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Freiburgs Christian Streich und Leverkusens Roger Schmidt: Zwei emotionale Trainer mit Vorbildfunktion für die Jugend © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Getty Images

München - Nach seinem Ausraster erfährt Roger Schmidt Unterstützung von Christian Streich. Beide haben eine gemeinsame Schwäche. Der Boss der Fußball-Lehrer übt Kritik.

Seit Montag hat Roger Schmidt so etwas wie einen neuen besten Freund. In der Lage, in der sich Bayer Leverkusens Trainer derzeit befindet, muss es sich wahrlich gut anfühlen, einen wortgewaltigen Verbündeten wie Christian Streich hinter sich zu wissen.

Nachdem das DFB-Sportgericht Schmidt für seine verbale Attacke gegen Hoffenheims Julian Nagelsmann für zwei Spiele gesperrt hatte und er somit auch bei Leverkusens Auswärtsspiel in Wolfsburg fehlt (Sa., ab 15 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER), sprang der Coach des SC Freiburg seinem Kollegen mit einer emotionalen Ansprache zur Seite. 

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Streich fühlt sich überwacht

Streichs Verteidigungsrede enthielt alle möglichen Punkte, die man eben so anbringt, um Verfehlungen an der Seitenlinie zu entschuldigen. Den psychischen Dauerdruck im Trainer-Job. Den gemeinhin flapsigen Umgangston in der Bundesliga. Und natürlich die Medien, die Trainer mit ihren Kameras und Mikrofonen durchs ganze Stadion verfolgten.

"Man fühlt sich überwacht. Die Trainer werden vorgeführt, in einer Situation, in der wir unter totaler Anspannung sind", schimpfte Streich.

In einem unbedachten Moment seines Plädoyers nahm Fürsprecher Streich jedoch eine bedenkliche Sichtweise ein. "Kommt mir jetzt nicht mit Pädagogik und den Kindern", raunzte er den Journalisten zu. Mit einem verächtlichen "Hahahaha" wischte er die Frage nach der Vorbildfunktion von Bundesliga-Trainern beiseite, ehe sie richtig ausdiskutiert war.

Dabei ist genau dieser Punkt ein elementarer Bestandteil der Causa Schmidt: Trainer und die fehlende Sensibilität für ihre Außenwirkung. 

"Ein Trainer, der ausflippt, ist kein gutes Vorbild"

Lutz Hangartner, Präsident des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL), sagt bei SPORT1: "Es führt kein Weg daran vorbei, dass Trainer Vorbilder sind. Jugendliche blicken zu ihnen auf, Amateure schauen sich etwas ab."

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Laut einer Studie der Universität Wiesbaden von 2011 sehen Kinder und Jugendliche in Profifußballern größere Vorbilder als in den eigenen Eltern. Es liegt also auf der Hand, dass auch Trainer den Nachwuchs in hohem Maße beeinflussen.

Doch scheinbar nicht jeder Bundesliga-Coach ist sich dessen bewusst. "Wer sich am Spielfeldrand gebärdet, wirft kein gutes Licht auf die Trainergemeinschaft. Ein Trainer, der ausflippt, ist kein gutes Vorbild", kritisiert Hangartner - auch mit Blick auf Schmidts Entgleisung am Wochenende.

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Deutschlands oberster Fußball-Lehrer beobachtet mit Sorge, dass sich Trainer inzwischen gegenseitig attackieren. "Wir waren ein Stück weit stolz, dass in den vergangenen Jahren in dieser Hinsicht so gut wie nichts passiert ist", sagt Hangartner, "das hat in letzter Zeit leider nachgelassen. Wir müssen aufpassen, dass das nicht zur Regel wird."

Appell zur Mäßigung

Beim DFB hat man eine etwas andere Sicht auf die Dinge. Chefausbilder Frank Wormuth findet es legitim, wenn Trainer dann und wann verbal aneinander geraten, solange die Artikulation stimmt.

"Roger Schmidt ist nicht verantwortlich für den Ruf einer ganzen Trainergilde", sagt er bei SPORT1: "Schauen Sie in den Amateursport: Was dort auf dem Platz geredet wird, ist oft viel härter. Dagegen sind Bundesliga-Trainer wahre Waisenknaben."

Damit im Fußball-Oberhaus nicht eine ähnliche Kultur Einzug hält, will BDFL-Präsident Hangartner Deutschlands Elitetrainer in einem Rundschreiben "zur Mäßigung ermahnen". Besonders Schmidt wird sich wohl auf ein paar Takte gefasst machen müssen.

Schmidts Verhalten "können wir nicht gut heißen"

"Er ist offenbar sehr emotional. Wenn er dann die sportlichen Ansprüche, die an ihn und Bayer Leverkusen gestellt werden, womöglich nicht erfüllen kann, passieren manchmal Dinge, die wir nicht gut heißen können", mahnt Hangarnter. 

Der BDFL-Präsident spielt auf Eskalationen wie am vergangenen Samstag gegen Hoffenheim an. Schmidt habe "innerlich womöglich nicht verstehen" wollen, "dass ein Trainer-Jungspund seine Mannschaft vorführt".

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Hangartner wäre es ohnehin lieber gewesen, Schmidt und Nagelsmann wären bei einer der zwei Trainer-Tagungen im Jahr schon mal "auf ein Bier zusammen gesessen. Dann wäre das sicher nicht so eskaliert."

Der letzte Workshop fand erst Anfang Oktober statt. Nach Nagelsmann sagte auch Schmidt kurzfristig ab. Vielleicht sollte er sich zumindest in dieser Hinsicht ein Beispiel an seinem neuen Freund nehmen. 

Christian Streich ist Stammgast bei solchen Tagungen.

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