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Bremen - Für Bremen steht am Sonntag in Stuttgart ein Schlüsselspiel an. Gelingt der Turnaround bis zur Winterpause nicht, könnte es für Trainer Viktor Skripnik gefährlich werden.

Hohn und Spott gehen weiter. Es reicht ja nicht, dass die Anhänger des Hamburger SV am vergangenen Wochenende dem Standort Bremen ein Dasein in der Zweiten Liga prophezeihten ("Zweite Liga – Werder ist dabei!"), sondern der Sarkasmus greift nun auch in Teilen der Anhängerschaft des SV Werder um.

In den einschlägigen Foren lassen eigene Fans kein gutes Haar an ihrem Lieblingsklub. "Für viele Fans ist nicht erkennbar, dass es vorangeht bei Werder – voran Richtung 2. Liga", schreibt etwa "Michel-HB". Seine Sorge teilen viele.

Richtungsweisende Partie beim VfB

Vor dem Schlüsselspiel beim VfB Stuttgart (Sonntag, ab 15 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) und den abschließenden Hinrunden-Partien gegen den 1. FC Köln (12.12.) und bei Eintracht Frankfurt (19.12.) wirkt der Werder-Weg diffus.

Gebetsmühlenartig wird dieser Begriff von der Geschäftsführung mit Klaus Filbry und Thomas Eichin genannt. Nur konterkariert sich der Kurs, wenn die wirtschaftliche Konsolidierung so arg zu Lasten der sportlichen Substanz geht.

Im Sommer wurden mit Nils Petersen (SC Freiburg), Davie Selke (RB Leipzig) und Franco Di Santo (FC Schalke) drei Angreifer verkauft, die im Grunde allein Anthony Ujah (sechs Saisontore) ersetzen muss.

Aron Johannsson (zwei Treffer) fällt nach einer Hüftoperation mindestens bis zur Winterpause aus, Claudio Pizarro (ein Tor) ist nur in Teilzeiteinsätzen eine Hilfe. Was genauso schwer wiegt: Nach den vielen "Kaderbereinigungen" (Filbry) fehlt es an personellen Alternativen.

Nachwuchs hilft kaum weiter

Bereits zwei Ausfälle gefährden die gesamte Balance, vom Konkurrenzkampf ist gar nicht zu reden. Werder schreibt zwar die Nachwuchsarbeit groß und hat die Profis mit der in der Dritten Liga spielenden U23 eng verzahnt, aber das hilft für den Bundesliga-Alltag nicht viel weiter. Levent Aycicek, Maximilian Eggestein, Oliver Hüsing, Luca Zander oder Janek Sternberg – sie alle konnten dauerhaft nicht weiterhelfen.

Kein Klub hat mehr Eigengewächse in seinem Kader als Bremen - mit einem satten Dutzend. Am ehesten ist dem 21 Jahre alten Österreicher Florian Grillitsch – zuletzt regelmäßig eingesetzt – der Sprung zuzutrauen, doch der technisch versierte Mittelfeldspieler muss sich nun im Abstiegskampf durchbeißen. Keine einfache Aufgabe.

Eichin ist kein Zauberer

Trainer Viktor Skripnik hat nach der 1:3-Pleite gegen den HSV erstmals laut über Verstärkungen nachgedacht. "Ich bin fest überzeugt, es bewegt sich was in diese Richtung."

Ein Trugschluss. Eichin entgegnete: "Wir haben keine Möglichkeiten." Und angesichts der leeren Kasse könne er doch gar nichts tun. "Ich heiße ja nicht Merlin Eichin."

Nicht das erste Mal, dass sich der ehemalige Eishockey-Manager und der Cheftrainer entzweien – nur bislang geschah das selten öffentlich.

Auch wenn Eichin selbst bei einem verlorenen Stuttgart-Spiel eine Trainerdiskussion ausschließt, so wird spätestens zur Winterpause Bilanz gezogen. Was heißt: Der Trainer genießt bis dahin nur eine Schonfrist. Denn auch der 46-Jährige hat sich angreifbar gemacht – mit ständig wechselnden Ausrichtungen.

"Mann voller Sorgen – Viktor Skripnik macht in der Krise Fehler, aber für Werders Kernprobleme kann er nichts", stellt der Weser-Kurier treffend fest.

Leistungsträger schwächeln

Viktor Skripnik von Werder Bremen
Victor Skripnik steht mit Bremen unter Erfolgsdruck © Getty Images

Die mit der Kaderplanung beauftragen Verantwortlichen – Eichin im Verbund mit Direktor Rouven Schröder – scheinen die Qualität der Spieler überschätzt zu haben. Skripnik will die Debatte so nicht führen: "Wir bleiben sachlich, wir arbeiten akribisch weiter, wir halten zusammen."

Tatsächlich fehlt an der Weser es nicht am Gemeinsinn nach innen, wohl aber an der Haltung nach außen. Torwart Felix Wiedwald empfiehlt, im Kollektiv "zu kämpfen, kratzen und beißen."

Jannik Vestergaard beteuerte: "Es ist gut und wichtig, dass wir in so einer Phase zusammenhalten, dass wir jetzt umso mehr eine Einheit sind."

Dazu kommen erschwerend die Formschwächen früherer Leistungsträger. Abwehrchef Vestergaard leistet sich zu viele Aussetzer, Mittelfeldabräumer Philipp Bargfrede läuft oft nur hinterher, Schlüsselspieler Zlatko Junuzovic steht im Verein neben den Schuhen – seine Standards sind fast ein Ärgernis geworden. In der Vorsaison waren sie Werders wichtigste Waffe.

Nach einem Jahr unter Skripnik haben sich die Grün-Weißen wieder zurückentwickelt. Der gebürtige Ukrainer sollte mit seinem Team mindestens auf jene 17 Punkte kommen, mit denen im Vorjahr der Startschuss zu einer Aufholjagd in der Rückrunde erfolgte.

Werder bezog damals ein Trainingslager in der Türkei und landete mit Rückrundenstart binnen neun Tagen drei Siege gegen Hertha, Hoffenheim und Leverkusen. Die einzige Parallele, die derzeit zu erspähen ist: Das Wintercamp im Belek an der türkischen Riviera ist bereits wieder gebucht.

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