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Pep Guardiola (r.) wird den FC Bayern im Sommer verlassen
Die Bayern und Trainer Pep Guardiola brauchen Erfolg. Jetzt mehr denn je. © Getty Images

München - Maulwurf-Affäre und Lame-Duck-Debatte: Der FC Bayern präsentiert sich vor den entscheidenden Wochen ziemlich nervös. SPORT1-Experte Thomas Strunz relativiert aber.

Zum richtigen Zeitpunkt von der richtigen Person vorgetragen, können Machtworte Ruhe in eine überhitzte Diskussion bringen. Und dann gibt es Machtworte, die der blanken Nervosität geschuldet sind.

"Pep Guardiola bekommt bis zu seinem letzten Arbeitstag die ganze Unterstützung von allen, die beim FC Bayern etwas zu sagen haben - das können sich alle hinter die Ohren schreiben, die eine Lame-Duck-Diskussion anzetteln möchten", hat Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, im Vorwort des Stadionheftes vor dem Spiel der Bayern gegen Hoffenheim am Sonntag (17 Uhr LIVETICKER und live in unseren Sportradio SPORT1.fm) geschrieben.

Beunruhigende Diskussionen

Was Rummenigge zu diesen Zeilen bewogen hat, kann jeder für sich selbst analysieren. Aber: Das Machtwort des Klubchefs fällt mitten in eine andere recht beunruhigende Diskussion rund um den Rekordmeister.

Die Fragestellungen dabei lauten: Wie schwer wiegt der Ausfall von Jerome Boateng für die anstehenden Aufgaben? Wie ist es um das Mannschaftsgefüge der Profis bestellt? Wie sehr brodelt es in der Mannschaft? Wer ist der Maulwurf, der jüngst im kicker von einer Explosionsgefahr gewarnt hat?

Wie genervt sind die Spieler wirklich von Übergewichts- und Ausgehdebatten, die Trainer Guardiola und Sportvorstand Matthias Sammer in Mannschaftssitzungen und per Mail angestoßen haben?

Und zuletzt: Droht gar die Rückkehr des FC Hollywood?

Maulwürfe kommen vor

"Dass es mal einen Maulwurf gibt, der Interna ausplaudert, ist zunächst einmal nicht sehr außergewöhnlich. Bei aller Liebe: Das passiert - und nicht nur beim FC Bayern", sagt Thomas Strunz, der von 1989 bis 1992 und 1995 bis 2001 selbst für die Münchner gespielt hat und heute als Spielerberater und Experte bei SPORT 1 tätig ist.

Strunz bewertet Guardiolas und Sammers Kampf gegen Disziplinlosigkeiten und unprofessionellem Verhalten als "Weckruf an alle, die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und dem Erfolg alles unterzuordnen".   

Sogar Pep Guardiola, der sich zu Beginn seiner Amtszeit verächtlich über Maulwürfe geäußert hatte, scheint sich damit arrangiert zu haben, dass Spieler hin und wieder Interna an die Öffentlichkeit tragen. "Ich merke, es ist unmöglich, dagegen anzukämpfen. Ich kann damit leben", sagte er am Freitag. Zuvor hatte er ironisch gefragt: "Wo spielt dieser Anonymus? Wo? Ist er Rechtsverteidiger oder Innenverteidiger? Oder nach vorne? Wo spielt er? Oder vielleicht ist er aus dem Staff? Ich kenne diesen anonymen Spieler nicht"

Spieler genervt

Überhaupt versuchte Guardiola am Freitag, die aufgekommenen Diskussionen im Keim zu ersticken. "Wo ist das Problem", fragte er mehrmals. Dass einige Spieler mit Übergewicht aus dem Urlaub gekommen seien, gab er zu. Das Problem sei aber mittlerweile behoben. Auch Sammers Anweisung, nach der die Profis sich ab sofort immer drei Tage vorher abmelden müssen, wenn sie an freien Tagen Kurztrips außerhalb Münchens vornehmen wollen, tat Guardiola als Selbstverständlichkeit ab - betonte aber auch: "Die Spieler brauchen den Druck. Ich muss mehr Druck machen. Das ist mein Job, wir wollen gewinnen."

Die Spieler aber sollen genervt sein. Strunz glaubt nicht, dass die Profis zu bequem geworden seien. "Ich schätze den Charakter aller entscheidenden Spieler so ein, dass sie den Erfolg genauso wollen wie der Trainer und der Vorstand", sagt er.

Aber klar ist auch: Mannschaften sind unglaublich sensible Gebilde, oft reichen Kleinigkeiten, um funktionierende Gefüge komplett zu sprengen. Verletzte Spieler sind frustriert, die Gesunden machen sich Gedanken, die Bosse wirken nervös – und dann fehlen auch noch die Schafkopfpartner.

Lerby schickte einst Detektive

Sollte dann noch der Erfolg ausbleiben – Gute Nacht! Beziehungsweise: Hallo, FC Hollywood! 

Das ist keine Gesetzmäßigkeit. Es muss nicht so kommen. Zumal die Münchner in der Bundesliga eine der erfolgreichsten Spielzeiten der Geschichte anstreben, im Pokal mit Bochum bald einen mehr als nur lösbaren Gegner haben und Juventus erst einmal beweisen muss, in der Champions League ein Stolperstein sein zu können. "Die Stimmung ist gut, richtig, richtig, richtig gut", sagte Guardiola.

Dennoch jetzt diese Debatte, die sicher keine Phantomdiskussion ist. Würde sich sonst Rummenigge so zu Wort melden? Würden Sammer und Guardiola sonst jetzt so einen Druck aufbauen auf die Spieler?

"Momentan sehe ich keine Anzeichen dafür, dass es eine Rückkehr des FC Hollywood geben könnte", sagt Strunz. Er war damals in den Neunzigern hautnah dabei, als sich Mario Basler öffentlich mit Uli Hoeneß kabbelte, Stefan Effenberg selten ein Fettnäpfchen ausließ und selbst Oliver Kahn seinen Ferrari am liebsten vor der Nobeldisco  P1 parkte. "Wir wurden unter Sören Lerby sogar von Detektiven beschattet", erinnert sich Strunz.

Detektive gibt es für die Klasse von 2016 nicht. Noch nicht? Guardiola hat auch schon mal Detektive auf seine Spieler gehetzt, zu seinen Anfangszeiten in Barcelona.

Guardiola ist nicht Heynckes

Doch unabhängig davon: "Die Spieler machen sich natürlich Gedanken, ob sie die verletzten Spieler kompensieren können und ob die Qualität im Kader reicht. Natürlich schauen sie hin, wie und ob sich Neuzugänge integrieren und wie die Trainer das Ganze moderieren", sagt Strunz.

Dazu kommt: "Guardiola ist sicherlich keine Lame Duck. Aber sein Verhältnis zur Mannschaft ist ein anderes, als es Jupp Heynckes hatte", sagt Strunz. "Guardiola ist distanzierter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Spieler Guardiola nicht ernst nehmen, aber vielleicht hört der ein- oder andere ein paar Minuten nicht mehr mit voller Konzentration hin, wenn mal wieder eine zweistündige Videoanalyse ansteht", so Strunz.

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