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Ratlos auf der Bank, Alexander Zorniger (r) © Imago

Stuttgart - Die Probleme des VfB Stuttgart sind vielschichtig und liegen nicht nur an Trainer Alexander Zorniger. Er wird aber Antworten finden müssen, Dutt will ihn nicht erlösen.

Wenn Bruddeln nicht mehr reicht, muss die Lage wirklich dramatisch sein. Der Schwabe ist halt gerne unzufrieden, mit der Gesamtsituation im Allgemeinen und dem VfB Stuttgart im Speziellen. Also bruddelt, auf Hochdeutsch: schimpft, er eben vor sich hin, meistens im Übrigen eher leise. Das ist völlig normal, zumal weil der zweite schwäbische Leitsatz lautet: "Net gschimpft isch globt gnug".

Am Samstag aber gab es in Bad Cannstatt nichts mehr zu Bruddeln, weder leise noch liebevoll. Der VfB war zum Schimpfen zu schlecht. Die Mannschaft bot beim 0:4 im Spätzlederby gegen den FC Augsburg eine so unterirdische Leistung, dass viele Zuschauer schon in der Pause den Ort des Grauens verließen. Wer nicht resignierte, versuchte es in der zweiten Halbzeit mit dunkelstem Zynismus: die Stuttgarter Fans feuerten die Augsburger an, machten die Welle, sangen "oh, wie ist das schön". (SERVICE: Die Statistiken zum Spiel)

Taktische Auswechslung nach 27 Minuten

Das 0:4 war eine Bankrotterklärung. Nicht nur von der Mannschaft, sondern auch von Trainer  Alexander Zorniger, der schon in der 27. Minute Innenverteidiger Toni Sunjic auswechselte, die Mannschaft auf verschiedenen Positionen umbaute und so praktisch das gesamte taktische Konzept über den Haufen warf.

Kann man schon mal machen – wenn man Pep Guardiola oder Thomas Tuchel heißt, die taktische Variabilität zur Maxime des eigenen Schaffens erhoben und Spieler trainiert, die damit umgehen können.

Fundamentalist der Angriffsverteidigung

Doch Alexander Zorniger hat bis dato nie den Eindruck erweckt, lieber Pep Guardiola oder Thomas Tuchel zu sein. Sein Fetisch ist nicht die taktische Variabilität, er ist vielmehr ein Fundamentalist seiner eigenen Idee. Zornigers Fetisch ist die Angriffsverteidigung, die seine Spieler von Spiel zu Spiel nur noch kopfloser zu interpretieren scheinen.

31 Gegentore hat der VfB in dieser Saison bereits kassiert, so viele wie nie nach 13 Spielen. Nicht nur, aber auch wegen der vom Trainer propagierten Politik des offenen Scheunentors – die Zorniger auch am Samstag noch verteidigte. "Wir nehmen immer Modifikationen vor, aber nicht in der Art und Weise, dass wir jetzt alles umstellen", sagte er.

Es ist vor allem dieses sture Festhalten an einem an sich superinteressanten und mutigen System, das aber (noch?) nicht funktioniert, das Zorniger, der auch an guten Tagen seine Lust am Bruddeln wie eine Monstranz vor sich herträgt, angreifbar gemacht hat.

Zorniger wirkte zum ersten Mal nachdenklich

Doch am Samstag wirkte er einfach nur noch niedergeschlagen und ratlos. "Die Körpersprache hat nicht gepasst. Da müssen wir auch mal reden, ob ich da im Vorfeld etwas übersehen habe. Deshalb ziehe ich mir den Hauptschuh an", sagte er.

Doch nach so einem Spiel blieb eigentlich nur die Frage, welche Konsequenzen der Trainer nun ziehen wird. Doch die Antworten blieb er schuldig. "Die Analyse werde ich erst am Dienstag machen, wir werden erst einmal ein paar Tage brauchen, um das aufzuarbeiten. Das war ein sehr schlechter Tag", sagte er.

VfB macht seine Spieler schlechter

Die Analyse dürfte länger dauern.  Es ist schließlich nicht nur so, dass die Abwehr des VfB nicht bundesligatauglich scheint. Die Probleme liegen tiefer. Die Frage ist etwa auch, wieso es Serey Die und Christian Gentner im Mittelfeld nicht schaffen, die Zentrale dicht zu machen und so die Viererkette zu entlasten, wieso kaum ein Stuttgarter richtig in die Zweikämpfe kommt, wieso die Außenverteidiger seit Saisonbeginn praktisch kopflos nach vorne rennen dürfen - wo aber auch die Flügelspieler schon stehen. Das Verschieben funktioniert nicht beim Verein für Bewegungsspiele. Weil der Trainer es nicht will? Oder weil die Spieler es nicht können?

Dazu kommt: Der VfB macht seine Spieler offenkundig schlechter. Bei Die, in der Rückrunde der vergangenen Saison noch einer der Protagonisten der Rettung,  dauerte dies immerhin ein halbes Jahr. Sunjic hat sein bestes Spiel für den VfB bei seinem ersten Einsatz gemacht. Anfang September.  

Dass der VfB seine Spieler offenbar schlechter macht, kann Zorniger kaum angelastet werden. Das ist seit Jahren schon so. Doch der im Abstiegskampf gänzlich unerfahrene Zorniger wird auch darauf Antworten finden müssen, wenn er nicht irgendwann der Trainer sein möchte, der den VfB sang und klanglos in die Zweite Liga führte.

Sportdirektor Robin Dutt scheint nicht vorzuhaben, ihn zu erlösen.

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