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München - Sollte der FC Bayern keinen neuen Verteidiger holen, könnte Pep Guardiola vermehrt experimentieren. Denkbar ist sogar eine Variante mit nur zwei Abwehrspielern.

Philipp Lahm macht sich Sorgen. Der Kapitän des FC Bayern München würde sich nach der schweren Verletzung von Jerome Boateng jedenfalls nicht gegen Neuzugänge für die Abwehr sträuben.

Es sei zwar nicht seine "Baustelle", sich über einen möglichen Ersatz für Boateng Gedanken zu machen, sagte Lahm, aber: "Holger (Badstuber, Anm. d. Red.) war fast zwei Jahre raus, hat jetzt ein sehr gutes Spiel gemacht, aber man weiß nicht, ob er alle drei Tage auf dem Platz stehen kann. Javi (Martinez) hat auch eine Leidenszeit hinter sich, Medhi (Benatia) ist häufiger mal angeschlagen."

Befürchtet Lahm, in der Rückrunde sogar selbst im Abwehrzentrum ran zu müssen?

Lahm spielte auch schon als Innenverteidiger

Es wäre nicht einmal das erste Mal. Schon beim 3:0 gegen Leverkusen am 3. Spieltag lief Lahm 90 Minuten lang in einer Dreierkette als rechter Innenverteidiger auf. Links spielte Juan Bernat, in der Mitte: David Alaba. Es war wohl die erste Abwehrkette des FC Bayern, die ganz ohne gelernten Innenverteidiger (oder Manndecker oder Vorstopper, um Begriffe aus der Urzeit des Fußballs zu verwenden) auskam. Das Experiment funktionierte gut.

Sollte Bayern nicht doch noch nachlegen auf dem Transfermarkt, könnte Trainer Pep Guardiola in seiner letzten Rückrunde in München noch mehr experimentieren als sonst. Zumindest in der Bundesliga wohl auch recht gefahrlos.

"Natürlich ist der Ausfall von Boateng ein herber Verlust, aber der FC Bayern ist so stark aufgestellt, dass man diesen mit dem vorhandenen Personal kompensieren kann. Guardiola hat diverse Möglichkeiten", sagte SPORT1-Experte Stefan Schnoor in der Telekom Spieltaganalyse.

SPORT1 stellt ein paar Varianten vor, wie Bayern demnächst in der Abwehr besetzt sein könnte.

Die Nummer-sicher-Variante: Viererkette mit Martinez und Badstuber

Hier würde Javi Martinez einfach, wie schon in Hamburg, die Rolle Boatengs übernehmen. Holger Badstuber spielte beim HSV 90 Minuten sehr ordentlich als linker Innenverteidiger, scheint nach seinen elend langwierigen Verletzungen wieder auf dem Weg zu alter Stärke zu sein. Martinez spielte in der zweiten Hälfte der Hinrunde regelmäßig - und nicht wirklich schlecht. Medhi Benatia sollte zudem Anfang Februar wieder fit sein, stünde dann zumindest als Ersatz bereit.

Die Viererkette komplettieren dürften in der durchaus champions-league-kompatiblen Nummer-sicher-Variante die Außenverteidiger Philipp Lahm und David Alaba. "Ich halte diese Variante für die wahrscheinlichste - auch für die Spiele in der Champions League gegen Juventus", sagte SPORT1-Experte Olaf Thon in der Telekom Spieltaganalyse.

Allerdings: Viele Verteidiger dürften sich nicht mehr verletzen, um diese Variante spielen zu können.

Die klassische Dreierkette

Martinez, Badstuber und ein weiterer Verteidiger (Alaba oder Benatia, wenn wieder fit) würden die Dreierkette bilden, davor würden drei zentrale Mittelfeldspieler und zwei Flügelspieler absichern und für Druck nach vorne sorgen, um die zwei Stürmer Thomas Müller und Robert Lewandowski zu bedienen. In der Rückwärtsbewegung kann so situativ schnell eine Vierer- oder Fünferkette in der Abwehr aufgebaut werden. In diesem klassischen 3-5-2-System hat Bayern in dieser Saison immer wieder mal gespielt.

"Ich könnte mir vorstellen, dass Guardiola in der Bundesliga etwas mehr Risiko eingeht und auf eine Dreierkette setzen wird, weil die Gegner dort defensiver agieren als in der Champions League", meint Thon.

Nachteil: Vor allem die Flügelspieler müssen dabei extrem viel laufen und viel nach hinten arbeiten. Für Franck Ribery und Arjen Robben wäre das eher nichts. Etwas gewagter, aber den Flügelstürmern entgegenkommen, würde das 3-4-3, das Bayern am 1. Spieltag gegen den HSV praktizierte. Hier würden vier Angreifer vor zwei Dreierketten agieren, für die defensive Laufarbeit wären vor allem die drei zentralen Mittelfeldspieler zuständig. Damals gewann Bayern 5:0.

Die italienische Variante

In der Serie A wird schon seit ein paar Jahren wieder vermehrt mit Dreierketten experimentiert. Der AS Rom etwa läuft oft in einem 3-4-2-1 auf, das als defensivere Variante als das 3-4-3 der Bayern gegen Hamburg im Sommer durchgeht. In der Abwehr unterstützt dabei ein zentraler Mittelfeldspieler zwei Innenverteidiger. Davor sichern zwei Sechser und zwei weit vorgezogene Außenverteidiger ab.

Zwei offensive, recht zentral agierende Mittelfeldspieler bedienen zudem einen Stürmer. Der FC Bayern könnte dieses System problemlos spielen. Für die Flügelstürmer wäre aber dann kein Platz mehr in der Mannschaft, außer sie verrichten - siehe oben - vermehrt Defensivaufgaben.

Die tollkühne Variante: Das WW-System

Quasi der Gegenentwurf zur Nummer-sicher-Variante, bei dem nur noch zwei Verteidiger nötig wären. Ein defensiver Mittelfeldspieler würde vor zwei Innenverteidigern (gelernten oder zweckentfremdeten) quasi einen Offensiv-Libero geben, der sich situativ zurückfallen lassen würde. Neben diesem würden auf den Außen zudem im Idealfall Philipp Lahm (oder Rafinha) und David Alaba (oder Juan Bernat) nach vorne Druck machen und bei Bedarf den Verteidigern helfen. Sollte es auch an Außenverteidigern mangeln, könnten auch zentrale Mittelfeldspieler diese Aufgabe übernehmen.

Vor diesen fünf kombinierten Abwehr-/Mittelfeldspielern könnte Guardiola praktisch alle Offensivstars wirbeln lassen: Arjen Robben und Douglas Costa auf den Flügeln (oder Kingsley Coman und Franck Ribery), Thomas Müller und Mario Götze (oder Costa, Coman, Robben, Ribery) quasi als Halbstürmer und Robert Lewandowski im Sturmzentrum.

Aufgemalt und mit Linien verbunden würden die zehn Positionen zwei Ws ergeben, daher der Name. Die Variante ist eine moderne und superoffensive Abwandlung des klassischen WM-Systems, mit dem Deutschland 1954 Weltmeister wurde. Damals unterstützte ein Mittelläufer (später: Libero) zwei Abwehrspieler. Zusammen mit den zwei sogenannten Außenläufern im zentralen Mittelfeld bildeten sie das "M" in diesem System. Bei Bayern würde durch das Wegfallen eines zentralen Mittelfeldspielers im Vergleich zur klassischen Variante in der Verteidigung ebenfalls ein W werden.

In der Vorwärtsbewegung würde aus diesem nominellen 4-1-4-1 ein superoffensives 2-3-2-3 werden. Klingt verwegen? Mag sein, Guardiola hat es aber schon mal praktiziert: Beim 4:0 in der Champions League gegen Piräus.

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