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Lucien Favre trainiert Borussia Mönchengladbach seit 2011
Lucien Favre wusste nicht mehr weiter. © Getty Images

München - Lucien Favre wirft bei Gladbach das Handtuch - damit steht der Coach nicht allein. Die Hintergründe bei Guardiola, Rangnick und anderen Trainern ähneln sich.

Der Zeitpunkt! Die Art und Weise! Die Konsequenzen!

Die Argumente gegen Lucien Favres einsame Entscheidung, Borussia Mönchengladbach Hals über Kopf zu verlassen, sind umfassend ausgetauscht worden. Zuletzt auch von Lothar Matthäus, bekanntlich ein ausgewiesener Experte in Sachen Vertragstreue.

Natürlich war das plötzliche Adieu des ewigen Zausel- und Zauderkopfs zum jetzigen Zeitpunkt fahrlässig. Doch nun, da sich die Aufregung ein wenig lichtet, wird vielleicht auch den zumeist aktuell arbeitslosen Kritikern auffallen, dass Trainer-Rücktritte die neuen Rauswürfe sind.

Rücktritte sind die neuen Rauswürfe

Die klassischen Wanderarbeiter des Fußballs werden auch in Zukunft bis zum letzten Moment auf ihren Trainerbänken kleben bleiben, mit wachsender Panik versuchen, das Ruder herumzureißen, während sie längst wissen, dass ihnen die Tür vors Gesicht geknallt werden wird.  

Außergewöhnliche Trainer aber hören von selbst auf.

Ralf Rangnick in Hoffenheim, Thomas Tuchel in Mainz, Jürgen Klopp in Dortmund und Pep Guardiola in Barcelona und möglicherweise auch bald wieder beim FC Bayern haben sich schon vor Favre das Recht herausgenommen, selbst über das Ende ihrer Ära zu entscheiden.

Guardiola lobt Favre

Ihre Abschiede waren weniger skurril als Favres Abgang jetzt, aber für Aufruhr haben sie dennoch gesorgt. Aber wieso eigentlich?

Rangnick etwa verabschiedete sich im Januar 2011 mit den Worten "Hoffenheim braucht mich nicht mehr" von einem Projekt, das er zumindest sportlich selbst erfunden und in die Bundesliga geführt hatte.

Seine Einschätzung traf insofern zu, dass bei der TSG plötzlich ein neuer Wind wehte. Statt weiter zu versuchen mit teuren, aber sehr jungen und zuvor weitgehend unbekannten Spielern die Bundesliga aufzumischen, verkaufte Klub-Mäzen Dietmar Hopp persönlich Luiz Gustavo zum FC Bayern.

Rangnick spürte, dass er dabei war, seine Hausmacht zu verlieren, sein Rücktritt war nur konsequent. Hoffenheim brauchte Jahre - und eine Saison im Abstiegskampf - um sich wieder auf die alten Tugenden zu besinnen.

Später trat Rangnick, mittlerweile Allesentscheider bei RB Leipzig, auch beim FC Schalke 04 zurück - allerdings aus gesundheitlichen Gründen.

Guardiola, Tuchel und Klopp dagegen hatten wie jetzt auch Favre den Glauben daran verloren, ihren Mannschaften noch helfen zu können. Sie spürten, dass ihre Zeit vorbei war. Manchmal reicht da tatsächlich ein Gefühl.

Keiner kann sagen, ob Guardiola nicht einfach weiter Titel um Titel gehamstert hätte, wäre er bei Barca geblieben. Doch er fühlte sich nach vier Jahren auch ein wenig ausgebrannt und einfach am Ende seines Weges.

Sollte Guardiolas Zeit bei Bayern nach dieser Saison tatsächlich nach drei Jahren vorbeigehen, wird ihn sicher auch diesmal nicht der Klub rausgeschmissen haben.  Kein Wunder, dass von Guardiola am Montag kein kritisches Wort in Richtung Favre zu hören war. Im Gegenteil: "Lucien Favre ist einer der besten Trainer, die ich kennengelernt habe", sagte er.

Jeder Zyklus geht zu Ende

Ähnlich wie Guardiola einst bei Barca erging es Klopp. Er traute sich wohl schon noch zu, den BVB wieder nach oben zu führen, aber nach sieben Jahren spürte er wohl auch, dass Zyklen irgendwann zu Ende gehen. Und verabschiedete sich wie zuvor schon Guardiola und Tuchel (der freilich nicht ganz freiwillig) in ein Sabbatical.

Überhaupt Tuchel: Wer könnte es ihm  verübeln, dass er nach fünf erfolgreichen Jahren in Mainz auch mal einen großen Klub trainieren wollte? Im Gegensatz zu Favre machten die drei aber bis zum Saisonende weiter, gaben dem Klub genug Zeit, einen Nachfolger zu finden.

Die gab Dieter Hecking, als er zum Jahreswechsel 2012/2013 nach drei Jahren Nürnberg nach Wolfsburg ging, dem Club zwar nicht. Verübelt wurde ihm das Ergreifen der möglicherweise einzigartigen Karrierechance aber nicht wirklich.

Wenn Veh keine Lust mehr hat, hat er keine Lust mehr

Ein wenig anders sind die Abschiede des notorischen Aufhörers Armin Veh. Der bestimmte sowohl in Rostock 2003, als auch in Frankfurt 2014 und im gleichen Jahr in Stuttgart den Zeitpunkt seines Weggangs selbst.

In Rostock und Stuttgart auch während der Saison. Vor allem Vehs Abgang beim VfB erinnerte an den Rückzug Favres. Aber: Wenn Veh keine Lust mehr hat, dann hat er keine Lust mehr, Veh ist ein Bauchmensch und damit das glatte Gegenteil zum vielleicht übernervösen Kopfmenschen Favre.

Doch auch sie haben sich emanzipiert von den angeblichen Gesetzen des Marktes - und sind womöglich auch darum so erfolgreich.  

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