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Thomas Tuchel und Pierre-Emerick Aubameyang © SPORT1-Grafik / Paul Haenel

Dortmund - Thomas Tuchel wandelt mit dem Ruf nach Disziplin und Konsequenz auf einem schmalen Grat. Borussia Dortmunds Coach bleibt seinen Prinzipien dabei aber treu.

Hätte Thomas Tuchel seinen Top-Torjäger auch aussortiert, wenn es gegen Real Madrid gegangen wäre? Die wahrscheinliche Antwort lautet: ja.

"Manche Dinge müssen einfach losgelöst vom Zeitpunkt betrachtet werden. Entweder es gibt eine Konsequenz, oder es gibt keine. Dann kannst du unterm Strich keine Rücksicht darauf nehmen", hatte Borussia Dortmunds Trainer nach dem 1:0-Sieg gegen Sporting Lissabon gesagt.

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Tuchel schert sich nicht um Zeitpunkte, große Namen, Verdienste oder Traditionen. Wie radikal der Fußballlehrer handelt, mussten Neven Subotic und Nuri Sahin bereits erleben.

Auch Kevin Großkreutz hatte trotz seines Renommees bei einem Kern der Fans keine Zukunft in seiner Heimstadt.

Letzte Saison grandios gescheitert

Während der gemeine BVB-Fan auf der Tribüne noch nörgelnd von seinen eigenen Amateurerfahrungen erzählt – "Bei uns haben immer die besten Elf gespielt" – dreht Tuchel die Rotationsmaschine schon weiter.

Nicht wenige meinen, er erhebt das zum Selbstzweck und überdreht sie. So wie vorige Saison im Rückspiel auf Schalke, als er mit einer B-Elf nur ein 2:2 erreichte. Tuchel hatte seine Besten für das Europa-League-Rückspiel in Liverpool schonen wollen – und war letztlich grandios gescheitert.

Das Halbfinale war ebenso futsch wie die Restchance des Bayern-Jägers Nummer eins, noch nach der Meisterschale zu greifen.

Zwang zu handeln

Tuchel ist ein Zocker. Er spielt mit dem Feuer – und verbrennt sich zuweilen dabei. Doch der 43-Jährige handelt stets konsequent.

"Wenn konsequent, dann konsequent konsequent. Sonst macht es keinen Sinn", hatte er auch die Disziplinarmaßnahme gegen Aubameyang begründet. Bei der Suspendierung pokerte er hoch – und gewann.

"Das ist kein Warnschuss und keine Maßnahme, von der wir uns 'was erhoffen, sondern eine Maßnahme die intern getroffen wurde und nötig war aus unserer Sicht", ließ Tuchel wissen. "Wir mussten so handeln."

Gegen Kodex verstoßen

Bescheidenheit, Demut, Respekt – diese Tugenden hatte Tuchel in Dortmund vom ersten Tag an gepredigt. Und als Prinzipien für die Mannschaft erkoren.

Gegen diesen Kodex hat Aubameyang mit seinem unerlaubten Kurztrip nach Mailand vor einem wichtigen Spiel verstoßen. Deswegen ist er im Team kein Geächteter, das hat das Training am Donnerstag gezeigt, in dem der 27-Jährige mit seinen Mitspielern gewohnt munter scherzte.

Doch Tuchels Konsequenz bedeutet auch ein gefährliches Machtspiel. Denn Aubameyang liebäugelt trotz Vertrages bis 2020 gerne mit anderen Vereinen.

Allerdings ist der Gabuner trotz seines extravaganten Äußeren ein harter Arbeiter, der sich normalerweise auch an die Regeln hält.

Deshalb dürfte das Verhältnis Aubameyang-Tuchel durch diesen Schritt keinen Schaden nehmen. Gleiches gilt für die Mannschaft, in der das Binnenklima ebenfalls nicht gelitten hat.

Taktiktüftler und Disziplinfanatiker

"Intern bedeutet intern" – diesen Satz von Tuchel hatten auch die Spieler verinnerlicht und eine Mauer des Schweigens aufgebaut, was die Gründe im Fall Aubameyang anging.

Der ehrgeizige Tuchel ist nicht nur ein Taktiktüftler, sondern auch ein Disziplinfanatiker. So geradeheraus der BVB-Coach manchmal ist, so verbohrt scheint er in manchen Dingen zu sein – siehe die jüngste Foul-Diskussion.

Doch um Beliebtheitswerte hat sich Tuchel noch nie geschert. Die Art und Weise der öffentlichen Zurschaustellung ohne eine klare Nennung von Gründen, wie es wohl ein Trainer alter Schule getan hätte, bleibt bemerkenswert.

Hätte man bei Aubameyang einfach eine Muskelverhärtung vorgetäuscht, wäre das ganze Theater nicht über Tuchel und sein Team hereingebrochen. Der BVB wäre nicht der erste Klub gewesen, der eine Undiszipliniertheit auf diesem Weg überspielt hätte – oder es zumindest versucht.

Aber Tuchel ist zu intelligent, um sich mit einer platten Ausrede abzufinden – und liebt das Spiel mit dem Feuer viel zu sehr.

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