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München - Carlo Ancelotti wäre ein logischer Kandidat, sollte Pep Guardiola seinen Vertrag beim FC Bayern nicht verlängern. Eine Entscheidung ist aber noch längst nicht gefallen.

Letzte Woche war Carlo Ancelotti mal wieder in Italien. Der Trainer in Auszeit nutzte die Tage zwischen einer Ehrung in London am Dienstag und Mittwoch und einem Kongress von Angiologen (Medizinern, die sich mit Gefäßkrankheiten beschäftigen), bei dem der 56-Jährige diesen Mittwoch über Leadership sprach, um seinen Enkel Alessandro zu besuchen.

"Der Kleine ist eine Schau. Er isst und schläft", sagte Ancelotti über das neueste Familienmitglied in einem großen Interview, das er zwischendurch dem Corriere dello Sport gab und das am Montag erschienen ist.  Nach dem Kongress in San Francisco wollte Ancelotti wieder nach Kanada, der Heimat seiner Frau Mariann. Zum Lachsfischen.

Was man halt so macht als Meistertrainer, der sich nach dem Aus bei Real Madrid im Sommer gerade eine einjährige Auszeit gönnt.

Guardiola hat sich noch nicht geäußert

Diese Aktivitäten sind belegt, nachlesbar auf Ancelottis Twitter-Account und in seinem Interview. Von einem kürzlichen Treffen Ancelottis mit Karl-Heinz Rummenigge und anderen Granden des FC Bayern München lässt sich in den offiziellen Kanälen – natürlich – nichts finden.

Natürlich nicht, weil jetzt niemand zugeben könnte, dass Bayern einen Nachfolger für Pep Guardiola gefunden und sich mit diesem sogar schon mündlich geeinigt hätte. Guardiola hat sich schließlich noch immer nicht zu seiner Zukunft geäußert.  

Natürlich aber vor allem nicht, weil es diese Einigung zwischen den Bayern und Ancelotti am vergangenen Wochenende, die calciomercatoweb am Dienstag exklusiv vermeldete einfach (noch) nicht gegeben hat.

Ziemlich exklusive Exklusiv-Informationen

Oder, um es anders zu sagen: die Exklusivität der Exklusiv-Informationen des Calciomercatoweb-Chefredakteurs Michele Criscitiello, nachdem Guardiola im Sommer zu Manchester City gehe und Ancelotti darum die Bayern übernähme, scheinen vor allem von der Vermischung zweier wiederaufgewärmter Gerüchte und der aktuellen Verkündung genährt.

Ancelotti selbst sagte in oben genanntem Interview über seine Zukunftspläne: "Ich beginne ab Januar, mir einen neuen Klub zu suchen. Ich hatte bis vor ein paar Wochen ein bisschen Angst, dass Angebote kommen würden. Aber jetzt nähere ich mich meinem Wiedereinstieg".

Das könnte natürlich ein Bluff gewesen sein, um eine längst erfolgte Entscheidung zu verschleiern, doch das würde nicht zu Ancelotti passen. Der Trainer, Spitzname "Carletto", ist während seiner langen Karriere weder als Lügner noch als Taktiker aufgefallen.

Das alles heißt nicht, dass Ancelotti, sollte Guardiola wirklich aufhören bei Bayern, im Sommer nicht in München landen könnte.

Logischer Kandidat

Im Gegenteil: Der Bauernsohn aus der Emilia-Romagna, der zuletzt Liverpool absagte, wäre sogar der logische Kandidat. Nicht nur wegen Rummenigges bekannter Italophilie und Ancelottis unzähliger Erfolge als Spieler und Trainer bei Parma, Juventus, Milan, Chelsea, PSG und Real Madrid (unter anderem zwei Landesmeistertitel als Spieler und drei Champions-League-Triumphe als Trainer). Guardiola will seine Entscheidung bis Ende des Jahres fällen. Sollte er gehen, wäre ab Januar genug Zeit, um sich mit Ancelotti zu einigen.

Als Coach ist Ancelotti ähnlich wie der späte Jupp Heynckes ein Pragmatiker und Verfeinerer. Er stülpt Mannschaften nicht ein von ihm präferiertes Spielsystem über, sondern lässt die Spieler das System spielen, das sie am besten können und was am besten zum Verein passt. Das war bei Milan und Chelsea eher defensiv, bei PSG ziemlich offensiv und bei Real ziemlich cristianobalezentriert. Die Bayern müssten sich nach jahrelangem Dominanzfußballs a la van Gaal und Guardiola nicht von jetzt auf gleich auf ein komplett neues System einlassen. Ancelotti sieht sich eher als Verfeinerer.

"Mein Hintern ist erdbebenresistent"

In der täglichen Arbeit gilt Ancelotti als der Mister Feelgood der Trainerszene. Er ist der Coach, dem die Superstars vertrauen. Es gibt außerdem wohl keinen entspannteren und cooleren Trainer. "Mein Hintern ist erdbebenresistent. Die Trainerbänke unter mir haben schon alle Ausschläge auf der Richterskala ertragen müssen", hat er in seiner Autobiographie geschrieben. Sein Humor ist legendär, auch seine Selbstironie. "Hier kommt der dicke Junge mit einer Schüssel voll Tortellini", sagte er mal.

Möglicherweise wäre Ancelotti in der Nach-Guardiola-Ära tatsächlich der ideale Übergangstrainer und würde den Bayern Zeit genug verschaffen, die Entwicklung und Zukunft von Vielleicht-Bald-Kandidaten wie Markus Weinzierl oder Vielleicht-Bald-Wieder-Optionen wie Thomas Tuchel und Joachim Löw abzuwarten.

Das einzige offensichtliche Problem beim Gedanken an Ancelotti und Bayern: Der Mann, der so gerne Witze in der Kabine erzählt, spricht kein Deutsch. "Wenn Giovanni Trapattoni das gelernt hat, kann ich das auch", sagte er zwar mal. Aber das könnte auch einer seiner Witze gewesen sein.

Ancelotti zieht es wieder nach England

Offen ist, ob ihn die Bundesliga wirklich reizen würde.  Auf die Frage, wo er am liebsten arbeiten würde nach seinem Sabbatical sagte er:  "In der Premier League. Das ist der perfekte Ort, nicht für den Fußball, sondern für das Spiel. Man arbeitet viel, aber mit der richtigen Dosis Druck, Distanz und Entspanntheit. Bevor ich aufhöre, würde ich gerne noch eine weitere Erfahrung in England machen."

Doch da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. "Ich gehe, wohin ich gerufen werde. Dann rede ich, bewerte, entscheide."

Ab Januar. Noch nicht jetzt. Und schon gar nicht letztes Wochenende.

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