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München - Martinez in Topform, Boateng zurück auf dem Platz: Wie stellt Ancelotti künftig auf? Bayerns Ex-Coach prophezeit Probleme. SPORT1 erklärt die Tücken der Abwehr-Rochade.

84 Tage. So lange musste der FC Bayern zuletzt ohne Jerome Boateng auskommen. Mal ehrlich: So richtig aufgefallen ist das nicht.

Für seine Verhältnisse wurde Boateng erstaunlich wenig vermisst beim Rekordmeister. Was vor allem ein Verdienst seines Vertreters war. Javier Martinez hat einen so vortrefflichen Part in der Innenverteidigung neben Mats Hummels gegeben, dass selbst neutrale Beobachter ins Schwärmen gerieten.

"Der Bayern-Stabilisator" titelte die FAZ dieser Tage. Und die tz befand mit Blick auf die 40 Millionen, die die Münchner einst für den Basken auf den Tisch gelegt haben: "Der Mann, der's wert ist".

Worte, die bei vielen in München auf Zustimmung stoßen. Einer wird sie mit gewissem Argwohn betrachtet haben. Gewöhnlich ist es Boateng selbst, der die Führungsrolle in Bayerns Hintermannschaft für sich beansprucht.

Nachdem der Nationalspieler gegen Frankfurt sein Comeback gab, muss Trainer Carlo Ancelotti plötzlich zwischen mehreren potenziellen Abwehrchefs entscheiden. SPORT1 erklärt, wo Bayerns Defensiv-Rochade zum Problem werden könnte.

Hummels, Martinez, Boateng - einer zu viel?

Jemand, der sich auskennt mit wechselndem Personal, ist Ottmar Hitzfeld. Bayerns ehemaliger Coach hat die Rotation in Fußball-Deutschland salonfähig gemacht. Doch ausgerechnet er prophezeit Ancelotti bei der Besetzung seiner Innenverteidigung Ungemach. 

"Es ist eine außergewöhnliche Situation, dass alle Spieler fit sind. Das kann für den Trainer problematisch werden", warnte Hitzfeld in der Sport Bild. "Carlo Ancelotti steht nun vor schweren Entscheidungen. Wer muss auf die Tribüne, wer muss auf die Bank?"

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Boateng für seinen Teil meldet bereits Ansprüche für kommende Einsätze an: "Es stimmt, dass die Mannschaft im Flow ist, aber es kann auch ganz schnell umschlagen, wenn man in den K.o.-Spielen nicht da ist. Ich hoffe, dass ich der Mannschaft helfen kann", sagte er SPORT1.

Boateng zurück, Martinez auf einmal außen vor?

Zwar betont Ancelotti: "Bei den Innenverteidigern gibt es keine Nummer eins, zwei oder drei. Sie sind alle drei fantastisch, und ich werde alle brauchen."

Passwunder Martinez

In erster Linie hat aber Martinez in dieser Saison kräftig Argumente für einen Platz in der Stammelf gesammelt. 

Spätestens seitdem Pep Guardiola sein Fußball-Alphabet in München eingeführt hat, beginnt das Angriffsspiel des Rekordmeisters in der Abwehr. Also braucht es Verteidiger, die Pässe an den Mann bringen. In dieser Hinsicht reicht niemand an Martinez heran.

In der laufenden Spielzeit kommt er auf eine Passquote von 90,9 Prozent, gehört damit zu den Top-5-Spielern der Liga. Auch ein Grund, warum sich die Bayern in der Rückrunde deutlich stabilisiert haben. Denn Hummels (88,6 Prozent) und vor allem Boateng (84,3 Prozent) reichen in dieser Statistik nicht an ihn heran. 

Problem-Zweikämpfer Boateng

Und noch in einer anderen Rubrik hat Boateng Defizite. Vor seiner Verletzung kam er in der Liga nur auf 57,9 Prozent gewonnener Zweikämpfe - der deutlich schlechteste Wert aller Bayern-Verteidiger. Verglichen mit Hummels (84,3 Prozent) gar eine andere Liga.

Martinez gewinnt zwar auch "nur" 62,5 Prozent seiner direkten Duelle, ist jedoch ein äußerst hartes Kaliber im Kampf Mann gegen Mann.

Einige Beobachter fühlen sich dieser Tage an 2013 erinnert. Damals war Martinez die wichtigste Stütze der Triple-Mannschaft. 

Unter Jupp Heynckes lief er als Sechser auf, im Champions-League-Endspiel gegen Dortmund gewann er sagenhafte 72 Prozent seiner Zweikämpfe. Über Nacht wurde Martinez zum heimlichen Star. Diesen Status hat der Baske bis heute inne.

Hoeneß' Vorschlag: "Martinez ins Mittelfeld"

Ob seiner Verdienste von damals haben die Bayern-Bosse wieder eine Sonderaufgabe für ihn auserkoren.

"In der Form, wie Martinez spielt, kann man den ja gar nicht rausnehmen", urteilte Uli Hoeneß in dieser Woche in der tz. "Wenn er nicht gerade aus Verletzungsgründen anderer Spieler in der Innenverteidigung spielt, wird er im Mittelfeld spielen."

Und plötzlich ginge sie doch auf, die Rechnung mit Hummels, Boateng und Martinez. 

Eine Vorstellung, mit der sich auch Ancelotti anfreunden kann. Angesprochen auf Hoeneß' Planspiele sagte er: "Ich weiß, dass er ein guter Mittelfeldspieler ist, das kann eine Option sein."

Das Problem ist nur: Martinez mag ein herausragender Abfangjäger sein. Doch kann er auch das Spiel aus dem Mittelfeld heraus ankurbeln?

Alonso auf die Bank?

Wenn das Dreigestirn tatsächlich zusammen einen Platz im Team finden sollte, müsste am ehesten Xabi Alonso vor der Abwehr weichen. Der, könnte man einwerfen, wird seine Karriere ohnehin bald beenden. Aber wird Ancelotti seinem langjährigen Fahrensmann ausgerechnet den großen Abgang von der Fußball-Bühne verwehren? Schwer vorstellbar.

Wie sagte Ottmar Hitzfeld? "Als Trainer kommt einem das ein oder andere Wehwehchen eines Spielers manchmal gar nicht unrecht." 

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