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Thomas Schaaf von Hannover 96
Hannover 96 holte unter Thomas Schaaf bisher nur drei Punkte aus zehn Spielen © Getty Images

Hannover und München - Die Mission ist krachend gescheitert: Thomas Schaaf wird Hannover 96 nicht retten können. Und deshalb ist er auch nicht der richtige Mann für den Neuanfang.

Wer sagt denn, dass es bei Hannover 96 keine frohe Kunde mehr gibt? Zumindest am Sonntag sendete der krisengeplagte Klub ein Lebenszeichen, denn die eigenen U19-Junioren erreichten durch ein beachtliches 2:0 gegen Borussia Dortmund das Finale um den DFB-Junioren-Pokal. Gespielt wird im Vorlauf des DFB-Pokalendspiels am 21. Mai, auf großer Bühne in Berlin.

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Viel nützen wird es dem abstiegsbedrohten Bundesligisten allerdings vorerst nicht, denn eine Woche zuvor dürften die Profis beim FC Bayern wohl ihr vorerst letztes Bundesligaspiel bestreiten. (Spielplan der Bundesliga)

Bei der möglichen Meisterfeier der Münchner als Absteiger am 14. Mai Spalier zu stehen – dieses von vielen Skeptikern entworfene Horrorszenario nimmt für die 96-Anhängerschaft konkret Gestalt an.

Bader plant bereits für die 2. Liga

Sportvorstand Martin Bader sieht "der Realität" ins Auge, wie er sagt. "Wir sind der zweiten Liga deutlich näher als der ersten." Also laufen alle Planungen auf die Zweitklassigkeit hinaus.

Bei der Abgabe der Lizenzierungsunterlagen in der vergangenen Wochen "haben wir darauf den einen oder anderen Gedanken mehr verschwendet."

Denn selbst ein Heimsieg gegen den "großen HSV" nach der Länderspielpause (2. April) würde nicht wirklich helfen; zu groß ist die Hypothek des Zehn-Punkte-Rückstands zum rettenden Ufer.

Zu schwach auch die Auftritte in diesem Jahr, in dem Thomas Schaaf sage und schreibe neun Niederlagen (bei nur einem Sieg) angehäuft hat. Seine Mission am Maschsee ist im Grunde schon gescheitert, weil alle seine personellen und taktischen Experimente in die Sackgasse führten.

Kein System hinter Schaafs Entscheidungen

Die Ausbootung von Stammkräften wie Salif Sané, Andre Hoffmann oder Manuel Schmiedebach am vergangenen Freitag vor dem Kellerduell bei Eintracht Frankfurt (0:1) stieß dem Vernehmen nach nun auch bei einigen Mitspielern auf Unverständnis. Zu viele seiner Rochaden wirken kaum mehr nachvollziehbar und tragen nicht zur Stabilität bei.

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Mal traten die Niedersachsen ganz ohne echten Stürmer an, mal mit der Doppelspitze Hugo Almeida und Adam Szalai; in der Vorbereitung probte Schaaf noch im alten 4-2-3-1-System, um dann zum Rückrundenauftakt im 4-4-2 mit der Raute zu starten.

Die Liste der Beliebigkeiten ist in Hannover zu lang, als dass eine klare Handschrift erkennbar wäre wie einst in erfolgreichen Bremer Zeiten.

Auffällig zudem, dass sich der 54-Jährige wieder mit den Weggefährten vom SV Werder umgeben hat. Genau wie in Frankfurt arbeiten ihm seine ewigen Assistenten Wolfgang Rolff und Matthias Hönerbach zu, dazu den ehemalige Werder-Athletiktrainer Reinhard Schnittker.

Und auch sein engster Freund, der einstige Werder-Scout Bernd Pfeifer, dient ihm in nicht näher definierter Funktion. Ein Konstrukt, das zwar nach innen Rückhalt verschafft, aber nach außen eher Abschottung vermittelt.

Erreicht Schaaf seine Spieler noch?

Schaaf ist fleißig, akribisch, versessen und verlässlich, das hat auch bei Eintracht Frankfurt niemand bestritten, aber besitzt er auch die kommunikative Fähigkeiten und die nötige Überzeugungskraft, um eine anspruchsvoller gewordene Spieler-Generation mitzunehmen?

Bader pries Schaaf im Trainingslager in Belek "als Teamplayer, der in kürzester Zeit in diesem Verein angekommen ist."

Wenn allerdings die Mannschaft auf dem Platz keinen Zusammenhalt ausstrahlt und oft sogar Gegenwehr vermissen lässt, dann fallen solche eklatanten Defizite auch dem Cheftrainer irgendwann auf die Füße.

Unter diesen Umständen ist Schaaf ("Prinzipiell kann ich mir die zweite Liga vorstellen") im Abstiegsfall kaum der richtige Motivator für den Neuaufbau.

Führungsetage auf Schlingerkurs

Hannover spielt in dieser wichtigen Frage noch auf Zeit. Klubchef Martin Kind ist medial kaum mehr präsent, will nichts ins Tagesgeschäft eingreifen. Und Bader hat zumindest öffentlich noch nichts entschieden.

Dass einerseits Kind laut über einen Sportdirektor nachdachte, andererseits am Sonntagabend 96-Legende Hans Siemensmeyer im NDR einen Anruf beim einst drei Jahre für Hannover spielenden Jupp Heynckes empfahl, um ihn als Kinds Berater ins Boot zu holen, verdeutlicht den Schlingerkurs auf Führungsebene.

So verspielt der Tabellenletzte wichtige Zeit für die Zweitliga-Planung. Schon vergangenen Sommer wurde der Kader viel zu spät zusammengestellt.

Sollte sich der Fehler wiederholen, müssten unweigerlich wohl einige aus der U19 viel früher als gedacht in die Verantwortung rücken. Eine Empfehlung haben sie ja immerhin seit Sonntag schon vorzuweisen.

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