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Carlo Ancelotti hat in seiner Karriere drei Mal die Champions League gewonnen © Imago

München - Unter Carlo Ancelotti spielt der FC Bayern nicht den berauschenden Fußball der Guardiola-Ära. SPORT1 nennt Fakten und Gründe.

Als sich die dreijährige Amtszeit von Pep Guardiola ihrem Ende zuneigte, fiel es den meisten Bayern-Fans nicht schwer, sich vom katalanischen Erfolgstrainer zu verabschieden. 

Guardiola hatte die Mannschaft zwar in allen drei Jahren souverän zur deutschen Meisterschaft und zwei Mal zum Pokalsieg geführt - doch der Makel des verpassten Champions-League-Gewinns blieb an ihm haften.

Die Münchner Fans sehnten sich aber nicht nur nach Erfolgen in Europa, sondern auch nach einem Gegenpart zum erfolgsbesessenen Spanier. Einer wie Jupp Heynckes, der mit ruhiger Hand die Mannschaft auch in der Champions League ins Finale führt.

Ancelotti der Richtige?

Mit Carlo Ancelotti, so hatte man den Eindruck, bekamen sie genau den richtigen Trainer zur richtigen Zeit. 

Nach zehn Bundesligaspieltagen und vier Partien in der Champions League hat sich allerdings eine gewisse Unsicherheit eingenistet, ob der Italiener die Mannschaft auf Europas Thron (zurück)führen kann.

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Zwar steht der FC Bayern - zumindest bislang - auch unter Ancelotti in der Bundesliga an der Tabellenspitze. Gemessen an den Vorgaben von Pep Guardiola, der die Münchner gerade im Herbst zu Höchstleistungen trieb, agieren die Bayern aber alles andere als überzeugend.

Starres System, wenig Varianz

Guardiola, das sahen sogar seine schärfsten Kritiker so, hatte die Mannschaft taktisch auf eine völlig neue Stufe gestellt. Scheinbar wild wechselte er Spieler, Positionen und taktische Konzepte - und das manchmal mehrmals in einem Spiel. Einen Philipp Lahm etwa ließ Guardiola nicht die Außenlinie rauf und runter marschieren, sondern machte ihn binnen kurzer Zeit zum Mittelfeldstrategen.

Dagegen ist Ancelottis Handschrift weit undeutlicher lesbar. Vorgegeben ist sein taktisches 4-3-3-System, darin bewegen sich die Spieler häufig scheinbar ohne ausgefeilte Vorgaben des Trainers.

Mit dieser, im Guardiola-Vergleich, konservativen Ausrichtung erinnert Ancelotti streckenweise an die Zeit unter Ottmar Hitzfeld. Die Dominanz ist nach wie vor da, doch die Varianz ist dahin.

Wenig Pressing, weite Wege

Hitzfeld rückte von seinem 4-4-2 ebenfalls kaum ab und ließ, wenn sonst nichts ging, Flanken aus dem Halbfeld schlagen. Dies genügte zur damaligen Zeit in der Bundesliga - doch die Zeiten haben sich geändert.

Gerade gegen aggressive Mannschaften schlägt die Überlegenheit des Bayern-Kaders nicht mehr automatisch den Gegner.

Wie zuletzt beim 1:1 gegen Hoffenheim. Thomas Müller machte danach aus seiner "schlechten Laune" keinen Hehl, Mats Hummels sprach von einem "pomadigen Auftritt".

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Das Superpressing, das die Münchner unter Guardiola praktizierten, findet kaum noch statt.

Die Außenverteidiger müssen häufig weite Wege gehen, was das Team bei einigen Gegentreffern schon teuer bezahlte.

In der Offensive ist kein klarer Plan erkennbar.

"Wir haben einen anderen Trainer und ein anderes Spiel. Die Spielphilosophie hat sich etwas geändert. Das dauert ein bisschen, bis man das verinnerlicht", sagte Jerome Boateng zuletzt.

Experte für Alles-oder-Nichts-Spiele

Blickt man auf die Saison-Statistiken, erkennt man Besorgnis erregende Zahlen: Unter Ancelotti (110,5 km) läuft der FC Bayern im Schnitt über drei Kilometer weniger als unter Guardiola (113,7 km).

Auch Sprints ziehen Thomas Müller und Co. (194) nicht mehr so oft an wie in der Vorsaison (205).

Kurioserweise agiert der neue Bayern-Trainer in einem anderen Bereich doch noch aktionistischer als sein Vorgänger: Die Rotation, die Guardiola eher sparsam vornahm, kommt beim Italiener geballt zum Einsatz. Nicht selten wechselt Ancelotti die halbe Mannschaft aus. 

Klar ist: Richtig ernst wird es ab dem Frühjahr - und das ist auch die größte Hoffnung der Bayern. Ancelotti gilt als Experte für Alles-oder-Nichts-Spiele. Sollte der Rekordmeister dann einen Gang hochschalten, wäre alles andere Makulatur.

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