge irgendwann mal erledigt haben würden. Durch intensives Schwungtraining, einerseits. Andererseits setzte ich auch auf den gesellschaftlichen Fortschritt, die digitale Moderne, auf Entwicklungen, die allen eine Teilhabe am guten Leben versprachen und das Prinzip des damit Snobismus früher oder später aushöhlen würden.

Ich war naiv, ich weiß. Das digitale Leben hat den Snobismus nicht behoben, sondern ihn übergreifen lassen.

Andere Technik-Handicaps sind nun der Grund, warum man verlacht wird: "Du schickst noch SMS statt Whatsapp-Nachrichten? #Aua -  Du verlinkst Videos, statt sie zu embedden? #Fail - Du meerkatst noch, statt zu periscopen? #Kopf->Tisch - Du liest Hoffmanns Erzählungen noch in der Desktop-Ansicht? #Animierte-Grafik-des-Enterprise-Schauspielers-Patrick-Stewart-wie-er-sein-Gesicht-in-seiner-flachen-Hand-begräbt."

Martin Hoffmann schreibt seit 2009 für SPORT1 die Kolumne "Hoffmanns Erzählungen"
Martin Hoffmann schreibt seit 2009 für SPORT1 die Kolumne "Hoffmanns Erzählungen" © SPORT1

Man ist bei solchen Anmerkungen kurz davor sich zu vergessen, den digitalen Snobs eine gepfefferte E-Mail zu schreiben- und sie ihnen ausgedruckt auf den Schreibtisch zu legen. Oder - noch besser - sie ihnen zuzufaxen.

Das Faxgerät, wir sind beim Thema. Es hat sich ja erstaunlich lange gehalten, unter anderem ja auch im Fußballgeschäft.

Wahrscheinlich auch, weil die digitalen Snobs schon gar nicht mehr auf die Idee gekommen sind, dass es die Telefaksimilies überhaupt noch gibt. Und dass es noch Anlass gibt für die Sottise: "Du faxt deine Transfer-Unterlagen noch an die DFL? Ist ja voll am Puls der Zeit. #Ironieoff"

Erstaunlich lange stützten die Fußballmanager das charmant altmodische Fernmeldegerät, auch in seiner schwersten Krise im Jahr 2011, als es einmal, ein einziges Mal zu spät dran war - und Eric-Maxim Choupo-Moting deshalb nicht vom HSV... ach, ich brauche es Ihnen hier ja nicht nochmal zu erzählen.

In letzter Zeit kommt das Gerät ja nun leider doch aus der Mode. Den Satz "Soll ich das an die Agenturen faxen?" hört man in diesem Büro immer seltener. Und auch bei den Machern des Fußballs ändern sich die Zeiten. Elektronische Transfer Matching Systems, Web-Applikationen, zentrale Computer-Datenbanken: alles topmodern jetzt.

Und alles gut? Natürlich nicht. Transfers platzen statt an zu spät eingetroffenen Faxen jetzt halt an zu spät abgeschickten Datenpaketen.

So ist das in der digitalen Ära: Die Dinge klappen nicht besser, sie scheitern nur anders - und lassen einen irgendwie noch frustierter zurück.

Das unsichere Hineinstecken eines Papiers in die Halterung ("Wie rum jetzt nochmal?"), das gebannte Lauschen, wenn das avantgardistische Klangspiel der Wähl- und Verbindungstöne einsetzt, das Herauszerren des Sendeberichts, das wütende Zerknüllen, wenn darauf steht, dass es nicht geklappt hat: Das alles war noch eine körperliche Erfahrung.

Das virtuelle Erlebnis ist nicht dasselbe. Und es wird dem modernen Fußballmanager nicht in gleicher Weise bei der Verarbeitung seines Ärgers helfen, das wertlos gewordene Transferdatenpaket per Drag and Drop in den elektronischen Papierkorb zu schieben.

Zumal, wenn hinter ihm der IT-Experte der Geschäftsstelle steht und gleich noch festhält: "Du drag-and-droppst noch? #Facepalm."

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