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Mönchengladbach - Dieter Hecking tritt selbstbewusst bei der Borussia an, obwohl bereits Fans an ihm zweifeln. Der 52-Jährige muss zu einer Mischung aus Feuerwehrmann und Visionär werden.

Dieter Hecking machte eine Ausnahme. Dem Anlass entsprechend.

Denn dass der neue Trainer von Borussia Mönchengladbach Anzug und Hemd trägt, kommt eher selten vor. Der 52-Jährige zieht Jeans und Turnschuhe oder den Trainingsanzug normalerweise dem feinen Zwirn vor.

Hecking zieht es nicht in den Mittelpunkt, er ist kein Lautsprecher, sein Ruf in der Branche ist ihm wichtiger als die öffentliche Anerkennung, das Blitzlichtgewitter. Dafür ist er kernig, oft auch stur, authentisch, ein Westfale eben.

Geradlinig und geradeaus

An seinem ersten offiziellen Arbeitstag in Gladbach stand er aber automatisch im Fokus, und dass er klare Vorstellungen hat, nicht umsonst als geradlinig und geradeaus gilt, verdeutlichte er sehr schnell.

Mit unüberhörbarem Selbstbewusstsein stellte er klar, dass das Gladbacher Anforderungsprofil genau auf ihn passe, er eine Mischung aus Feuerwehrmann, Entwickler und Visionär bieten könne.

"Ja, ich kann Erfolg. Und ja, ich war in der Situation, Klubs aus den unteren Gefilden wieder nach oben zu führen. Und ja, ich kann mit jungen Spielern", sagte Hecking - und klang dabei ein bisschen wie der scheidende US-Präsident Barack Obama, der mit seinem "Yes, we can!" einst die Massen begeisterte.

Hecking muss sich jedoch erst einmal gegen seine Kritiker wehren. Einige Fans behaupten, dass jemand, der bei einem Werksklub gearbeitet habe, nicht nach Gladbach passe. Da half Hecking auch seine Vergangenheit bei der Borussia nicht, die mit sechs Spielen in den 80er-Jahren auch eher bescheiden daherkommt.

Auf seinen bisherigen Stationen hat er einige von ihm in Gladbach geforderte Attribute aber bereits unter Beweis gestellt. In Lübeck gelang ihm der Aufstieg in die Zweite Liga, in Aachen der Sprung in die Bundesliga, in Hannover und in Nürnberg zeigte er, dass er auch Abstiegskampf kann.

Größte Erfolge in Wolfsburg

2015 wurde er mit dem VfL Wolfsburg Pokalsieger, schaffte als Vizemeister den Sprung in die Champions League, holte den Supercup und wurde schließlich Trainer des Jahres.

Allerdings auch mit einer Star-Truppe, die für viel VW-Geld eingekauft wurde, wobei er dort auch Youngster wie Maximilian Arnold oder Robin Knoche formte wie zuvor in Nürnberg auch Ilkay Gündogan oder Daniel Didavi.

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In Gladbach findet Hecking eine junge, verunsicherte Mannschaft vor, die noch ihre Struktur sucht. Dazu weniger mit Stars, dafür mit zahlreichen Talenten gespickt ist, die geführt werden wollen und müssen. In einem Verein, der eben nicht für Hau-Ruck-Aktionen auf dem Transfermarkt bekannt ist, sondern neue Spieler mit Weitsicht verpflichtet.

Stabilität in die Truppe zu bekommen, das Selbstvertrauen wiederfinden, ist die oberste Maxime. Dafür hat Hecking bis zum Rückrundenstart in Darmstadt rund zweieinhalb Wochen Zeit.

Systemfrage noch offen

Von Hecking erhofft sich die Borussia zunächst den dringend benötigten Impuls, eine neue Ansprache, einen neuen Führungsstil, eine Aufbruchstimmung, neue Ideen. Daneben allerdings auch ein zukunftsfähiges Konzept inklusive Weiterentwicklung des Kaders passend zur Philosophie des Klubs. Dinge, die Hecking bietet, teilweise aber auch noch nachweisen muss.

Relativ sicher dürfte es sein, dass er auf eine Viererkette setzen wird, er bevorzugte bislang ein 4-2-3-1-System mit klassischem Mittelstürmer, den Gladbach mit Ausnahme von Josip Drmic aber eigentlich nicht hat. Hecking will das System sowieso gemeinsam mit der Mannschaft erarbeiten, herausfinden, wo der Wohlfühlfaktor am größten ist.

Qualität auf den Platz bringen

"Ich muss aber erst mal mit den Spielern sprechen, um das Bild rund zu machen", sagte Hecking, der auch immer wieder auf die vorhandene Qualität hinwies. "Die gilt es, auf den Platz zu bringen. Ich will jetzt nicht nur eine grätschende Mannschaft. Aber wir müssen schon unsere Zweikämpfe gewinnen."

Zum Einstand bekommt Hecking auch eine Verstärkung für die Defensive, den Franzosen Timothee Kolodziejczak vom FC Sevilla, der im Idealfall am Freitag mit ins Trainingslager reist.

Vorher absolviert Hecking seine erste Einheit mit der Mannschaft. Diesmal natürlich im Trainingsanzug. Dem Anlass entsprechend.

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