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Hamburg - Heribert Bruchhagen spricht bei SPORT1 über die Ziele des HSV, Investor Kühne, den Transferwahn, die Lage der Bundesliga, Jupp Heynckes und Laptop-Trainer.

Heribert Bruchhagen ist ein Urgestein der Bundesliga. Der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV kennt das Fußballgeschäft und seine Entwicklungen in Deutschland wie nur wenige. Nach seiner Rückkehr nach Hamburg im vergangenen Jahr hat der ehemalige HSV-Manager den Verein in einer stürmische Saison auf Kurs gehalten und will die Hanseaten wieder in ruhigeres Fahrwasser führen.

Im SPORT1-Interview spricht Heribert Bruchhagen über die Ziele seines Klubs, Investor Klaus-Michael Kühne, den Transferwahn, die Lage der Bundesliga, Bayern-Rückkehrer Jupp Heynckes und Laptop-Trainer.

Heribert Bruchhagen über:

…  über eine eventuelle nächste Zitter-Saison:

"Ich weiß, dass wir eine schwere Hinrunde haben werden. Die ersten Vier des letzten Jahres, die auch jetzt wieder oben stehen, haben wir hier zuhause. Gegen die Mannschaften auf Augenhöhe müssen wir in der Regel auswärts spielen. Meine Erfahrung sagt mir, dass wir in der Hinrunde weitaus weniger Punkte holen als in der Rückrunde. Das wirkt sich auch tabellarisch aus. Es ist meine Aufgabe, die richtige Einschätzung vorzunehmen und dafür zu sorgen, dass die Aufregung um uns herum nicht zu groß wird."

… über die Transferpolitik im Sommer:

"Wir haben unseren Etat komplett ausgeschöpft. Im Offensivbereich sind Andre Hahn und Sven Schipplock hinzugekommen. Darüber hinaus haben wir unsere drei Stammstürmer Nicolai Müller, Bobby Wood und Filip Kostic gehalten, zudem haben wir mit Luca Waldschmidt ein hervorragendes Talent. Wir haben alles, was wir an wirtschaftlichen Möglichkeiten hatten, in die Mannschaft hineingesteckt. Mehr war nicht möglich."

… über die Größenverhältnisse zwischen dem HSV und dem FC Bayern:

"Es hat sich ganz viel verändert. 1993 wollte zum Beispiel der FC Bayern unseren Mittelstürmer Karsten Bäron haben. Das konnten wir abwehren, weil der Etat des HSV nur etwas geringer war als der des FC Bayern. Während der Etat-Unterschied zwischen dem HSV und Bayern Anfang der Neunziger vielleicht bei 30 bis 40 Prozent lag, liegt er heute bei über 500 Prozent. Durch die gesamte Entwicklung der Bundesliga, vor allem durch den Treibsatz der Fernsehgelder haben sich die Vereine vollständig voneinander entfernt."

… über die Entwicklung auf dem Transfermarkt:

"Ich könnte mir gut vorstellen, dass der FC Bayern, wenn er schlau ist, mal ein, zwei Jahre auf das Ziel verzichtet, die Champions League zu gewinnen. Dafür ist im Augenblick die Situation viel zu heiß. Ich muss nicht auf den Neymar-Transfer abheben, das ist allen bekannt. Wenn in dieser Größenordnung Spieler wechseln, dann tut der FC Bayern aus meiner Sicht gut daran, sich an diesem Schwindel nicht zu beteiligen. Ich glaube, dass das in zwei, drei Jahren schon wieder anders aussehen wird, wenn sich die Situation eingependelt hat.

… über die internationale Konkurrenzfähigkeit der Bundesliga:

Der FC Bayern ist unser großer Vertreter im internationalen Fußball um die Champions League, Borussia Dortmund ist im nationalen Wettbewerb ein Konkurrent. Auch die enttäuschenden Ergebnisse in der Europa League am letzten Spieltag waren sicherlich eklatant. In der Tat können uns die Ergebnisse von Hertha und von Hoffenheim nicht zufriedenstellen und das ist natürlich auch in der internationalen Punktewertung, die ja auch wieder wirtschaftliche Bedeutung hat, [...] nicht erfreulich. Es ist mir zu früh, um ein grundsätzliches Urteil zu fällen, was die sportliche Situation der Bundesliga angeht. Aber wenn wir gegen den bulgarischen Tabellenvierten oder den schwedischen Tabellenfünften verlieren, dann ist das ein Fingerzeig, den man unbedingt beachten muss.

… über mögliche Änderungen in der Bundesliga:

"Wir müssen uns nicht verändern, wir haben nach wie vor die attraktivste Liga der Welt. Das Eigenkapital der Bundesliga hat in den letzten fünf Jahren ständig zugenommen. Die Vereine investieren immer mehr in Logistik, in Steine, in Nachwuchsleistungszentren. Wir haben ein ganz tolles Produkt in der Bundesliga und wir müssen uns nicht ändern, sondern ich denke, wir sollten diesen Schwindel mal zwei, drei Jahre nicht mitmachen. Sonst verlieren wir auch das Vertrauen unserer Besucher. Wenn hier 200 Millionen gehandelt werden für einen Spieler, dann darf man sich langfristig nicht wundern, wenn der eine oder andere Stehplatz- oder Sitzplatzbesucher sagt: "Och nee, das ist nicht mehr mein Ding." Von daher glaube ich, dass wir in der Bundesliga einen guten Weg für uns finden werden."

… über die Rückkehr von Jupp Heynckes:

"Ja, ich war überrascht. Da wäre ich nicht drauf gekommen, aber nach etwas kürzerem Nachdenken kann ich den Bayern nur zu dieser Entscheidung gratulieren. Jupp Heynckes ist wie Hans Meyer oder Otto Rehhagel - das sind großartige Vertreter des deutschen Fußballs, die durch ihre ganze Art immer wieder Glaubwürdigkeit und Authentizität im Fußball dokumentiert haben. Daher ist es natürlich toll. Wenn ich dann sehe, dass Peter Hermann und Hermann Gerland zu diesem Team gehören, dann ist die Glaubwürdigkeit des Fußballs komplett hergestellt.

...über den Vergleich der alten und der neuen Trainer-Generation:

Das (Heynckes, Hermann und Gerland) sind Vertreter des Fußballs, die sich nicht hinter Anglizismen verstecken, sondern die eine klare Sprache haben. Das tut uns in diesem Augenblick gut, denn wir werden ja förmlich überschwemmt mit Zahlenmaterial und mit Crossover, One-Touch, Packing und wie das Ganze lautet. Das hieß früher Seitenwechsel, schnelles Umkehrspiel und versuche das Spiel möglichst schnell nach vorne zu verlagern. Das ist ein von der Sporthochschule Köln entwickeltes Sprachkleid, das ist in Ordnung, damit kann man leben, hat aber null Aussagekraft. Matchplan, Konzepttrainer und all die Dinge, die werden sich sicherlich dahingehend erledigen, dass Heynckes ein Taktikfuchs ist, der sich ununterbrochen mit dem vorhandenen Spielermaterial, mit dem Gegner und mit all den Dingen auseinandersetzt, wie es jeder ernsthafte Bundesliga-Trainer tut - unabhängig vom Sprachkleid, das er für seine Aktionen wählt."

… über den Vorwurf, die HSV-Führung spreche nicht mit einer Sprache:

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"Das ist komplett falsch. Da ist nichts dran. Es gibt ein wunderbares Verständnis zwischen Jens Todt, dem Trainer, mir und auch dem Aufsichtsrat. Damit werde ich ständig konfrontiert, aber das ist absoluter Blödsinn."

… über Reinhard Rauballs Kritik an HSV-Investor Klaus-Michael Kühne:

"Im Unterschied zu Herrn Rauball habe ich gesagt, dass Herr Kühne noch nie ins operative Geschäft eingegriffen hat. Und dass mir die Diktion der Aussagen von Herrn Kühne (Luschen, Jahrhundert-Flop, Anm.d.Red.) nicht gefallen hat. Ich bin davon überzeugt, dass Herr Kühne inzwischen weiß, dass das keine glücklichen Aussagen waren. Irgendwann muss die Geschichte auch beendet sein. Wir sind Herr Kühne dankbar, dass er immer da war, wenn der Verein in einer schwierigen Situation war."

… darüber, dass Herr Kühne manchmal mehr Fluch als Segen sei:

"Herr Kühne kann niemals Fluch sein. Er war für den HSV in schwieriger Situation immer ganz, ganz wichtig und hat dem Verein nach bestem Wissen geholfen. Es gibt nicht den Ansatz eines Fluches. Nur wegen eines unglücklichen Interviews? Das ist eine Fehleinschätzung."

… über den angekündigten Rückzug von Kühne:

"Unser Ziel muss sein, dass wir autark sind und unseren Lizenzspieleretat durch eigene Einnahmen abdecken können. Daran arbeiten wir. Im Augenblick besteht überhaupt nicht die Fragestellung, Herr Kühne um Hilfe zu bitten. Trotzdem ist es ein wunderbares Gefühl, dass man so einen Förderer wie Herrn Kühne im Rücken hat, wenn sich Dinge negativ entwickeln sollten und man in Schwierigkeiten kommen könnte."

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