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Jens Todt ist seit Juni 2013 Sportdirektor des Karlsruher SC
Jens Todt soll Sportdirektor des Hamburger SV werden © Getty Images

München - Für Jens Todt ist der Hamburger SV Alptraum und Chance zugleich. SPORT1 erklärt, was den ehemaligen Bundesliga-Profi als kommenden Sportdirektor auszeichnet.

Jens Todt war selten so wütend wie am 1. Juni 2015. 

Gerade hatte ihm der Hamburger SV in buchstäblich letzter Sekunde den Traum vom Aufstieg in die Bundesliga zerstört, da erschien der Sportdirektor des Karlsruher SC sichtlich erbost zum Pressegespräch, brachte es aber noch fertig, seinen Ärger in einer Phrase des berühmten Impressionisten Max Liebermann zu verpacken: "Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte."

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Es sah dem in der Öffentlichkeit sonst so gefassten Manager gar nicht ähnlich, derart aus der Haut zu fahren. Seine Empörung ließ sich aber durchaus nachvollziehen, denn wäre der fragwürdige Freistoßpfiff von Schiedsrichter Manuel Gräfe kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit ausgeblieben, hätte sich der KSC in der Relegation vermutlich durchgesetzt.

Bruchhagens erste Option

Eineinhalb Jahre später darf Todt seinen Traum von einem Manager-Posten auf Deutschlands höchstem Fußball-Level trotzdem ausleben. Nicht beim KSC, der aktuell sogar um den Klassenerhalt bangen muss, sondern ausgerechnet beim HSV. Er soll den Krisen-Klub aus dem Norden davor bewahren, erneut in eine Situation wie jene am 1. Juni 2015 zu geraten. Welch eine Ironie des Schicksals.

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Nach Absagen von Horst Heldt, Nico-Jan Hoogma und Christian Hochstätter - noch unter Dietmar Beiersdorfer - ist die pannenreiche Sportdirektorensuche der Hanseaten wohl zu Ende -auch wenn die offizielle Bestätigung noch aussteht.

Der Ende November beim KSC freigestellte Todt gilt als erste Option für die restaurierte Hamburger Führungsetage um den neuen Vorstandschef Heribert Bruchhagen.

Potenzial in Karlsruhe bewiesen

Auf den ersten Blick mag es seltsam erscheinen, dass der HSV auf jemanden baut, der die sportliche Talfahrt seines vorherigen Arbeitgebers maßgeblich mit zu verantworten hatte. Da passen auch nicht die Worte von Investor Klaus-Michael Kühne vor drei Jahren ins Bild, der die Verpflichtung des damaligen Karlsruher Sportchefs Oliver Kreuzer scharf kritisiert und diesen als "Drittliga-Manager" abgestempelt hatte.

Andererseits hat der ehemalige Freiburger, Bremer und Stuttgarter Bundesliga-Profi Todt in Karlsruhe auch bewiesen, ein konkurrenzfähiges und zwischenzeitlich sogar (fast) erstligataugliches Team formen zu können, ohne dabei Unsummen auszugeben. In seiner Zeit beim KSC baute der Europameister von 1996 Schulden ab, verbesserte zudem das arg angespannte Verhältnis zu den Fans und zur Stadt.

Zudem ist Todt in Hamburg kein Unbekannter. Der 46-Jährige gilt als enger Vertrauter von Bruchhagens Vorgänger Dietmar Beiersdorfer und arbeitete zwischen 2008 und 2009 schon als Leiter des Nachwuchszentrums beim HSV. Dass er es dort nur zwölf Monate aushielt, war dem angespannten Verhältnis zu Ex-Vorstandsboss Bernd Hoffmann geschuldet.

Geschult im Umgang mit Medien

Todt betonte damals, nicht das nötige Vertrauen des Verantwortlichen gespürt zu haben. Das ist - zumindest jetzt - anders. Bruchhagen gab sich nach seinem Amtsantritt Mitte Dezember mit der Suche nach einem neuen Sportdirektor etwas Zeit. Die nun doch zügige Verpflichtung Todts entspricht also keinem Akt der Verzweiflung.

Macht aber natürlich Sinn, da auf Todt im Winterschlussverkauf gleich Verantwortung zukommt.

Und: Nach Jahren des Tohuwabohu ist dem früheren Verteidiger neben dem besonnenen Bruchhagen durchaus zuzutrauen, Ruhe in das schwierige Umfeld des Klubs einkehren zu lassen. Kaum ein Manager ist im Umgang mit der Presse so geschult wie Todt, schließlich arbeitete er nach seiner Profi-Karriere drei Jahre als Panorama-Journalist beim Spiegel.

Kein Trainer-Verschlinger

Die Voraussetzungen für bessere Zeiten hängen aber nicht nur von Todt allein ab. Entscheidend wird auch sein Verhältnis zu Trainer Markus Gisdol sein.

Beim KSC verstand sich der Manager vor allem mit Markus Kauczinski hervorragend.

Das Duo, das auch privat viel miteinander unternahm, führte die Badener 2014/15 um ein Haar zum Aufstieg - wäre nicht der HSV dazwischengegrätscht.

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