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Stefan Kießling und Bayer Leverkusen belohnten sich nicht für eine starke erste Hälfte.

München - Leverkusen zahlt in Monaco den Preis für das System unter Roger Schmidt. Fallen vorne keine Tore, bekommt das Team Probleme.

Von Bayer Leverkusen berichtet Andreas Reiners

Monaco - Stefan Kießling rang um Worte.

Der Stürmer von Bayer Leverkusen war ratlos. In seine Analyse mischte sich eine Portion Frust. Wut. Enttäuschung. Aber vor allem Ernüchterung.

"Wie wir Monaco wieder ins Spiel haben kommen lassen - das darf uns nicht passieren. Das tut weh, weil du in der Gruppenphase nicht so viele Spiele hast, um weiterzukommen", sagte Kießling nach dem 0:1 (0:0) zum Start der Champions League beim AS Monaco (Bericht).

Schließlich fügte er fast schon fassungslos hinzu: "Ich habe selten so eine unnötige Niederlage gesehen." Und Kießling hat in acht Jahren bei Bayer Leverkusen schon viel gesehen. 

Eine kleine Zeitreise

Das Spiel in Monaco war für den früheren Nationalspieler dann auch eine kleine Zeitreise.

Die erste Halbzeit: Bayer Leverkusen im Jahr 2014. Mit dem unter Trainer Roger Schmidt praktizierten Power-Pressing setzte Bayer die Monegassen wie gewohnt früh unter Druck, zwang die Franzosen zu frühen Fehlern. Die Werkself hatte den Gegner im Griff

Und erspielte sich mit dem neuen Offensiv-System, mit dem die Werkself in der Bundesliga zu neun Toren in drei Spielen an die Tabellenspitze gestürmt war, zahlreiche Chancen.

Der Unterschied: Ob nun Ömer Toprak, Gonzalo Castro oder Karim Bellarabi - diesmal versagten die Leverkusener vor allem in der ersten Halbzeit vor dem gegnerischen Tor. Im Kollektiv. Und kläglich.

Längst vergessene Zeiten

Schließlich folgte ein Rückfall in die Vergangenheit. In, so dachte man bei Bayer zumindest, eigentlich längst vergessene Zeiten.

Denn Leverkusen brach gegen einen biederen Gegner in der zweiten Halbzeit ein. Verlor den Faden, die Struktur und die Konzentration. Haderte. Zögerte. War zu ängstlich. Verzweifelte. Und wartete im Grunde nur auf das, so schien es, Unvermeidbare: Die unter dem Strich bittere Niederlage.

Woran das liegt? Diese Frage hat Kießling in Leverkusen schon oft gehört.

Eine Antwort darauf hat er bis heute nicht gefunden. "Ich weiß es nicht. Es ist schwer zu sagen, woran so etwas immer liegt. Wir haben uns einfach blöde angestellt, das Spiel in der ersten Halbzeit zu entscheiden", so der 30-Jährige.

Es ist sicher kein Zufall, dass Bayer von den letzten 16 Auswärts-Auftritten in der Königsklasse nur einen gewonnen hat.

Fragiles Gebilde?

In Leverkusen wurden die Gründe für solch einen kollektiven Einbruch früher gerne mal in der Psyche gesucht. Fußball ist schließlich auch immer Kopfsache. Wenn man vorne nicht trifft, wird das hinten irgendwann bestraft, sagt man.

Eigentlich schien das unter Schmidt abgehakt. Denn dank des Power-Fußballs fielen auch die Tore. Mit den Toren stellte sich der Erfolg ein. Und mit dem Erfolg das Selbstbewusstsein. Offenbar ist das Gebilde aber immer noch fragil.

Denn in Monaco wurde offenkundig, dass das risikoreiche System unter Schmidt zu einem Teufelskreis führen kann. Der Leverkusener Offensiv-Fußball geht sowieso bisweilen noch zu Lasten der Defensive. Und klappt es dann vorne auch mit den Toren nicht, wird der Gegner ungewollt aufgebaut.

Zudem zahlt Bayer den Preis für den kräftezehrenden Fußball. Der Werkself ging in Monaco irgendwann die Luft aus. Unkonzentriertheiten, Fehler schlichen sich ein. "Es ist schwer zu erklären, warum wir nicht getroffen haben. Vielleicht hat ein bisschen die Konzentration gefehlt", räumte Schmidt dann auch ein.

"Dann muss man sich nicht wundern"

"So viel Aufwand, wie wir betreiben - da muss man das Spiel schon in der ersten Halbzeit entscheiden. Und wenn man die Dinger nicht reinmacht, muss man sich nicht wundern", sagte Lars Bender. Man habe das Spiel in der ersten Halbzeit hergegeben, so der Mittelfeldmann.

Bender ist ein gutes Beispiel für diesen Teufelskreis: Beim Gegentreffer kam er nicht schnell genug zurück und ließ den Torschützen Joao Moutinho ziehen.

"Dass wir 90 Minuten so spielen wie die erste Halbzeit, davon ist nicht unbedingt auszugehen. Das schafft wahrscheinlich keine Mannschaft der Welt. Wenn man so eine gute erste Halbzeit spielt wie wir, sollte man das Spiel auch dann entscheiden", sagte Schmidt. Doch viele Chancen garantieren eben noch keinen Sieg.

Bayer kann mithalten

Sportdirektor Rudi Völler nahm dann zumindest das Positive mit. "Wichtig war es zu sehen, dass wir auf dem Niveau mithalten können und in dieser Gruppe auch noch punkten können."

Am besten schon im Heimspiel am 1. Oktober gegen Benfica Lissabon.

Denn sonst ist die diesjährige Champions League für Bayer schon bald Geschichte.

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