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Emil Forsberg (l.) scheint mit RB Leipzig auf den Spuren von Jamie Vardys Leicester City zu wandeln © SPORT1-Montage: Paul Hänel / Getty Images / Imago

München - RB Leipzig hat den FC Bayern von Platz eins verdrängt. Die Konkurrenz sieht in RB einen Titel-Aspiranten. Wird Leipzig das neue Leicester? SPORT1 macht den Vergleich.

Erinnern Sie sich noch an den 6. September 1991? An jenem Tag stand zum bislang letzten Mal ein Ostverein auf Platz eins der Bundesliga.

Neuling Hansa Rostock hatte sich nach furiosem Saisonstart am 7. Spieltag zumindest für eine Woche an die Spitze katapultiert.

Dieses epochale Vermächtnis des deutschen Fußballs ist endgültig Geschichte. Mit RB Leipzig kommt ein neuer Tabellenführer aus dem Osten der Republik. 

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Der Rekord-Aufsteiger wird inzwischen sogar zur Riege der Titelanwärter gezählt. Von Bayerns Mats Hummels genauso wie von Dortmunds Trainer Thomas Tuchel. Der BVB-Coach traut Leipzig einen ähnlichen Coup zu wie Englands Sensationsmeister Leicester City im vergangenen Jahr.

RB-Sportdirektor Ralf Rangnick findet das zwar "höchst unwahrscheinlich", gab bei seinem Auftritt im ZDF-Sportstudio aber auch zu bedenken: "Man hat letztes Jahr in England gesehen, bei Leicester, da war es wirklich auch undenkbar - und es ist trotzdem passiert." 

Hat Leipzig tatsächlich das Zeug zum Meister? SPORT1 macht den großen Leicester-Vergleich.

1. Die Spielweise

Selbst auf der Insel hat Leicester den Ruf des Mauer-Meisters weg. Dabei war die Defensive gar nicht mal das größte Prunkstück auf dem Weg zum Titel-Triumph. 

Der Underdog erzielte in der Vorsaison 68 Tore - die drittmeisten der Premier League. Das Gros der Treffer fiel aus Kontern. Und genau hier kommt RB Leipzig ins Spiel. 

Auch der Bundesliga-Aufsteiger setzt auf blitzschnelles Umschaltspiel. Mit Erfolg. Nach Dortmund und Bayern stellt der Neuling die drittbeste Offensive der Liga. 

Ergebnis: auffallende Ähnlichkeiten.

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2. Die Philosophie

Den Titel-Coup hat Leicester auch deshalb niemand zugetraut, weil City größtenteils auf Spieler setzte, die sich bei anderen Vereinen nicht durchsetzen konnten.

Der Klub der Aussortierten lief im zweiten Anlauf dann plötzlich zur großen Form auf. Wer eine Mitgliedskarte hatte, verpflichtete sich zur Drecksarbeit. Die Lorbeeren ernteten andere: vor allem Goalgetter Jamie Vardy oder Dauerbrenner Riyad Mahrez.

Das Konzept ging seinerzeit voll auf. In Leipzig handhabt man das dennoch von Grund auf anders. 

RB setzt bewusst auf junge, erfolgshungrige Spieler, die die Bereitschaft mitbringen, sich in ein Kollektiv einzubringen. Beim Aufsteiger gewinnen nicht Individualisten, sondern die ganze Mannschaft Spiele. 

Kapitän Dominik Kaiser verriet im Volkswagen Doppelpass: "Wir haben einen richtig guten Spirit. Wir sind eine Gruppe, die gut funktioniert."

In der Theorie mag das Gold wert sein. Die Frage ist, ob ein Team ohne Individualisten Titel gewinnen kann. Mit Blick auf den frühen Zeitpunkt der Saison mahnt SPORT1-Experte Armin Veh: "Die Gefahr ist, dass die anderen Mannschaften nun Mittel entwickeln, um sie zu besiegen."

Ergebnis: deutliche Unterschiede.

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3. Die Trainer

Claudio Ranieri und Ralph Hasenhüttl könnten verschiedener nicht sein. 

Der eine, Ranieri, galt bereits als gescheitert. In seiner Heimat Italien verschmäht - sowohl bei Juventus Turin, als auch beim AS Rom und Inter Mailand. Aus Monaco vertrieben. Als griechischer Nationaltrainer von Anbeginn auf verlorenem Posten. Nach Jahren des Misserfolgs kam der 65-Jährige mit Leicester wie Phoenix aus der Asche.

Ein Glücksgriff, den die City-Bosse wahrscheinlich selbst nicht für möglich gehalten hatten. 

Ralph Hasenhüttl hat einen völlig anderen Werdegang als Trainer hinter sich. Unterhaching, Aalen, Ingolstadt, Leipzig - die etwas anderen Stationen des Weltfußballs. 

Doch Hasenhüttl hat bewiesen, dass ein klangvoller Name nicht alles ist im Profigeschäft. Mit Bundesliga-Neuling FC Ingolstadt spielte er eine furiose erste Saison. Als der Österreicher weg war, ging es bergab mit dem FCI. Kein Wunder, dass viele im Klub Hasenhüttl bis heute nachtrauern. 

Mit seinen Vorstellungen vom Fussball passt der 49-Jährige perfekt zur Ausrichtung von RB. Hier verschmelzen die taktischen Gedanken des Trainers mit den Fähigkeiten der Mannschaft. Bei Leicester dagegen richtete Ranieri seine Spielidee voll und ganz nach dem Team aus.

Ergebnis: ein Unterschied wie Tag und Nacht - aber Erfolg hat ja viele Seiten.

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4. Der Wettbewerbsvorteil

Ein Punkt, über den in Bezug auf RB Leipzig noch kaum jemand spricht, aber der schon bald das große Thema sein könnte: die fehlende Doppelbelastung durch internationale Spiele

Während Konkurrenten wie der FC Bayern und Borussia Dortmund in der Champions League nach Möglichkeit solange im Wettbewerb verbleiben wollen, bis im kommenden Jahr der Titel vergeben wird, kann sich der Aufsteiger voll und ganz auf die Bundesliga konzentrieren. Im DFB-Pokal schied Leipzig in der ersten Runde in Dresden aus.

"Sie haben keine Doppel- oder Dreifachbelastung, dazu haben sie weniger Nationalspieler. Das könnte ein großer Vorteil sein", meinte Ex-Bayern-Star Lothar Matthäus bei Sky.

Leicester nutzte diesen Vorteil. Viel zu lange hatten die englischen Topteams verharmlost, dass der Meisterschaftsrivale nicht im Drei-Tage-Rhythmus ran musste. Auch deshalb konnte Leicester im Saisonendspurt noch mal zusätzliche Kräfte mobilisieren.

Ergebnis: hohes Potenzial für Ähnlichkeiten.

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5. Die Bosse

In Deutschland muss Leipzig beinahe jede Woche Verschmähungen ertragen ob des Unternehmens, das den Klub sponsert. Die Erfolgsgeschichte von Aufsteiger RB ist eben auch die Geschichte von Red Bull und seinem Patriarchen Dietrich Mateschitz. 

Man mag es kaum glauben, aber auch hinter dem kleinen, beschaulichen Leicester steht ein erfolgreicher Geschäftsmann. 

Der thailändische Besitzer Vichai Srivaddhanaprabha, seit 2010 in Amt und Würden, trug früher den Nachnamen Raksriaksorn - bis ihm der thailändische König im Februar 2013 den Ehrennamen Srivaddhanaprabha zuteilwerden ließ.

Leicesters Titelgewinn trägt somit auch ein adliges Antlitz. 

Ergebnis: auffallende Ähnlichkeit, wobei Leipzig an diesem winzigen Detail noch arbeiten muss.

Fazit: Es gibt zwar einige Unterschiede zu Leicester, aber auch deutliche Parallelen. Leipzig hat das Potenzial, um den Titel zu spielen. Und in einigen Punkten sogar bessere Voraussetzungen als Englands Überraschungsmeister.

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